Stadtplaner und die dritte Toilette

Die taz interviewt die Dortmunder Soziologin Nina Schuster „über Queere Stadtplanung“. Das Adjektiv „queer“ schreiben die tatsächlich groß.

Frau Schuster sagt:

Vielen Menschen, die in der Stadtplanung arbeiten, ist häufig gar nicht bewusst, dass sich Bedürfnisse unterscheiden. Sie gehen meistens von sich selbst aus und ignorieren andere Blickwinkel. Mir fällt immer wieder auf, wie vielen Stadtplaner*innen gar nicht bewusst ist, dass es Menschen gibt, die sich weder als Frauen noch als Männer identifizieren. Den konkreten Anspruch auf eine dritte Toilette haben sie also gar nicht auf dem Schirm.

Den ersten Satz kann man sofort unterschreiben. Man denkt an Radfahrer, Nichtkleinfamilien, Arme. Auch an unangenehme, gefährliche Räume für Frauen. Daran denkt die Soziologin Schuster offenbar nicht. Es geht ihr um Menschen, „die sich weder als Frauen noch als Männer identifizieren“. Was folgt daraus? Die „Stadtplaner*innen“ sollen sich für mehr dritte Toiletten einsetzen. Sonst nichts.

Stadtplaner kümmern sich also nicht mehr um Stadtplanung, sondern um die Anzahl von Klos. Es ist ein weiterer Baustein in Sachen Infantilisierung der Linken. Es gäbe haufenweise urbane Probleme zu bearbeiten, vorneweg natürlich die Bodenfrage, die Zurichtung der Städte für rein kapitalistische Zwecke, die Eigentumsfrage. Darum geht es in dem Interview aber nicht, sondern darum, dass „Stadtplanung ein heterosexistisches Projekt“ sei. Was das genau ist, erfährt man nicht. Außer der Sache mit den Toiletten.

Um es klar zu sagen: Stadtplaner kümmerten sich noch nie um Toiletten. Die paar Toiletten, die es im öffentlichen Raum gibt, sind durch die Initiative Privater entstanden, die damit Geld verdienen wollen. Wall, zum Beispiel. Und diese Toiletten sind meines Wissens alle Unisextoiletten.

Nina Schuster erzählt im Weiteren noch ein paar Selbstverständlichkeiten. Man brauche mehr Platz für Fahrräder, Spielplätze und Sozialwohnungen in Gegenden mit wenig Verkehr. Ok, aber nicht gerade originell.

Abgesehen davon scheint sie nicht viel Ahnung von ihrem Fach zu haben:

Da Stadtplanung Teil der Gesellschaft ist, sind Geschlechterverhältnisse und die Ordnung nach race, nationaler Herkunft und Hautfarbe in viele Projekte mit eingeschrieben. Das sieht man auch daran, dass es in jeder Stadt weniger gut bis sehr gut angesehene Viertel gibt.

Ja, es gibt Viertel mit schlechteren Wohnverhältnissen, aber das hat nur am Rande mit race, nationaler Herkunft und Hautfarbe zu tun, sondern mit sozialem Status und mit verfügbarem Einkommen. Ein schwarzer Arzt wird auch im Grunewald seine Villa finden, der alte weiße arme Mann bleibt im weniger gut angesehenen Viertel hängen. Immerhin hat sich Schuster soweit informiert, nicht noch zu behaupten, dass in den schlechten Vierteln vor allem Frauen wohnen.

Lieber spricht sie über „subkulturelle Räume“, die notwendig seien. Mag sein, aber die sollte man nicht vom Staat erwarten, sondern sie sich nehmen. Das impliziert ja der Begriff der Subkultur. Subkulturelle Räume sind dann vorhanden, wenn die Mieten niedrig sind. Keine Idee dazu von Frau Schuster.

Vermutlich ist dieses Interview auf der Wahrheitseite erschienen, nur nicht als Wahrheit gekennzeichnet.

Die Aburdität angeblich linker Identitätspolitik scheint in eine neue Phase zu kommen. Jeder bastelt sich eine Identität, eine Gruppe, für die er künftig kämpft. Früher nannte man sowas Hobby, Modelleisenbahn und so, und das war unpolitisch. Heute ist das Politische ad acta gelegt und man ist unpolitisch pseudopolitisch und „Queer“ ist analog zum Adjektiv „schwarz“ großzuschreiben und Stadtplaner sollen dritte Toiletten bauen. Als nächstes sollen sich wahrscheinlich Architekten um die richtige Architektur für die dritte Toilette kümmern.

Diese Linke muss sich nicht wundern, wenn man über sie nur noch lacht. Bestenfalls.

(Foto: genova 2020)

Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Deutschland, Gesellschaft, Kapitalismus, Linke, Städte abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Stadtplaner und die dritte Toilette

  1. hANNES wURST schreibt:

    Ich bin im Thema nicht firm, aber macht es so viel Sinn, verschlissene deutsche Begriffe wie „Rasse“ durch englische Pendants zu ersetzen? Mir ist schon klar dass „race“ etwas anderes bedeutet als „Rasse“, bzw. anders verwendet wird und im historischen Kontext auch weniger belastet ist. Aber wenn man schon einsieht, dass es keine „Menschenrassen“ gibt, wozu muss man dann auf „race“ zurückgreifen und meint damit im Grunde das Gleiche wie „Rasse“?

