Adenauer und die Humanisierung unseres Zusammenlebens

Wer hat´s gesagt?

„Die bodenreformerischen Fragen sind nach meiner Überzeugung Fragen der höchsten Sittlichkeit. Es nützt Ihnen alles nichts, was Sie sonst machen, im Schulwesen, mit Kultur – mit dem Wort wird ja ein solch furchbarer Missbrauch betrieben – die ganze Volksbildung – alles das nützt Ihnen nichts, wenn Sie nicht das Übel an der Wurzel fassen.“

Es war Lenin, 1920.

Nein, es war Konrad Adenauer, 1920, rezitiert von Hans Jochen Vogel in seinem letzten Buch Mehr Gerechtigkeit! Wir brauchen eine neue Bodenordnung – nur dann wird auch Wohnen wieder bezahlbar. Der Titel zeigt die Richtung: Ohne Bodenreform ist alles nichts. Ohne eine komplette Enteignung – so interpretiere ich das – ist alles nichts. Ohne eine Bodenreform sind selbst Bildung und Kultur obsolet, sagte Adenauer.

Als Adenauer das sagte, war die Diskussion über Bodenreformen offener, der Staat hatte offenbar noch einen gewissen Anspruch ans Soziale. Die vielen unter dem soziademokratischen Stadtbaurat Martin Wagner gebauten Siedlungen von Bruno Taut und anderen zeugen davon.

Adenauer wäre heute ein Fall für den Verfassungsschutz. Eine Bodenreform ist für die Propagandisten dieses Landes das Schlimmste, das passieren könnte. Es wäre damit ein zuverlässige Quelle der Geldakkumulation auf Kosten anderer genommen – damit kann der Kapitalismus systembedingt nicht leben. Etwas höhere Löhne, Gleichberechtigung der Frau, ja selbst die prügelfreie Erziehung der Kinder sind dem Kapitalisten verhandelbar, denn auch ohne diese Methoden ist Ausbeutung möglich. Ohne Privatbesitz am Boden würden Milliarden Euro eben nicht automatisch jedes Jahr auf die Seite der Besitzenden wandern. Eine Bodenreform wäre ein Kultur- und Effizienzschock, systemimmanent kaum zu reparieren.

Neben Adenauer zitierte Vogel in seinem Buch Willy Brandt. Man solle auch, so Brandt 1974, über „gemeinsame Versäumnisse deutscher Politik“ reden.

„So mit Notwendigkeit beim Bodenrecht. Denn es gibt keinen Zweifel, dass hier eine der fundamentalen Reformen zur Erleichterung und Humanisierung unseres Zusammenlebens lange überständig sind“.

Diese fundamentale Reform ist auch knapp 50 später noch überständig, nicht zuletzt, weil die Sozialdemokratie nach Brandt sich korrumpieren ließ. Vogel sagte es freundlicher: Seine Ideen “wurden damals von meiner Partei mehr oder weniger schweigend begraben“.

Und heute? Erwartet jemand von SchröderSteinbrückScholzSchulzMaasGiffey und so weiter emanzipatorische Reformen? Letztere hat gerade im Tagesspiegel verkündet, dass sie die SPD weiter nach rechts rücken will. Die Tatsache, dass die Bundes-SPD keinerlei Interesse an einer Bodenreform hat, zeigt das Maß an systemischer Korruption dieser Partei. Sie ist praktisch im Arsch. Programmatisch wäre vielleicht noch etwas zu retten.

Aber vielleicht ist das ganz normal: Eine linke Partei im Kapitalismus hat zwei Möglichkeiten. Entweder sie legt sich mit dem System an und bekommt früher oder später Besuch vom Verfassungsschutz. Oder sie macht mit, egal wobei. Man denke an Noske.

Vielleicht kann das System nicht anders: Der Boden ist aus Sicht des Kapitals genial. Er ist begrenzt und es lässt sich ohne Arbeit, also ohne Auseinandersetzungen mit der Arbeiterklasse, im Wert extrem steigern.

Die Bodenfrage ist der zentrale Aspekt politischer Arbeit, zumindest in den Ballungsräumen. Wer sich hier nicht eindeutig zu grundsätzlichen Umwälzungen bekennt, ist Feind der Massen. So klar sollte man das sagen.

Adenauer, Brandt und Vogel – drei mittlerweile verstorbene Politiker, die in diesem Punkt zumindest rhetorisch auf Seite der Massen standen.

