Il faut tuer

1929 hielt Le Corbusier in Buenos Aires einen Vortrag zum Thema Städtebau und sagte:

Il faut tuer la rue-corridor.

Bedeutet so viel wie, man müsse die Korridor-Straße und überhaupt die Korridor-Stadt töten. Das meint die bis zur Moderne übliche Blockrandbebauung, wo Hausfassaden die Straßen säumen und so einen Korridor, eigentlich überhaupt erst eine Straße bildeten.

Corbusier wollte dieses jahrhunderte- und jahrtausendealte Stadtmodell also töten und durch ein Modell ersetzen, das durch Punkthochhäuser und Zeilenbauten geprägt ist, durchgrünt, mit breiten Fahrbahnen, autogerecht. Es sollte also keine Straße mehr im uns vertrauten Sinn geben.

Wir wissen heute, dass dieser moderne Städtebau nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Zumindest, wenn man nicht will, dass eine Stadt vor allem für Autos da ist.

Das hauptsächliche Problem von Corbusiers Satz war jedoch nicht der moderne Städtebau. Der war Kind seiner Zeit und wenn man davor jahrhundertelang feucht, beengt, ohne Sonne und ohne die Möglichkeit von Ruhe und Weite gelebt hat, dann sind moderne Stadtbauverhältnisse verheißungsvoll.

Was vielmehr immer wieder frappiert, ist die Unbedingtheit, auszulöschen. Man wollte nicht etwa nur ein neues Viertel im modernen Stil bauen. Corbusier wollte die alte Stadt wegsprengen, auslöschen, töten.

Sein plan voisin für Paris (er wäre für jede andere Stadt genauso anwendbar gewesen) zeigt das Ausmaß des totalitären Denkens. Dort, wie seinen Plänen zufolge Punkthochhäuser entstehen, war dichte, alte Stadt.

Ludwig Hilberseimer plante dasselbe für Berlin, hier konkret für die Friedrichstadt. Die Bilder sind austauschbar.

Von Mies van der Rohe ist ähnliches überliefert. Selbst Martin Wagner, der geniale Stadtbaurat im Berlin der 1920er Jahre, der mit Bruno Taut die vielen Siedlungen entwickelte, die heute Unesco-Weltkulturerbe sind, hatte solche Ideen. Von Bruno Taut selbst sind mir solche Aussagen nicht bekannt. Protagonisten, die auch in den 20ern selbstreflexiv blieben: Das sollte man vielleicht klarer herausstellen in der Architekturgeschichte.

Man kann leider kaum umhin, in den Visionen von Corbusier, Hilberseimer, Wagner und vielen anderen eine Verbindung zum Faschismus zu sehen, der kurz darauf Wirklichkeit wurde. Wer Städte solchermaßen ausradieren wollte, ist auch zu Schlimmerem fähig. Das Individuum zählt nichts, das Gemeine und Allgemeine alles. Corbusiers Architektur ist heutigen Rechten ein Dorn im Auge, er gilt gemeinhin als links. Das gleiche gilt für Hilberseimer. Corbusiers Affinität zu Hitler ist mittlerweile gut dokumentiert. (Wobei man bei Corbusier zwischen Architektur und Städtebau unterscheiden muss. Das eine genial, das andere in seiner Totalität katastrophal.)

Weder Corbusier noch Hilberseimer konnten sich bekanntlich durchsetzen. Das alte Paris steht noch genauso wie die Friedrichstadt – wobei letztere durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Il faut tuer – Töten muss man nur das, womit man meint, nicht fertig zu werden.

Heute sind die Probleme andere. Weder sterile Viertel ohne jeden architektonischen Anspruch wie das neue Europaviertel in Berlin, noch verbrämter Kitsch wie neue Altstädte in Frankfurt und anderswo, noch rechte, feudale Regression wie der Neubau des Berliner Stadtschlosses führen in eine lebenswerte architektonische Zukunft. Dieses il faut tuer ist  heute unter veränderten Bedingungen aktuell: Wer 2020 ein Schloss baut, will die moderne, demokratische Gesellschaft töten, und das Europaviertel und erst recht mittelalterliche Neubauviertel sind Ausdruck kapitalistischer Entfremdung und eigentlich auch einer gewissen Verblödung: Geschichte zu ignorieren, heißt immer, sich selbst der Erfahrung zu berauben.

Schauen wir also nicht zu vorwurfsvoll auf Corbusier. Heutige Regressive, Rechte und Scharlatane, Architekten und Städtebauer, die sich fürs Kapital prostituieren, sind allgegenwärtig. Die gilt es zu bekämpfen. Nicht zu töten.

Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Berlin, Geschichte, Gesellschaft, Linke, Rechtsaußen, Städte abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Il faut tuer

  1. mannedante schreibt:

    Sehr klasse Text! Allerdings wurde in den 1980er Jahren in Greifswald der mittelalterliche Stadtkern durch „historisierende Plattenbauten“ teilweise saniert. So scheint es in jede Richtung Spielarten zu geben, die der Laune einer Mode unterliegen. Toller Blog ich werde folgen! Manne

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  2. genova68 schreibt:

    Danke für das Lob.
    Man müsste wissen, wie die Innenstadt von Greifswald vor dem Bau der historisierenden Plattenbauen aussah. Wurden dafür Altbauten zerstört? Oder war dort eine mehr oder weniger leere Fläche? Mittlerweile hat sich die Antiplattenallergie ja einigermaßen gelegt. Teilweise wurden daraus schicke und funktionale Stadtvillen gemacht, mit flexiblen Grundrissen. Und in Zeiten von Gentrifizierung hat die Platte den Vorteil, dass sie preisgünstigen Wohnraum bietet.

    In Greifswald war ich leider noch nie, obwohl von Berlin gut zu erreichen. Man sollte hinfahren.

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