Architektur und Alltag 10

Eine Siedlung aus den späten 1950er oder den frühen 1060er Jahren im südlichen Berlin. Solche Häuser haben heute einen ganz besonderen Reiz, weil man hier eine kaum noch erlebbare Sensibilität im Bauen feststellen kann. Man hatte genug vom Protzen, der Neoklassizismus war durch die Nazis endgültig diskreditiert, also verlegte man sich auf die Details. Diese von außen gesetzte Begrenzung war nicht das schlechteste, was der Architektur in Deutschland passieren konnte, zumal alle ernstzunehmenden, intellektuell vorzeigbaren Architekten das Land wegen der Nazis verlassen hatten. Architekturtheorie, Nachdenken über Architektur oder gar Neuentwicklungen fanden bis in die 1970er Jahre schlicht nur begrenzt statt.

Und so gibt es heute eine Menge bescheidener Architekturen zu bestaunen, die längst allen möglichen Moden gewichen sind. Unbestreitbar ist, dass im Vergleich zu diesen Häusern der Wohnungsbau heute regressiv geworden ist. Man baut wieder mit Satteldächern, mit Gauben, mit allem mögichen kitschigen Zierrat, man baut angeberisch, mit Plastiksäulen; Dumpfbackenarchitektur allerorten.

Nicht so im vorliegenden Fall. Wir haben im linken Bild ein Flachdach, im Erdgeschoß Garagen, breite Balkone und durch den sich nach oben verjüngenden Pfeiler eine interessante Anmutung. Die Balkonbrünstungsziegel bewirken Wehmut angesichts der Billigbauhausziegel, die man heute an die Fassaden pappt.

Für den rechten Bau gilt das (außer Garagen) das gleiche. Wir sehen ein völlig unaufgeregtes Haus, das aber sofort signalisiert, dass der Architekt sich hier eine Menge Gedanken über die Details wie auch über die komplette Fassadengestaltung gemacht hat. Kleine Dachüberstände, gerade so viel, wie nötig, um schlechtes Wetter abzuhalten, rechts der sich verjüngenden Stütze sind sämtliche Fenster angebracht, links davon bleibt die Wand kahl. Die Balkone der sich links anschließenden Seite sind über die Ecke gezogen, ein Detail, das bei geringem Aufwand eine immense Wirkung hervorruft. Dazu kommen Holzrollläden.

Solche Häuser wirken heute so angenehm, weil sie zeigen, dass es zum angenehmen Wohnen keine Protzerei braucht. Die heute gefeierten Häuser von all den trendigen Architekten sind fast durch die Bank miserabel, haben keinen Gebrauchswert.

Die fortschrittliche Entwicklung in der Architektur bracht irgendwo in den 1970er Jahren ab. Die Postmoderne war reaktionär, die Vorwegnahme neoliberaler Politik weltweit. Seitdem hat sich alles, was gebaut wurde, vom Kapital korrupieren lassen. All die Blow- und Blubb-Architektur, all das Geplapper von der angeblich richtigen Typologie: Keine dieser Richtungen ist ohne die vollständige Vereinnahmung durch die Macht, durch das Geld, durch die Reaktion, nicht denkbar.

Heute braucht es pseudointellektuelle Institutionen wie die Ausstellungsräume Haus am Waldsee und die Architektur Galerie Berlin, deren vornehmste Aufgabe es ist, irgendwelche Architekten in den Intellekthimmel zu heben – naturgemäß ohne jeden intellektuellen Anspruch.

Sowas haben diese Häuser nicht nötig. Sie wirken aus sich selbst heraus. Friede diesen Hütten.

Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Berlin abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.