Melisa und Melissa

Die in Sarajevo geborene und nun in Österreich lebende Journalistin Melisa Erkurt beschwert sich in der taz darüber, dass die „Österreicher*innen“ ihren Namen falsch aussprechen:

Früher habe ich Menschen nicht korrigiert, wenn sie Melisa wie Lisa ausgesprochen haben, obwohl es schrecklich klingt. No offense an jene, die Melisa wie Lisa heißen, wobei ich nicht glaube, dass irgendjemand wirklich so heißt, habe zumindest noch niemals davon gehört, was es noch komischer macht, dass Österreicher*innen mich ständig Melisa wie Lisa nennen.

Wer Migrant*innen ihre Namen aberkennt, erkennt ihnen einen Teil ihrer Identität ab. Ist es wirklich so schwer, die richtige Aussprache zu lernen?

Sie erfinden lieber einen Namen, der nicht existiert, als meinen einfach richtig auszusprechen. Kommt mir jetzt nicht mit einer grammatikalischen Ausrede…

Heute korrigiere ich alle schon beim leisesten Anflug eines „Rose-s“. Melisa ist wohl der leichteste ausländische Name, den es gibt, trotzdem fällt es den Menschen, auch nach mehrmaliger Korrektur schwer, ihn wie Melissa auszusprechen.

No offense, Frau Erkurt, ich erkläre Ihnen die Irritation gerne. Ich nehme an, Ihr phonetisches Problem tritt nur auf, wenn Sie jemandem (oder jemander, bleiben wir gendertechnisch korrekt) Ihren Vornamen schriftlich mitteilen. Nennen Sie ihn mündlich, dann wird Ihnen diese Person in der Aussprache folgen, denn der Name Melisa (mit Rose-S) existiert im Deutschen nicht.

„Melisa“ wird im Deutschen zwangsläufig mit langem, betonten I und stimmhaftem S ausgesprochen. So sind nun mal die Ausspracheregeln (die ich Ihnen auf Anfrage gerne detailliert erläutere). Wenn Sie das nicht wollen, schreiben Sie sich am besten ab sofort „Melissa“. Das wäre dann die eingedeutschte Version Ihres Namens.

Wenn Sie auch das nicht wollen, weil ein Doppel-S Ihre Identität zerstört, dann müssen Sie damit leben, jedem neuen Gesicht, mit dem Sie schriftlich verkehren, zu erklären, dass Ihre Muttersprache andere Ausspracheregeln kennt.

Das von Ihnen thematisierte S heißt stimmhaftes S. Sie hätten es gerne als stimmloses S. Könnte man als Journalistin wissen. Muss man aber offenbar nicht.

Noch etwas, Frau Erkurt: Die „Österreicher*innen“ haben mit „Melisa“ keinen neuen Namen erfunden. Den neuen Namen haben Sie erfunden, als Sie nach Östereich gezogen sind. Natürlich glauben deutsche Muttersprachler ohne Sarajevovorkenntnisse, dass „Melisa“ mit langem I und stimmhaftem S ein Name ist, den es dort gibt. Was sollen sie denn sonst annehmen? Siehe Ausspracheregeln.

Im übrigen vermute ich, dass auch die Aussprache „Melissa“ nicht die ist, die man in Sarajevo verwendet. Das „e“ und das „a“ haben, so schätze ich, eine andere Phonetik. Es ist wohl für Deutsche kaum möglich, Ihren Namen korrekt auszusprechen, auch wenn Sie bei noch so leichten Anflügen falscher Aussprache konsequent korrigieren. Ihr Verhalten erinnert mich ein wenig an die Pädagogik der 1950er Jahre. Bestrafen statt vermitteln.

Ähnliches gilt – anderes Beispiel – für die Originalnamen von Lissabon oder Warschau. Es gibt im Portugiesischen und im Polnischen Laute, die wir Deutsche nicht kennen und in der Regel auch nicht korrekt aussprechen können. Ich hoffe nur, dass die Portugiesen und die Polen nicht so wichtigtuerisch drauf sind wie Sie, sonst gibt es demnächst Krieg. Den ersten Phonetikkrieg der Geschichte.

