Furchtbar traurig

Des Deutschen liebstes Sommerthema ist bekanntlich die furchtbare sogenannte Hitze. Das Gejammer geht bei Temperaturen ab 23 Grad los, dann spricht die besorgte Presse von „Hitzewellen“. Man könnte es „Sommer“ nennen und sich freuen, aber das wäre zu sorgenfrei.

Aktuelles Beispiel: Der Tagesspiegel schrieb am Montag dieser Woche über die katastrophalen Folgen des derzeitigen Wetters:

Berlin steht eine weitere sommerlich heiße Woche bevor – auch wenn am Dienstag die Höchsttemperatur vorübergehend auf 26 Grad zurückgehen soll.

Die Höchsttemperaturen diese Woche liegen gemittelt bei runden 28 Grad, mit Extremen zwischen 24 und 32 Grad – im August wohlgemerkt. Alles ganz normal, doch mit der Anerkennung dessen gäbe es keine Aussicht auf Apokalypse – und die ist für den Durchschnittsdeutschen ein Muss.

Der Tagesspiegel-Artikel ist ein Sammelsurium deutscher Ängste. Es brauche nun dringend „verbindliche Konzepte“ gegen die Hitze. Die Konzeptempfehlung kommt von der Bundesregierung. Das sind die, die im März keine Masken bereitstellen konnten, weil der seit 2013 existierende und sehr konkrete Seuchenplan ignoriert worden war.

Kostproben:

So sollen

Schulen nicht nur Getränke, sondern auch gekühlte Aufenthaltsräume anbieten.

In Schulen gibt es Schüler im Alter von sechs bis 18 Jahren. Vermutlich freuen die sich einfach, wenn der Sommer da ist. Im Gegensatz zu deutschen Bedenkenträgern. Die glauben tatsächlich, Schüler brauchten nun ein Antihitzekonzept. Am besten gründen wir jetzt einen verbindlichen Antihitzekonzeptekreis.

Beliebt ist auch die Instrumentalisierung alter Menschen. Eine alte Frau, die in Berlin-Moabit wohnt,

trinkt ohnehin sehr wenig. Bei mehreren Tagen oder gar Wochen anhaltender Hitze kann das aber tödlich sein.

Sag bloß.

Sicher gibt es Wohnungen, in denen es im Sommer sehr warm wird, und für alte Leute kann das ein Problem sein. Die Lösung wäre simpel: In diesen Wohnungen – nach Süden ausgerichtet, unterm Dach, schlecht belüftet – bräuchte man Klappläden und gute Isolierung und Ventilatoren. Für Extremfälle gibt es Klimaanlagen. Das könnte sich dieses Land locker leisten, aber dieses Land zieht es vor, ungeschützte Altbauten für 5.000 Euro den Qudratmeter anzubieten. Dem Einzelnen ein Maximum an Profit für Ausbeutung zu garantieren, ist diesem Land naturgemäß wichtiger.

Vor dreißig, vierzig Jahren war es im Sommer praktisch genauso warm wie heute. Es gab damals keine Klimaanlagen, weder in Autos noch in Zügen oder Bussen oder in Einkaufszentren. Es wurde dennoch nicht gejammert. Man freute sich.

Ich wundere mich, dass der Tagesspiegel nicht den ultimativen Kick fordert: Frischluftschneisen für Berlin! In einer Stadt, in der es immer zieht, zieht es noch nicht genug. Es ist die heimliche Sehnsucht nach der Abschaffung von Stadt, dem Sündenpfuhl.

Vielleicht ist das Hitzethema aber nur ein Sommerlochfüller. Irgendwas muss man ja schreiben. Vielleicht hat es auch etwas mit der gehätschelten Identitätspolitik zu tun. Hitzediskriminierte, jawoll! Die brauchen endlich eine Lobby.

Vollends skurril, wie man sagt, agierte am Wochenende die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Eine Jennifer Wiebking – studierte Modejournalistin und nun im Ressort „Leben“ tätig – beklagt sich unter der an konkrete Poesie erinnernden Überschrift „Hitze. Schotten dicht. Unwetter“ bitterlich:

Der Sommer steht eigentlich für Lebensfreude. Doch in diesem Jahr mischen sich andere Gefühle unter: Angst vor Unwettern und Stress aufgrund der Hitze. Abschied von einer geliebten Jahreszeit.

