Revolution und Architektur und Dialektik

Es gibt den merkwürdigen Begriff der Revolutionsarchitektur. Damit sind im engeren Sinn Architekten gemeint, die im Zuge der Französischen Revolution und auch schon vorher bemerkenswerte Entwürfe, oder besser: Visionen entwickelten. Wenig wurde realisiert, ein Teil dessen konnte schon rein technisch nicht realisiert werden. Aber eigentlich geht es hier um bürgerliche Architektur, Klassizismus.

Der vierte Stand wurde bekanntlich souverän ignoriert.

Bei aller Kritik am Begriff an sich – Revolutionsarchitektur hat nur indirekt mit Revolutionen und der Französischen Revolution im Besonderen zu tun: Es geht um klassizistische Architektur nach dem Barock und Vielleicht kann man sagen, dass diese Revolutionsarchitektur schon die ganze Breite der Dialektik der Aufklärung zeigte. Zwar kann man diese Architektur nicht unbedingt direkt mit der Französischen Revolution in Verbindung bringen – das meiste wurde kurz vorher erdacht bzw. gebaut – aber es ging um aufgeklärtes, rationales Denken, das eine der Bedingungen der Revolution war. Architekten wie Boullée oder Ledoux wollten den menschlichen Geist aus seiner Untertänigkeit mythischer Gestalten oder Gottheiten befreien und planten dementsprechend gigantische Gebäude, die die konstruktive Leistung des menschlichen Verstandes symbolisierten. Allerdings geriet das meist dermaßen gigantisch und monumental, dass sich folgerichtig 150 Jahre später Albert Speer darauf berief.

Revolutionsarchitektur als Teil der Dialektik der Aufklärung, der Mensch wird zum Statisten degradiert, zum Teil einer Masse, die unerhört groß sein muss, die in und um diese Bauwerke überhaupt wahrgenommen zu werden.

Etienne-Louis Boullée plante beispielsweise den Lesesaal einer Bibliothek, die statisch seinerzeit nicht umsetzbar war. Ging es hier ums Lesen oder um Demonstration von Macht? Wie viele Arbeiter hätte man verschlissen, bis der erste Lesekundige ein Buch in die Hand genommen hätte?

etienne-louis_boullee_nationalbibliothekBoullé entwarf 1784 diesen Kenotaphen (nächstes Bild), eine Art Ehrengrab. Auch dieser riesige stützenfreie Innenraum war damals statisch nicht realisierbar, aber Boullée hatte offenbar ein Bedürfnis nach Gigantomanie. Dazu kommen die in Reih und Glied aufgestellten Bäume, die dem Gebäude eine soldatische Anmut verleihen. Die Speersche Ruhmeshalle lässt grüßen.

etienne-louis_boullee_memorial_newton_night

Claude-Nicola Ledoux baute um 1779 die königliche Saline im ostfranzösischen Arc-et-Senans.

Die Revolutionsarchitektur löste den Barock ab. Der rationale Anteil an dieser Architektur wurde teilweise durch reine Gigantomanie eingelöst, der jeden Maßstab sprengte und eigentlich unglaublich lächerlich war.

Rationalität als Feind des Menschen – in der Revolutionsarchitektur kann man sie besichtigen.

(Fotos: Wikipedia, Wikipedia und nochmal Wikipedia)

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