    Wenn es schon notwendig sein sollte, Menschengruppen zu unterscheiden, dann kann man auch die faktische Unterscheidung nennen, also z.B. die Hautfarbe. Auch mit „queer“ habe ich Schwierigkeiten. Der Begriff ist im englischen Sprachraum durchaus nicht unbestritten, trotz Wortrückeroberung. Ich sehe nicht ein, warum man einen Oberbegriff für Abweichende von einer wie auch immer definierten „sexuellen Norm“ überhaupt benötigt. Wer meint, ihn doch zu brauchen, stellt sich nicht besser durch die Verwendung von „queer“ anstelle von „sexueller Randgruppe“.

    Ich gebe zu, ich bin ein alter weißer Mann und bin generell der Meinung, dass beschissene Einstellungen durch eine gewählte Sprache nicht besser werden.

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  2. genova68 schreibt:

    Ich glaube, mit dem Umstieg auf englische Begriffe kann man Themen neu besetzen. Aber ich sehe das so wie du. Ich verstehe auch nicht, wieso race in den USA so wichtig zu sein scheint.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Das ist eine Bewegung von einem Extrem zum anderen.Die traditionelle Linke erklärte Kapital/Arbeit zum Hauptwidersprich und Sexismus,Rassismus,Homophobie,Ökologie,etc.zum unbedeutenden Nebenwiderspruch,die dann vielleicht mal.nach der Revolution ernst zu nehmen seien,wenn überhaupt.Klar,dass Frauen,Farbige PoCs ,Homosexuelle sich da nicht drinnen aufgehoben sahen und selbst aktiv wurden.Heute abersehen die postkolonialen,postmodernen Genderfeminist*innen nur noch die sogenannten Nebenwidersprüche und zerteilen sich da in genehme Vorlieben und Nebennebenwidersprüche der Identitätspolitik.Noch ist diese Identitätspoöitik anthropozentrisch,doch ich bin gespannt,wannnachautogerechter Stadt,Queergerechter Stadt als nächstes dietiergerechte oder pflanzengerechte Stadt kommt.Und dann nochmals aifgesplittert nach Pflanzen-undTierarten.

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  4. partyforumseasia schreibt:

    Wo bleiben denn bei der Bezeichnung Stadtplaner*innen die anderen Gender-Minderheiten? Gerade in diesem fatalen Toilettendilemma diejenigen auszuschliessen, die sich weder weiblich noch männlich fühlen kanns doch nicht sein!

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  5. Jakobiner schreibt:

    Du bescheibst hier schon eine offensichtliche Tendenz, dennoch überziesht du auch etwas in die andere Richtung, denn sozialer Status und Einkommen dürften eben auch noch zu einem gewissen Grad von Hautfarbe, Migrationshintergrund und Geschlecht, bzw. einem gewissen strukturellen Rassismus und Sexismus in der Gesellschaft abhängen und damit auch wieder, ob und welche Wohnung man sich leisten kann und bekommt. Ganz so einfach ist es eben auch nicht. Umgekehrt laufen Teile der Black Lives matter-Bewegung auch Gefahr in einen antiweißen Rassismus unter anderem Vorzeichen zu werden, dass pauschalisierend das Feindbild des bösen weißen Mannes, des angry white man kultiviert.

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  6. Jakobiner schreibt:

    Bitte Soth East Asiaforum PC korrekt und im eigenen Duktus bleiben.Es muss natürlich Toilet*innendilema heißen.

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  7. Jakobiner schreibt:

    Ein erster Vordenker in dieser Richtung war Arno Dchidt,der bei einer Unirede in den 60er Jahren das anwesende Publikum mit den Worten“Öiebe Lautsprecher und Lautsprecherinnen“begrüsste.Heute wurde er als Queersrxist und angry white man gelten.

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  8. Jakobiner schreibt:

    Korrektur:Arno Schmidt

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  9. Jakobiner schreibt:

    Auch ein Ausfluss der multikulturellen,bunten Hippstermainstreamkultur auf der Linken,wobei die Hippster und FFF-Kids ja meistens besserbetuchte Einkommens-und Berufsgruppen samt ähnlichem familiären Umfeld sind,die die soziale Frage nicht interessiert und Eigentumsfragen sicherlich nicht in einem linken Sinne beantwortet wollen haben.Das linke Bürgertum rebelliert.

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  10. genova68 schreibt:

    Partyforum,
    das Sternchen soll für alles Denkbare stehen. Da wird also niemand ausgeschlossen.

    Jakobiner,
    Haupt- und Nebenwiderspruch: Das eine ist so wichtig wie das andere und der gut gefüllte Geldbeutel alleine wird keinen Rassisten ins Gegenteil verkehren. Existenzielle Absicherung ist wichtig, aber es geht wohl mindestens genauso sehr um Anerkennung, die Möglichkeit des Mitredens, Mitentscheidens, der Sinngebung.