Sehr gut: Angst. Ohne Angst geht hierzulande nichts. Wenn schon Corona nicht die heimlich erhofften Millionen Tote gebracht hat, dann doch bitteschön die Hitze.

Ganz schlimm, was den Eltern von Jennifer Wiebking passiert ist:

Vor ein paar Tagen hat so einer (ein Blitz) vor dem Haus meiner Eltern in eine gut 250 Jahre alte Eiche eingeschlagen und den Stamm in der Gabelung gespalten.

Schreck lass nach: Eine kaputte Eiche!!1! Da braucht es dringend einen langen Artikel in der FASZ und bundesweite Angstszenarien vor gutem Wetter.

Auch hier spürt man die unbewusste Sehnsucht nach der Apokalypse: Es

 folgen auf die Beschränkungen im Frühjahr jetzt im Sommer die selbstgewählten Ausgangsbeschränkungen, weil es draußen einfach unerträglich ist. Und das diffuse Gefühl, dass der Sommer mehr Anlass zur Sorge als zur Freude bietet, dass der letzte unbeschwerte Sommer der vergangene gewesen sein könnte, wird auf einmal konkreter.

Danke für die Herstellung der Verbindung von Corona und Sommer. Freud lässt grüßen.

Unerträglich ist dieses Geplapper, nicht das Wetter. Natürlich instrumentalisiert Wiebking noch ihr acht Monate altes Kind, dem ist es offenbar auch zu heiß. Vielleicht ist es aber auch nur genervt von seiner hysterischen Mutter.

Liest man den FASZ-Artikel weiter, wird die Vermutung konkret, dass das Stück eigentlich für die Titanic gedacht war:

Ich bekomme es zu spüren, sobald ich das Haus verlasse. Die Sonne knallt so auf den Eingang, dass es mir jedes Mal vorkommt, als wäre ich an einem lebensfeindlichen Ort gelandet. Wir verbringen unsere Zeit am helllichten Tage hinter heruntergelassenen Rollläden. Wobei, einen Spalt müsse man unbedingt offen lassen, sagt mein Mann. Das Glas könne sonst springen, vor Hitze.

Wir reden hier nicht von Andalusien oder dem Südiran. Wir reden von Frankfurt. Lebensfeindlich ist allein die Einstellung von Wiebking zu der Sommer genannten Jahreszeit.

Ich lese weiter. Die Deutsche Gesellschaft für Psychatrie und Psychotherapie mahnt:

Zum einen leidet der Mensch unter der Hitze, zum anderen macht der Klimawandel ihm Angst.

Deutsche haben Angst vor dem Klimawandel. Peng. Deutsche haben Angst, weil sie Angst haben wollen. Und dann führt jeder Sonnenstrahl zu einer Panikattacke. Es ist abgrundtief lächerlich.

Wiebking steigert sich in ihre Angst geradezu hinein:

Wird unser Zuhause also bald in jedem Sommer zu dieser Art Festung, wie es das schon im Corona-Frühling war?

Festung Europa, Festung eigene Wohnung: Hauptsache, wir fühlen uns bedroht.

Muss ein Hitzetag bald sorgsam geplant werden? Morgens zwischen sieben und halb zehn Besorgungen erledigen, anschließend Schotten dicht und auch abends bloß keinen Schritt vor die Tür wagen. Es könnte ein Unwetter aufziehen.

Man glaubt es nicht. Ich prüfe erneut, ob es sich bei diesem Artikel um einen Zweitabdruck aus der Titanic handelt. Handelt es sich leider nicht.

Für ihr Baby hat Frau Wiebking nun übrigens eine „atmungsaktive Sitzauflage für den Kinderwagen bestellt.“

Sie geht jetzt gerne ins Einkaufszentrum, weil es klimatisiert ist. Obwohl es, kein Scherz, „ein furchtbarer Klotz“ sei. Dass solche Hysterikerinnen kein Verständnis für Architektur haben, ist das I-Tüpfelchen. Wenn auch tragisch, da ihre Ausbildung zur Modejournalistin mit dem Verständnis von Ästhetik und Gesellschaft zu tun hat bzw. hätte gehabt haben sollen.

Außerdem sei das Einkaufszentrum

ein herrlicher Ort. Und zugleich ein furchtbar trauriger, um den Sommer auszuhalten.

Vielleicht hängt das eine mit dem anderen zusammen. Diese egozentrische Sichtweise, wonach ich nicht gerne schwitze und dafür umso lieber Angst habe, projiziere ich auf mein Kind und auf das ganze Land: Wir sind am Ende. Mehr als Jammerartikel zu verfassen, bleibt uns nicht. Wir werden alle sterben.

