Freiheit und Schönheit: Was nach Corona kommt

[Ich habe diesen Artikel im Wesentlichen vor einigen Wochen geschrieben, vor Corona. Prinzipiell ändert das nichts an seiner Aktualität.]

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Die Überschrift dieses Artikel klingt verheißungsvoll, ich weiß. Keine Angst, wir, wie man sagt, reden gleich darüber. Vorher muss ich als Grundlage auf schnöde Wirtschaftspolitik zu sprechen kommen.

„Negativzinsen sind Ausdruck von zu viel Sparen“,

schrieb das Schweizer Bankhaus Julius Bär laut FAZ vom 9. August vergangenen Jahres.

Das stimmt, und obwohl das nur ein Teil der Wahrheit ist, ist solch ein Satz eine kleine Revolution. Seit Jahrzehnten erzählen uns rechte Politiker (das sind die Leute, die ökonomische Leitlinien vorgeben), dass wir sparen müssten. Dazu kommt eine seit 40 Jahren andauernde Politik, die Reiche reicher werden lässt, ganz bewusst. Und dann gibt es noch die self fulfilling prophecy, die gesetzliche Rente sei nicht mehr sicher, deshalb müsse man „privat“ vorsorgen.

Das Ergebnis ist der Nullzins.

Die Leute sollen erstens sparen. Das heißt, sie sollen irgendwem Kredit geben. Auf der anderen Seite will zweitens vor allem der deutsche Staat keine neuen Schulden mehr machen. Drittens machen große Unternehmen so viel Gewinne, dass sie keine Kredite mehr brauchen. Und viertens nimmt der Staat den Bonzen ihr Geld nicht weg. Keiner also braucht Kredite, aber alle wollen welche geben. Der Markt sagt hier die Wahrheit: Einem Überangebot an Krediten steht eine zu geringe Nachfrage entgegen.

Alleine die private Rentenvorsorge bedeutet nichts anderes, als Kapitalmärkte Monat für Monat mit extrem hohen Summen zu versorgen, die diese Kapitalmärkte nicht brauchen, überhaupt nicht sinnvoll absorbieren können. Der Frisörin wird eingeredet, sie müsse monatlich 50 Euro „sparen“, statt sie auszugeben. Durch diese allmonatlich eingezahlten 50 Euro sinkt der Zins, weshalb sie später doch auf die gesetzliche Rente angewiesen sein wird, die dann dank neoliberaler Politik tatsächlich nicht mehr reicht. Dank dieses Sparens wächst die Wirtschaft aber kaum noch. Systemimmanent betrachtet ist das eine Katastrophenpolitik.

Die Deutschen sind natürlich vorne dabei, so wie immer, wenn es um das Anrichten von Katastrophen geht. Deutsche neoliberale Ökonomen sind die verblendesten, die dogmatischsten überhaupt.

Es ist nicht schwer zu begreifen: Die einzig sinnvolle Rentenpolitik ist die gesetzliche Rente, das Umlageverfahren. Nur dort steht hinter dem Geld reale Arbeit. Wie sehr in Deutschland die Neoliberalen den Ton angeben, zeigte kürzlich eine Untersuchung der OECD, der Wirtschaftsabteilung der UNO: In Deutschland bekommen Rentner derzeit durchschnittlich 52 Prozent ihres letzten Nettogehaltes. In Österreich sind es 90 Prozent. Die haben praktisch keine private Vorsorge. Im OECD-Durchschnitt 59 Prozent. Ein Hoch auf den Exportweltmeister. Dazu kommt: Seit Jahren ist bekannt, dass sich alle, die besser verdienen, aus der Rentenbeitragszahlung verabschieden können. Zu dieser Diskrepanz sollte man Psychologen befragen. Das deutsche Wesen. Die sozialen Sicherungssystem sind in Deutschland fast feudalistisch organisiert.

Der Mainstream der sogenannten Ökonomen erzählt nach wie vor dummes Zeug, hofiert von den üblichen Medien. Ob ARD, ZDF, FAZ, SZ, DLF, die nach wie vor große Zahl an Provinzzeitungen, wo der Sachverstand ohnehin nicht zuhause ist: Die neoliberale Mär ist unangefochten. Man kann das Sparen für die Rente ohne weiteres als grandioses Geschwätz entlarven, es interessiert nicht.

Warum? Es ist die massive Verflechtung von Macht, politischer und ökonomischer. Eine Merkel lässt sich von neoliberalen Darwinisten beraten, wie man das nennt, Epigonen wie Schäuble oder Altmayer plappern nach. Die CDU diskutiert allen Ernstes, ob der Lobbyist Merz Parteichef werden soll.

Gerade wenn man einmal dieses Wirtschaftssystem als Grundlage der Argumentation nimmt: Sparen mag für einen überschuldeten Privathaushalt das richtige sein, volkswirtschaftlich ist es zerstörerisch. Die Mächtigen zerstören langfristig ein Gemeinsystem, weil sie an der Renditesteigerung ihrer Klasse interessiert sind. So bleiben sie zumindest kurzfristig an der Macht. Eine andere Erklärung fällt mir nicht ein. Selbst ein Schäuble oder eine Merkel oder ein Schröder etc. sind objektiv nicht so dumm, das sie das nicht erkennen würden.

Konsum ist nun mal die Voraussetzung für Produktion, es geht nicht anders. Wenn ich zum sparen auffordere, fordere ich zum Konsumverzicht auf. Es ist systemischer Nonsens.

