Michael Psotta und die symbolischen Chancen

Der Wirtschaftsteil der FAZ ist bekanntlich ein Hort des neoliberalen Dogmatismus. Die Lektüre lohnt, weil man permanent anschauliche Eindrücke dieses Denkens bekommt. Ich versuche immer zu verstehen, was diese Leute wollen. Vorläufige Erkenntnis: Es ist schlicht das Recht des Stärkeren.

Ein weiteres Beispiel dafür ist der FAZ-Journalist Michael Psotta.

Der Deutsche Mieterbund fordert ein Grundrecht auf angemessenes und bezahlbares Wohnen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Was sagt Psotta dazu? Diese

„gutgemeinten, aber schädlichen Vorstöße haben mit dem Schutz des Eigentums, der Akzeptanz der freien Preisbildung und der Gewinnung privater Investoren nichts mehr zu tun.“ (27.8.19, S.7 15)

Psotta sagt es hier ganz direkt: Angemessenes und bezahlbares Wohnen ist Tagträumerei und gefährdet die Ausbeutung. Wichtig sind keine sozialen Kriterien, sondern wichtig ist die Sicherung der Struktur, die Ausbeutung ermöglicht, also Eigentum der Vermieter, hohe Mietpreise und die Schaffung weiterer Möglichkeiten für Investoren, ihr Geschäft der Ausbeutung auch künftig betreiben zu können. Lustig zudem: Psotta sagt nicht, dass private Investoren gewinnen müssen, nein, man, also die Gesellschaft, muss sie gewinnen. Ohne diese Gewinnung von Investoren kann offenbar die Gesellschaft nicht gewinnen. Kaputtes Denken.

Ein weiteres Beispiel von Michael Psotta. Am 4. September 2019 kommentierte er ebenfalls im Wirtschaftsteil der FAZ die Entscheidung der Deutschen Börse, den Immobilienkonzern Deutsche Wohnen nicht in den Dax 30 aufzunehmen. Das wäre aber wichtig, denn es wäre dann der erste Berliner Dax-Konzern. Warum schafft es Deutsche Wohnen nicht, in den Dax 30 einzusteigen?

Die Berliner Politik arbeitet seit Monaten heftig daran, dass dieses Wunder nicht geschieht … Damit verpasst Berlin eine symbolische Chance.

Das liege, so Psotta weiter, an der Debatte um die Enteignung der Deutsche Wohnen und am Mietendeckel.

Psotta sagt: Wichtig ist die Aufnahme des Konzerns in den Dax 30 aus symbolischen Gründen. Dafür müsse man den Konzern stärken. Also die Mieter schwächen. Nur wegen eines Symbols.

In dem kompletten Kommentar geht es ausschließlich um dieses Beispiel. Dennoch schließt Psotta mit dem Satz:

Welche Chancen hätte die Hauptstadt, wenn sie von ihrer wirtschaftsfeindlichen Politik lassen würde?

Die angeblich wirtschaftsfeindliche Politik des rot-rot-grünen Senats liegt also darin, die Deutsche Wohnen nicht darin zu unterstützen, in den Dax 30 aufzusteigen, als symbolischem Wert.

Sowas nennen Neoliberale Wirtschaftspolitik.

Nur nebenbei: Berlin hatte 2018 mit 3,1 Prozent das höchste Wirtschaftswachstum aller Bundesländer. Es gibt unzählige Start ups, es gibt unzählige fitte Leute aus der ganzen Welt, die hier versuchen, etwas zu reißen, es gibt immer mehr große Agenturen, Betriebe, Dienstleister und und und. Die Arbeitslosenquote ist von 19 Prozent 2005 auf unter 8 Prozent aktuell gesunken. Die Einwohnerzahl steigt und steigt. All das ist laut Psotta passiert wegen der „wirtschaftsfeindlichen Politik“.

Es sind diese Offenbarungseide, es ist die Desinformation einerseits, das Verbreiten von fake news, und andererseits der offen hervortretende Sozialdarwinismus, der jeden halbwegs vernünftigen Menschen zum Feind des kapitalistischen Prinzips machen muss. Wer sich den Ansprüchen des Kapitals, nämlich der totalen Rendite, verweigert, wird kritisiert.

Nochmal zum Wohnen: Es ist beim Stand der Produktivkräfte kein Problem, jedem Menschen eine angemessene und bezahlbare Wohnung zur Verfügung zu stellen. Es ist gewissermaßen ein Kinderspiel. Es darf aber nicht sein, weil das Kapital sonst auf diesem wunderbar lukrativen Markt des Wohnens sich nich mehr so massiv rentieren könnte.

Man stelle sich vor, in München würden pro Quadratmeter fünf bis acht Euro Miete gezahlt, man würde sich also an den realen Kosten orientieren. Kein Mensch müsste draufzahlen. Die Menschen wären glücklicher, sie müssten weniger arbeiten, hätten mehr Freizeit, würden weniger pendeln und so weiter. Einziger Nachteil: Das Kapital würde weniger verdienen. Heißt: Leute, die sowieso ohne Arbeit Geld bekommen, würden weniger oder gar nichts mehr kriegen. Sie müssten selbst arbeiten gehen. Fürs kapitalistische Prinzip nicht denkbar.

Weil umgekehrt diese kleine Gruppe – also Schmarotzer – unser aller Denken bestimmt, sind die Verhältnisse so wie sie sind, in München und überall. Michael Psotta ist ein Agent der Schmarotzer.

Psotta leitet bei der FAZ seit 2012 den Immobilienteil. Der wurde vorher von Steffen Uttich delegiert, der dann zum Berliner Immobilienunternehmen Beos wechselte, haha. Dort ist er mittlerweile „Leiter Kapitalmärkte“.

Das Recht des Stärkeren, Sozialdarwinismus: Beides ist offiziell verpönt. Offiziell gibt man sich liberal und sozial und fortschrittlich und behutsam. Propagandistisch perfekt ist genau das: Den Sozialdarwinismus liberal und sozial und fortschrittlich und behutsam erscheinen zu lassen. Hitler hätte es heute schwer, denn dieser offizielle, unverblümte Hass erreicht keine Mehrheiten mehr. Die soziale Form ist wichtig, ob nun Mercedes 500-PS-Autos verkaufen will oder das Kapital den Wohnungssektor übernehmen: Immer muss die Propaganda darauf bedacht sein, dass man in hohem Maß soziale Belange berücksichtigt, ja fördert.

Neoliberalismus und intellektuelles Niveau: Es geht nur so, wie Psotta es vormacht. Eine Prise mehr Ehrlichkeit, und Leute wie er müssten zugeben, dass die hohen Immobilienpreise ein Segen für die Besitzer sind und dass sich daran auch kaum etwas ändern wird, weil die Bodenfläche nun mal begrenzt ist. Die Forderung nach schnellerem und umfangreicherem Bauen ist die alte Leier, die strukturell ins Nirwana führt. Man schaue sich diesbezüglich jede beliebige Metropole in der Welt an: Gebaut wurde beispielsweise in New York in den vergangenen 40 Jahren extrem viel. Die Preise müssten im Keller sein. Sind sie aber nicht.

Natürlich weiß das Psotta. Er stellt sich dumm. Es ist sein Job. „Wirtschaftsfeindliche Politik“ ist für solche Leute die, die die Rendite des Kapitals nicht erhöht. Es ist Propaganda.

Schade nur, dass man sowas Journalismus nennt.

(Foto: genova 2017)

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