Die Kommentare unter dem FASZ-Artikel machen Hoffnung: Fast niemand nimmt die Hysterie der Autorin Ernst.

Die alte Moabiterin hat ihr Hitzeproblem übrigens souverän gelöst:

Die 80-Jährige aus Moabit hat sich von ihrem Enkel Jalousien einbauen lassen, die sie vom Bett oder Sessel aus mit Fernbedienung öffnet und schließt. Und zusätzlich hilft ihr zweimal am Tag eine Nachbarin beim Gang zur Toilette – damit sie ausreichend trinken kann.

Man müsste das alles verbinden: Die heimliche Lust der Deutschen an der Apokalypse, am totalen Untergang. Hitler bediente diese Sehnsucht, Frau Wiebking und unzählige andere deutsche Bedenkenträger schreiben die Tradition fort, und jeder deutsche Fahrradhelm und jede deutsche atmungsaktive Kinderwagensitzkissenauflage ist ein Ausdruck dessen. Irgendwas bringt uns um, irgendwas muss uns umbringen, sonst wäre unsere Angst grundlos. Kontrollverlust ist ein Begriff, der zu integrieren wäre. Eine Theorie zu all dem Wahnsinn steht aus.

Frankfurt diese Woche: Bei katastrophalen 28 Grad ist die Stadt wie ausgestorben. Die Frankfurterinnen und Frankfurter haben Angst

(Fotos: genova 2020)

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7 Antworten zu Furchtbar traurig

  1. neumondschein schreibt:

    In Schulen gibt es Schüler im Alter von sechs bis 18 Jahren. Vermutlich freuen die sich einfach, wenn der Sommer da ist. Im Gegensatz zu deutschen Bedenkenträgern. Die glauben tatsächlich, Schüler brauchten nun ein Antihitzekonzept. Am besten gründen wir jetzt einen verbindlichen Antihitzekonzeptekreis.

    Früher hatte die Schule hitzefrei. Dann versammelte sich die Schule am See.

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  2. genova68 schreibt:

    Wie, hitzefrei ist abgeschafft??

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  3. Jakobiner schreibt:

    Ich weiß nicht,was du an Medien und Zeitungen so alles liest.Zumindestens diese ganzen motivationstrainerhaften Radiomoderatoren faseln bei Temperaturen ab 30 Grad von schönem Wetter.Ich mag lieber Regentage,die haben etwas Meditatives und meinen kühlen Keller und Ventilator.Und diese teutonengrilligen überfüllten Bademassenstrände sind nur abstoßend.

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  4. Jakobiner schreibt:

    Die liebste Jahreszeit ist mir der Frühling.Wohl temperiert,alles blüht und gedeiht,keine stichige und heiße Sonne.Leider stirbt diese Jahreszeit gerade aufgrund des Klimawandels und der Wetterextreme aus.Vivaldi müsste seine 4 auf 3 Jaheszeiten aktualisieren.

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  5. altautonomer schreibt:

    1. Hitzeperiode sind offiziell die mehrere Wochen dauernden Temperaturen über 30 Grad tagsüber und niht unter 20 Grad nachts. Dazu fällt seit über 6 Wochen kein nennenswerter Regen. Ausnahme regionaler Starkregen mit Hagel und Sturm. Feedback an den Wetterdienst: „Hallo Herr Plöger! Wir haben heute 1 m „sonnig und trocken“ aus unserem Keller gepumpt.“ Danke!

    2. Außerdem hat jeder ein individuelle Temperaturempfinden. Ich fühle mich ab 25 Grad aufwärts unwohl, während mir meine Freundin bei 30 Grad im Auto verbietet, die Klimaanlage einzuschalten.

    3. Als Ausdauersportler mit vielen tausend Rad- und Laufkilometern p. a. hasse ich den Gegenwind, aber der ist mir lieber, als brennende Sonne. Es geht nicht über 12 km joggen bei leichtem Nieselregen.

    4. Durch meine sportlich bedingte Exposition hat sich in meinem Gesicht auf einer sogenannten „Sonnenterrasse“ vor Jahren ein Basalzellenkarzinom gebildet. Nach chirurgischer Entfernung muss ich seitdem halbjährlich zur Kontrolle. Von den steigenden Hautkrebsfällen durch UV-Strahlung lese ich oben nichts.