    Wobei ich nicht weiß, wann die traditionelle Linke Ökologie und Rassismus tatsächlich als unbedeutend abgetan hat. Das muss lange hersein. Aber ich weiß, was du meinst.

    Ja, es gibt in Teilen der Linken natürlich die Betonung des liberalen Moments bei gleichzeitige Ignoranz der ökonomischen Aspekte. Vermutlich sind darunter viele potenzielle Erben, die haben ihre Schäfchen im Trockenen. Stärker scheint mir aber die Vernebelung der ratio zu wirken: Man hat einfach weder Lust noch Ahnung von wirtschaftlichen Zusammenhängen und engagiert sich dann lieber bei den Nebenwidersprüchen.

    Wobei das nicht den Kern meiner Kritik an dem Interview mit der Stadtplanerin trifft. Ich beginne das zu lesen, weil es mich interessiert. Und ich dann enttäuscht feststellen muss, dass der Teaser eine Mogelpackung ist. Es geht überhaupt nicht um queere Stadtplanung, nur um die Lächerlichkeit einer dritten Toilette. Um Toiletten haben sich Stadtplaner noch nie gekümmert und wenn, dann sind das heute privat betriebene Toiletten, und die sind immer unisex. Von dritten Toiletten zu sprechen ist also dummes Zeug, und das von einer angeblichen Expertin.

    Mir scheint, im Zuge dieser ganzen Diskriminierungsdebatten sinken die intellektuellen, die kritischen Maßstäbe. Wenn sich eine Frau für irgendwas mit queer ausspricht, dann darf die dummes Zeug erzählen und die taz druckt es brav.

    Es ist die neue deutsche Buckeln: Diesesmal nicht vorm Kaiser, sondern vor einer anderen Gruppe, die als heilig betrachtet wird.

    Wobei ich damit nichts gegen queere Menschen oder sonstwen gesagt haben will. Im Gegenteil: Kritik adelt.

    Das mit dem Schwarzen, der keine Wohnung bekommt, stimmt wohl. Andererseits gibt es, zumindest in Berlin, die Tendenz, Schwarze zu übervorteilen, denn es gilt als schick, einen Schwarzen und einen Juden im Freundeskreis zu haben. Man will ja vielfältig sein. Aber das ist ok.

    Ich plädiere nur dafür, kritisch zu bleiben. Und dazu gehört nun mal der Hauptwiderspruch.

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  11. genova68 schreibt:

    Vor der tiergerechten Stadt sollte man Massentierhaltung verbieten. Das wäre tiergerecht, und das würde reichen.

    Es geht wohl um Moden, um Wellen. Jetzt will man gut sein zu Schwarzen und queeren Menschen. Derzeit ist ja auch alles in Mode, was mit Ökologie zu tun hat. Nicht, dass es um ernsthaft ökologisches Verhalten ginge. Es geht um begrünte Fassaden. Die kosten ein Schweinegeld und bringen fast nichts. Aber man kann sie gut vermarkten. Es ist für einen Architekten viel zu einfach, sich ökologisch korrekt darzustellen. Und es ist diese Art des unehrlichen Umgangs, der mich nervt.

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  12. Jakobiner schreibt:

    Anticoronademo in Berlin zum 1.August.Veranstalter Querdenken 711,der Eventmanager aus Stuttgart.Man erfährt nicht wer die Redner waren.Jebsen scheint es nicht,obgleich er noch in Stuttgart zugelassen war. Attila Hildmann war auch nicht eingeladen,dafür marschierte aber NPD,sonstige Rechtsradikale und Elsässer mit. Gleichzeitig Antifademo.Elsässers COMPACT fantasiert von 1,3 Millionen Demonstranten und einem historischen Tag.Ken FM meldet 1 Million Demonstranten,die die von den Vetanstaltern erhoffte Zahl von 500 000 übertroffen habe. Die Polizei berichtet von 17 000,die Mainstreammedien von Tausenden,mal Zehntausenden,dann wieder 20 000.Aber anders als dir Friedensdemos haben diese Coronademos mehr Potential,da im Falle der kommenden Wirtschaftskrise viele Hunderttausende Arbeitslose und ruinierte Geschäftsleute sich den Demos anschließen könnten.Coronapartys überall,Ausschreitungen gegen die Polizei,Urlaubsreisende,Warnungen vor einer zweiten Welle.Ohoven vom Bundesvetband des deutschen Mittelstands ,Ifo und Hasselhof warnen,dass ein zweiter Lockdown die Wirtschaft völlig ruinieren würde,da die Kapitalrücklagen nach dem ersten aufgebraucht sind.Wachstumseinbruch in der Eurozone um 12,5%,in Spanien um 18,5%.Die spanische Santanderbank gibt Bankrottwarnung heraus.Klingt alles sehr ungemütlich und wie die Sturmvögel.

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