Italia moderna – tredici

Ein Wohnhaus im italienischen Sondrio.

Sondrio liegt in einer merkwürdigen Region. Nach Norden von Südtirol durch ein hohes Gebirge abgeschlossen, nur via Stilfser Joch passierbar, einem acht Monate im Jahr schneebedeckten und gesperrten Alpenpass. Dadurch ist der nördliche, deutsche Einfluss schon immer begrenzt. Nach Süden aber kommt auch lange nichts, am Ende des Tales Mailand. Dazu kommt die geographische Nähe der Schweiz, nur ein paar Kilometer entfernt. Die Architektur, die so entstand, ist bemerkenswert: alpen- als auch italiengeprägt.

Wir sehen ein fünfstöckiges Gebäude, Berlinstandard. Das Fenster-Wand-Verhältnis fällt eindeutig zugunsten der Wand aus, die Faschen (die gemalten Fensterumrandungen) erinnern – zumindest mich – an mitteleuropäische Architektur. Nicht mitteleuropäisch: Die rechte Seite ist in einem extrem flachen Winkel geformt. Das gibt dem Gebäude eine elegante Note. Das gleiche tut das Flachdach. Die vielen kleinen Fenster auf dieser rechten Seite machen das Haus interessant: Was verbirgt sich dahinter? Interessant auch die beiden weißen vertikalen Flächen: Im Balkonbereich einerseits, in den extrem vertikalen Fenstern rechts andererseits. Mitteleuropäisch wiederum sind die starken Betonungen der Ecken mittels der unbehauenen Granitsteine. Man beachte auch die rund vier Meter hohe Erdgeschoßzone, die mit Bosse markiert ist.

Dazu kommen italienische Rollläden, die ja überhaupt die schönsten der Welt sind. Farblich immer perfekt abgestimmt bestimmen sie das Bild der Dörfer und Städte Italiens. Warum sind die deutschen Rollläden immer aus Plastik und grau und die italienischen immer aus Holz und in passenden Farben? Daraus könnte man wahrscheinlich eine komplette Kulturgeschichte entwickeln.

Und dann dieses unerhöhrt angenehme Grau der Fassade.

Ein Haus in einem Alpendorf, wie es in deutschsprachigen Gegenden nicht vorstellbar ist. Das Haus will städtisch sein, nicht provinziell und tumb.

Fährt man aus dem österreichischen Tirol in italienische Südtirol, nimmt man bereits deutlich eine erwachsener werdende Ästhetik war. Kein Dörfer mehr mit Pseudobarockschrott und Geranien und einem Ambiente, das an Pornofilme aus den 1970er Jahren denken lässt. Verlässt man auch Südtirol Richtung Süden, wird es vollends angenehm.

Ein erwachsenes Haus, das Ernst genommen wird, in einem Alpendorf. Was will man mehr?

(Foto: genova 2018)

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