Italia moderna – quindici

Ein Firmensitz irgendwo in der italienischen Poebene aus den frühen 1970ern, vermute ich. Konzentrieren wir uns auf die Hauptseite:

Auffällig sind die beiden Grundformen Kubus und Zylinder, die die Front bestimmen. Der Kubus findet zwei Mal Verwendung, der Zylinder einmal in der Mitte. Dazwischen gibt es optische Leerstellen, nur teilweise gefüllt durch zurückgestellte Kästen, die gewissermaßen die eigentliche Front darstellen. Die Kuben und der Zylinder geben dem Gebäude eine Art modernisierte Barockform.

Zu diesem Eindruck einer plastischen Fassade tragen auch die Fensterformate bei. In den drei vorangestellten Körpern sind sie in der Vertikalen betont – im Zylinder schießschartenartig -, in den zurückgesetzten Teilen haben die Fenster fast eine quadratische Form.

Die beiden Vordächer über den Eingängen sind zaghafte Vorboten der einsetzenden Postmoderne, was hier noch einen interessanten Gegensatz zur ansonsten reinen, brutalistischen Anmutung darstellt. Die gelbe Eingangstür wiederum erinnert an die mutig-farbige Gestaltung der 1960er Architektur.

Ein markierter Sockel fehlt dankenswerterweise.

Wir haben hier also ein schönes Beispiel später moderner Architektur, die in ihrer Semiotik aufgeht. Kein Anbiedern an Kitsch, aber auch die vollkommene Überwindung der CIAM-Moderne. Eine Architektur, die ihre Körperhaftigkeit zeigt, ohne in Verspieltheit abzugleiten. Die beim Beobachten spürbare Unruhe, die vor allem von der asymetrisch eingesetzten Markiseam rechten Kubus herrührt, ist in dieser leichten Verwirrung nur zusätzlich reizvoll. Die Markise sorgt übrigens auch dafür, dass der rechte Kubus etwas breiter erscheint als der linke.

Es ist ein ungemein reizvolles Gebäude. Wir haben durch die beiden Kuben eine rahmengebende Ordung, die aber weder erdrückend wirkt, noch eine Totalität vorgibt. Es ist eine Architektur, die sich traut, alleine durch Materialität und Form sich darzustellen, ohne anbiederndes Zierat. Es ist Strukturalismus im besten Sinn. Jedes Teil kommt zu seinem Recht.

Architektonische Spurensuche in der italienischen Provinz: Interessantere Einblicke in eine vergangene Zeit bekommt man selten. Das Gebäude stammt aus einer Zeit der Zeitenwende. Um 1970 hatten wir die Chance. Wir haben sie nicht genutzt.

(Foto: genova 2019)

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