(Foto: genova 2020)

 

Dieser Beitrag wurde unter Gentrifizierung, Kapitalismus, Neoliberalismus, Politik abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Adenauer und die Humanisierung unseres Zusammenlebens

  1. Jakobiner schreibt:

    Also Adenauer hat mit Bodenreform sicherlich nicht die entschädigungslose oder entschädigt Enteignung der Grund-und Häuserbesitzer gemeint.Das kann ich mir nicht vorstellen.Zwar hatte die CDU in ihrem Ahlenrr Programm noch den Sozialismus als verbale Ziel,aber schon schnell hieß es Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau und:Keine Experimente.Viele Forderungen der damaligen Zeit sind auch vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus zu sehen.So sprach das Potsdamer Abkommen auch von der Zerlegung der Trusts,allen voran der IG Farben und der Nationalisierung und möglichen Verstaatlichung.Aber das war auch schnell wieder vergessen und nur reines Windowdressing.

    Liken

  2. Jakobiner schreibt:

    1920-da stand Adenauer und die deutsche Rechte noch unter dem unmittelbaren Schock der Oktoberevolution in Russland und den Aufständen der Arbeiter-und Soldatenräre in Deutschland.Wahrscheinlich als folgenlos Rgetorik zu verstehen,die nie ernst gemeint war,schon gar nicht bei Adenauers Kölner Klüngel,Abs und Pferdemenges.

    Liken

  3. genova68 schreibt:

    Ja, sicher nicht entschädigungslos. Aber die Stoßrichtung scheint doch offensichtlich: Es soll kein Mehrwertprofit mit Boden gemacht werden. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass solche Töne heute von der CDU niemals kommen würden, abgesehen vielleicht von Leuten wie Blüm oder Geißler, die bezeichnenderweise aus einer anderen Generation kommen.

    Liken

  4. suburban tracker schreibt:

    Wer hat uns schon vor gut 100 Jahren verraten? Nicht die CDU auf jeden Fall. Was für eine korrupte Zeit heute!

    Liken

  5. Jakobiner schreibt:

    Geissler war zuletzt Attac-Mitglied und Globalisierungskritiker.Schon beachtlich.Für CDUler galt er damit auch schon als Linksextremer und wirklichkeitsfeindlicher Utopist und Spinner.Interessant ist,dass solche Leute wie Geissler und Blüm sich im wesentlichen auf die katholische Soziallehre berufen,also noch nicht mal etwas,was man bei der Sozialdemokratie oder dem Marxismus ansiedeln könnte.Dies als Kontrapunkt zur protestantisch-calvinistische Prädistationslehre,die Reichtum als gottgewollt und Zeichen der Vorhersehung sieht oder nach dem Motto agiert Hilf dir selbst,dann hilft dir Gott. Der Arbeitnehmerflügel der CDU/CSU und die katholische Soziallehre wird als wesensfremd vom neoliberalen Christentum angesehen,fast schon mit der Theologie der Befreiung eines Leonardo Boffs und Ernesto Cardenals gleichgesetzt,die der polnische Papst Johannes Paul II wie auch dein damaliger Exzorzist der Glaubenskongregation Ratzinger,späterer Wir sind Papst(BILD) Benedikt so vehement an der Seite von südamerikanischen Militärdiktatoren,Opus Dei und Todesschwadronen,die auch katholische Nonnen und Priester wie Romero ermordeten bekämpften.Dazu auch noch Solidarnosc und Pershing 2 für den antikommunistischen Kreuzzug segnete und unterstützten.Papst Franziskus ist der erste Papst aus einem Entwicklungsland,noch weiss und europäisch geprägt,aber der erste Südweltvertreter aus Südamerika,der sich auch mit der Theologie der Befreoung auseinandersetzen musste.Anfangs behaupteten deren Verzreter,dass der Jesuit Franziskus die argentinische Militärdiktatur bei ihrem Kampf gegen die Linke und Befreiumgstheologie geholfen habe,aber nach einem Grspräch verstummten urplötzlich dieseVorwürfe. Jedenfalls fällt die katholische Kirche neben Pädophilie-und Missbrauchsvorwürfen und Korruption nun durch die antikapitalistischen Schriften des Papstes Franziskus unangenehm auf,die von neoliberalen Feuilletons und Kommentatoren heftigst kritisiert und angeprangert werden.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.