„Deutschland, wie geht es dir?“

Immer wieder unangenehm: Die journalistische Praxis, „Deutschland“ als individuelle Entität darzustellen. Der Gipfel dieser Entwicklung, die erst 1990 begann, kürzlich im Tagesspiegel. Die Zeitung fragte in Bezug auf Corona:

„Deutschland, wie geht es dir?“

Deutschland geht es überhaupt nix.

Solche Fragen zeigen, dass bürgerliche Medien auch im Jahr 2020 nichts verstanden haben – oder auch alles. Sie erfüllen ihre Funktion der Machtstabilisierung der herrschenden Klasse. Keinen anderen Zweck erfüllt die Formulierung „Deutschland, wie geht es dir?“.

Deutschland als eine homogene Masse von Menschen, die alle das gleiche antworten. Rechte benutzen dazu den Begriff des Volkes, die bürgerliche Reaktion faselt von „Deutschland“, dem eine Emotion, ein Herz gegeben wird, wo es doch aus 83 Millionen Menschen und unzähligen Antagonismen besteht.

„Deutschland, wie geht es dir?“ ist die sichere Absicht, jedwede Form von Emanzipation, von Solidarität, von der notwendigen Abschaffung der herrschenden Klasse dauerhaft auf Eis zu legen, sie zu verunmöglichen.

„Deutschland, wie geht es dir?“ ist die zeitgenössische Variante des aggressiven Nationalismus, des Deutschland über alles. Gegen den verwehrte sich der Tagesspiegel auf Nachfrage sicherlich. Und stimuliert ihn massiv.

Gut möglich, dass der durchschnittliche Tagesspiegel-Journalist das nicht versteht, wie es in neoliberalen Zeiten üblich ist. Man wähnt sich linksliberal und ist doch nur Epigone der herrschenden Klassen, denen Nationalismus immer wieder gelegen kommt. Nicht in der Variante 1933f., sondern aufpoliert, entdämonisiert, kumpelhaft eben: „Deutschland, wie geht es dir?“

Ein schlimmer Satz. Sich eines der unangenehmsten Länder der Welt als Kumpel vorzustellen: kein Kommentar.

Wenn man schon Deutschland adressieren muss, dann einzig mit „Halt´s Maul“. Ist einem das zu vulgär, lässt man es bleiben, „Deutschland“ als Individuum anzusprechen. Man stellt sich damit gegen den so massiven wie reaktionären bürgerlichen und kleinbürgerlichen Block, und zwar in der Hoffnung, „Deutschland“ so schnell wie möglich zu eliminieren. Das Mindeste, was man von „Deutschen“ erwarten kann: den Ball flachhalten.

Wie geht es?

„Deutschland hat Dachschaden“, sagte Rainald Goetz schon vor 25 Jahren. Zeitlos.

(Foto: genova 2018)

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3 Antworten zu „Deutschland, wie geht es dir?“

  1. eimaeckel schreibt:

    Aber wir waren doch sogar schon mal Papst. Das fand ich schlimmer.

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  2. hANNES wURST schreibt:

    Noch schlimmer fand ich 2005 die „Du bist Deutschland“ Kampagne:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Du_bist_Deutschland

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  3. genova68 schreibt:

    “Papst, wie geht es dir?“ klingt aber angenehmer als “D., wie geht es dir?“

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