    5. Die Hitzewelle in Russland 2010 forderte über 55.000 Tote.

    6. Als ich im Juli 2019 mit Nierencholiken in eine Urologie eingeliefert wurde, kamen die Nierensteinpatienten Knall auf Fall, weil sie ihre Trinkmenge nicht den hohen Temperauren und dem nicht spürbaren Flüssigkeitsverlust über die Haut angepasst haben.

    7. Im Freien bin ich der Hitze tatenlos ausgeliefert, bei Kälte kann ich mich bewegen, um die Kerntemperatur aufrecht zu erhalten..

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  6. altautonomer schreibt:

    Hintergrund:
    Ganz egal, wie gut informiert Sie sind, ausreichend alarmiert sind Sie nicht. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist unsere Kultur mit Zombie-Filmen und Mad-Max-Dystopien immer apokalyptischer geworden. Wenn wir aber die ganz realen Gefahren der Erderhitzung betrachten sollen, leiden wir an einem unglaublichen Mangel an Vorstellungskraft. Einer der Gründe dafür ist die zaghafte Sprache wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeiten.

    In den Regenwäldern Costa Ricas, wo die Feuchtigkeit regelmäßig bei über 90 Prozent liegt, wäre es tödlich, sich einfach nur draußen zu bewegen, wenn das Thermometer über 40,5 Grad Celsius anzeigt. Innerhalb weniger Stunden würde ein menschlicher Körper sowohl von außen als auch von innen zu Tode gekocht werden.

    Klimawandelskeptiker weisen gern darauf hin, dass der Planet sich schon oft erhitzt und wieder abgekühlt habe. Doch das klimatische Fenster, das menschliches Leben auf der Erde überhaupt ermöglicht, ist sehr klein. Bei einem Temperaturanstieg von elf oder zwölf Grad würde über die Hälfte der Weltbevölkerung, wie sie sich heute über den Planeten verteilt, durch direkte Hitzeeinwirkung sterben. Es lässt sich mit Sicherheit sagen, dass es in diesem Jahrhundert noch nicht so weit kommen wird, auch wenn unverminderte Emissionen uns schließlich dahin bringen sollten.

    https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-planet-schlaegt-zurueck

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  7. genova68 schreibt:

    altautonomer,
    deine ganzen Punkte seien dir unbenommen, aber ich behaupte nichts Gegenteiliges in dem Artikel. Mir ging es um den typisch deutschen Alarmismus und die Neigung, sich selbst als das größte Opfer darzustellen. Der Klimawandel wird wohl eine Menge übler Auswirkungen in vielen Gegenden bringen, aber das hat nichts mit der Berichterstattung zu tun, auf die ich mich oben (Tagesspiegel und FASZ) bezogen habe.

    Hautkrebs und Klimawandel: Wie soll das in Deutschland miteinander zusammenhängen? Hautkrebs wird durch UV-Strahlung bedingt, unabhängig von der Temperatur. Dabei beobachte ich erstens, dass seit vielen Jahren es eine Tendenz gibt, sich immer seltener der direkten Sonneneinstrahlung auszusetzen, als das noch in den 1980er Jahren der Fall war. Vielleicht ist die tatsächliche deutliche Zunahme von Hautkrebsfällen in den vergangenen zehn Jahren auf die Sünden der Vergangenheit zurückzuführen. Wir kennen das: Wir hatten als Kinder teilweise üble Sonnenbrände, es hat nicht sonderlich interessiert. Die Haut merkt sich das.

    Die Sonnenscheindauer nimmt, soweit ich weiß, in Deutschland nicht zu. Und selbst wenn (was ich super fände): Dann geht man halt in den Schatten. So einfach ist das. Für problematisch halte ich eher, dass wir im Winter monatelang keine Sonne haben. Hoffentlich ändert der Klimawandel daran etwas.

    Das deutsche Schmuddelwetter taugt einfach nicht, sich als deutsches Opfer darzustellen.

    P.S.: Gruß an deine Freundin, ich sollte mir ihr mal Auto fahren :-) Mir käme es auch nicht in den Sinn, das Fenster hochzukurbeln und die Klimaanlage einzuschalten.

    Aber das ist ein schönes Beispiel: Wem die Hitze nicht bekommt, schaltet die Klimaanlage ein. Mittlerweile in jedem Auto vorhanden.

    Schließlich: Der aktuelle Sommer ist nicht übermäßig warm, alles ganz normal. Auch in Frankfurt.

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