Ansturm und Kaufrausch

Neoliberale Politik als Naturphänomen: Das war hier im Blog schon oft Thema und der folgende aktuelle Artikel aus der FAZ ist ein weiteres Beispiel (leider nur für Abonnenten).

Worum geht´s?

„Chinesen werden mehr denn je Wohnungen im Ausland kaufen“

titelt Birgit Ochs, „verantwortliche Redakteurin für Wohnen“, im Wirtschaftsteil. Hintergrund ist Corona, weswegen im März die Immobiliengeschäfte mit Chinesen eingebrochen waren, wovon aber nun nichts mehr zu spüren ist.

Diese Chinesen brauchen die Wohnungen selbstredend nicht zum wohnen, sondern als Kapitalanlage. Viele Chinesen haben Angst vor einem Verfall der chinesischen Währung, heißt es. Vor ein paar Jahren zahlte ein Chinese in Frankfurt für eine Wohnung durchschnittlich 500.000 Euro, heute sind es rund eine Million Euro. Die Preise steigen.

Verräterisch in dem Artikel sind eine Menge Redewendungen und überhaupt das Wording. Es fällt Frau Ochs offenbar im Traum nicht ein, dieses Marktverhältnis nicht als ein natürliches zu sehen, sondern als ein menschengemachtes.

Während der britische Wohnungsmarkt trotz Corona chinesische Käufer anzieht, ist der Standort Deutschland gerade wegen der Pandemie attraktiver denn je. „Wir haben mit unserem Krisenmanagement im Ausland ein sehr gutes Bild abgegeben“, sagt JLL-Makler Zabel. „Deutschlands gutes Image hat das noch verbessert“, urteilt auch Lin Dattner.

Deutschlands gutes Image sorgt also dafür, dass man als Durchschnittsverdiener keine Wohnung mehr kaufen kann. Wenn es “Deutschland“ gut geht, geht es den Menschen in Deutschland schlecht.

Verräterisch auch das hier:

Vor allem diejenigen, die an angespannten Wohnungsmärkten leiden, hoffen, dass im Zuge der Pandemie der Druck nachlässt.

Der Wunsch nach zahlbaren Mieten richtet sich also nicht an die Politiker, die Gesetzgeber. Von denen erwartet man nichts – verständlicherweise. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als auf eine Pandemie zu hoffen, die die Wirtschaft schwächt und in der Folge die Wohnungspreise sinken lässt. Von Politikern vernünftige Politik zu erwarten, ist größtenteils in der Tat naiv. Nur Katastrophen können uns retten.

Verräterisch geht es weiter: Frau Ochs redet von

Shoppingtouren von Käufern aus Russland, dem Nahen Osten und Asien

auf den internationalen Wohnungsmärkten.

Man geht mal flott shoppen.

Im Weiteren zitiert die FAZ Zeitungsüberschriften der vergangenen Jahre:

„Deutsche Wohnungen sind bei Chinesen heiß begehrt“ (FAZ), „Chinesen im Kaufrausch“ („SZ“), „Ansturm aus Fernost“ („Welt“)

Heiß begehrt, Kaufrausch, Ansturm. Es ist eine Mischungs aus Drogenexzess und Krieg. Alles pure menschliche Natur.

Der Kapitalismus ist demzufolge das natürlichste Verhältnis, das zwischen Menschen überhaupt denkbar ist, nämlich ein ökonomisch ummantelter Sozialdarwinismus. Kapitalismus – und der Neoliberalismus als praktischer Verstärker der Zustände – ist das Recht des Stärkeren.

Dass Menschen ihr Zusammenleben sozial regeln können, kommt diesen Leuten nicht in den Sinn – weder Politikern, noch der FAZ noch den Investoren. Es ist ein wirtschaftliches Gebahren der oberen 10.000 auf Kosten der Milliarden. Die Idee, dass man Wohnungen zum wohnen baut, ist obsolet, wenn jemand auf die Idee kommt, Wohnungen zu bezahlen und leerstehen zu lassen.

Eine ernstzunehmende linke Politik müsste heute schlicht zu Hausbesetzung und zu Häuserstürmungen aufrufen. Oder glaubt irgendwer, dass die Politik – also die Politiker, die wir haben – irgendwann für zumutbare Verhältnisse sorgen wird?

Na eben. Die aktuellen rot-rot-grünen Versuche, in Berlin einen Mietendeckel zu installieren, nehme ich aus.

Man könnte ja meinen, dass ein System, das so pervers agiert wie der Kapitalismus, zwangsläufig ans Ende kommt. Kommt es aber nicht. Im Gegenteil: Firmen wie Adidas können es sich zwar in ihren Hauptquartieren zunehmend weniger erlauben, sich rassistisch zu verhalten. Aber die ökonomische Bilanz sieht nach wie vor so aus: Vom Kaufpreis eines Schuhs (100 Euro) gehen 2,50 Euro an die Näherin und 25 Euro ins Marketing. Die 25 Euro sorgen dafür, dass die Masse via Gehirnwäsche weiterhin bereit ist, für ein Billigprodukt einen Haufen Geld auszugeben und das Desaster der Näherin zu vergessen. Man überlege: Der Schuh müsste nur 102,50 Euro kosten oder der Marketinganteil auf 22,50 Euro sinken und die Näherin könnte ihren Lohn verdoppeln. Nicht einmal das passiert.

Frau Ochs ist strenggenommen auch nicht die verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“, sondern für „Kapitalanlage in Immobilien“. Ich bin mir nicht sicher, ob ihr das klar ist.

Wir sehen: Kapitalismus ist so pervers wie raffiniert. Die Raffinesse muss nur sichtbarer, spürbarer sein als die Perversion. So wie der Heroinabhängige jede Zumutung akzeptiert, solange er seine Dosis bekommt. Wir sind die Abhängigen: Durch den Kapitalismus vollends von unserer Umwelt und uns selbst entfremdet, sind wir wehrlos. In lichten Momenten sehen wir die Perversion und gleichzeitig unsere Unfähigkeit, darüber angemessen zu reden. Zu mehr als Scheindebatten auf Kindergartenniveau mit unzähligen sich beleidigt Fühlenden reicht es nicht mehr.

Kaufräusche, Anstürme, Schuhe als Götter: es läuft.

(Foto: genova 2019)

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