Nichts zu danken

Ich habe immer öfter das Gefühl, dass im Zuge dieser Identitäts-Debatten Möglichkeiten der Kritik verloren gehen. Den von mir oben zitierten Passus des Artikels von Frau Erkurt hätte eine Redaktion mit Mindestansprüchen an Qualität nicht durchgehen lassen, sondern redigiert. Und ich bin mir sicher, dass einigen taz-Redakteuren die Unwissenheit Frau Erkurts aufgefallen ist. Warum schritten sie nicht ein?

Das ist doppelt schade, denn Erkurt beklagt in ihrem Artikel später lesenswert, dass es via falscher Aussprache von Namen Rassismus gibt, dass es unzählige Lehrer gab und vielleicht immer noch gibt, die die Namen ihrer Schüler bewusst falsch aussprechen, weil sie diskriminieren wollen, dass türkische Frauen der Einfachheit halber Aische genannt werden und mehr. Und es ist auffällig, dass in Deutschland hauptsächlich Rechte und Rechtsradikale den türkischen Staatschef als Herrn Erdogan, mit ausgesprochenem g, bezeichnen. Und sicher sollte man sich bei schwierigen, fremden Namen mehr Mühe geben als bei Markus, Hans oder Fritz.

Nur hat „Melisa“ nichts damit zu tun.

Vielleicht sollte man so langsam auf die Idee kommen, dass es Diskriminierung bedeutet, wenn man einen teildämlichen Artikel wie den von Melisa Erkurt nicht kritisiert, nur weil ihre Identität angeblich eine Frau aus dem Ausland ist.

Diskriminierten zuzuhören ist das eine. Kritik an ihnen grundsätzlich als Disziplinierungsmittel der Herrschenden abzutun, das andere.

Also, Frau Erkurt, nichts für ungut. Aber bitte geben Sie zu: Sie haben gerade von einem alten weißen Mann etwas gelernt.

Darauf bin ich stolz.

(Foto: genova 2020)

Dieser Beitrag wurde unter Alltagskultur, Deutschland, Gesellschaft, Linke, Medien abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Melisa und Melissa

  1. hANNES wURST schreibt:

    Ich finde es auch empörend – wie die sich aufbläst! Ausländer raus!

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  2. genova68 schreibt:

    Frau Erkurt wohnt in Österreich. „Ausländer raus“ funktioniert hier nicht. Es sei denn, Sie, Herr Wurst, sind Österreicher.

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  3. hANNES wURST schreibt:

    „Ausländer raus“ ist eine politisch korrekte Parole der internationalen Fremdenfeindlichkeit und hat gerade 50-jähriges Jubiläum, ich bitte um gebührenden Respekt und richtige Aussprache („Aussländer rauss“).

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  4. genova68 schreibt:

    Ich bitte hier im Blog um korrekte Genderschreibweise. Entweder „Ausländer*innen raus!“ oder „AusländerInnen raus!“ oder „Ausländernde raus!“ oder „Ausgeländerte raus!“. Ich dulde keine Frauendiskriminierung.

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  5. hANNES wURST schreibt:

    Das ist ein kluger Gedanke, der auch Deine feministische Einstellung beweist. Allerdings finde ich, dass Deine Vorschläge zu parodisierend wirken. Einigen wir uns auf „Ausländische Subjekte raus“?

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  6. genova68 schreibt:

    Gerne, aber ich muss auf der Genderversion bestehen: „Ausländische Subjekt*innen raus.“

    Ein vernünftiger Kompromiss, wie mir scheint.

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  7. hANNES wURST schreibt:

    Kannst Du bitte ernst bleiben? „Subjekt“ ist ein Neutrum, es ist ein schwerer Verstoß gegen die LGBTQIA+ Richtlinien, ein Neutrum zu gendern.

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