Immerhin: Corona könnte hier eine Wende erzwingen.

Jetzt kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Artikels:

Befördert wird diese Dummheit (Dummheit im Sinne Kants, nicht Sarrazins) durch die neoliberale Gehirnwäsche, hier im Blog schon oft dargelegt. Aktuelles Beispiel: Die Medien lassen nun zuhauf sogenannte Intellektuelle zu Wort kommen, die behaupten, nach Corona werde alles anders ein. Kürzlich meinte Dr. Christian Quarch – nach Eigenauskunft „Autor, Redner, Sinnstifter, Reiseleiter“ – im Deutschlandfunk, dass nach Corona geistige Werte mehr zählen würden. Es sei, gerade für junge Leute, ein großer Einschnitt. Die Jugend werde sich nun massiv ändern.

Ähnliches wurde nach nine eleven, der Finanzkrise und Fukushima behauptet – es war alles Quatsch. Auch Stefan Reinecke von der taz macht da mit:

Der Neoliberalismus ist mehrfach blamiert und zur Kenntlichkeit entstellt.

Und:

Die Pandemie besiegelt den Bankrott des neoliberalen Modells. Der Kult des starken Egos, dessen schrankenlose Freiheiten letztlich allen nutzen sollten, ist angesichts einer Bedrohung, die nur kollektiv bekämpft werden kann, lächerlich.

Nö. Reinecke scheint nicht ganz verstanden zu haben, was Neoliberalismus bedeutet. Es bedeutet unter anderem, dass man genau dann einen starken Staat haben will, wenn es gilt, Kosten abzuwälzen. Das war in der Finanzkrise 2008 so und das ist jetzt so: Man nimmt gerne Kurzarbeitergeld, dann muss man niemanden rauswerfen, den man später mühsam wieder anstellen müsste. Die zentrale Logik des Neoliberalismus ist die, neue Möglichkeiten der Renditeerzeugung zu etablieren. Corona hat damit nichts zu tun.

Corona wird gar nichts ändern. Man wird irgendwann wieder auf Wiesen liegen und in Cafés sitzen, und wenn es gut läuft, sorgt die Politik für künftige Pandemien für Impfstoffe und Schnelltests und Gesichtsmasken und Einweghandschuhe. Das wird es gewesen sein.

Dennoch darf Herr Quarch, angeblich Hölderlinexperte, auf Yellow-Press-Niveau im DLF plappern, vom Moderator freudig hofiert.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, dieser Satz darf natürlich nicht fehlen.

Außerdem will er

hin zur traditionellen Weisheit eines auf Autarkie angelegten Wirtschaftens, das Wachstum und Sicherheit, Freiheit und Nachhaltigkeit, Funktionalität und Schönheit verbindet

Das schrieb er in seiner „Denkwerkstatt“; lauter tolle Begriffe, wer kann dazu schon nein sagen? Das sind diese Momente, in denen man sich einen Adorno zurückwünscht oder zumindest irgendwen, der den Quarchs dieser Welt ihre platte Selbstvermarktung nicht durchgehen lässt. Die Frage, die mich umtreibt, ist die immer gleiche: Sind diese Leute so banal oder tun sie nur so?

Aber das ist letztlich egal. Der Effekt ist der entscheidende. Ob Rente, ob Kredite, ob Schäuble oder Quarch: Die Mittelmäßigkeit, die Banalität, die Esoterik, das Wünschelrutentum, das Dienen für die Kapitallogik schwimmen obenauf. Ob private Altersvorsorge oder Freiheit und Schönheit: Fundament solcher Analysen ist die neoliberale Logik, auf der das alles gedeiht. Deren Absicht ist es, über alles zu reden, nur nicht über das, was zählt.

Andererseits: Wenn Leute wie Quarch reüssieren, kann es nur noch bergauf gehen.

(Fotos: genova 2016, 2018, 2020)

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4 Antworten zu Freiheit und Schönheit: Was nach Corona kommt

  1. docvogel schreibt:

    Danke! Klasse Text („Sind diese Leute so banal oder tun sie nur so?“). Ich würde zu gerne verstehen, was jetzt ist, wo die Banken die zu vielen angesparten Taler doch für Kredite ausgeben könnten. Müsste es da eigentlich nicht wieder Positivzinsen geben? Nee?

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  2. genova68 schreibt:

    Tja, ich schätze, dass zumindest die Staatsanleihen wieder teurer werden. In der Wirtschaft redet man ja von einer drohenden Rezession, dann wird es nichts mit steigenden Zinsen

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  3. hANNES wURST schreibt:

    Dieser Artikel mäandert um des Thema der steigenden Deflationsgefahr. Wie kann man die Deflation bekämpfen? Der Leitzins kann kaum noch nach unten korrigiert werden, ein starker wirtschaftlicher Abschwung ist bereits im Gange, für staatliche Investitionen wird nach der Pandemie das Geld fehlen weil Scholz alles mit der Bazooka verballert hat, Währungskontrolle in der EU ist schwierig auf die Belange der Mitgliedsstaaten einzustellen. Das sieht ganz danach aus, als wenn wir die 20er überspringen und direkt in dern 30er Jahren landen. Das wird andere Staaten in der EU noch viel härter treffen als Deutschland, aber wir sitzen in einem Boot – wobei ich das komplette Ende der EU wegen der Pandemie vorhersage. Ich bin also ähnlich optimistisch wie Drosten.

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  4. genova68 schreibt:

    Die einen fürchten Deflation, die anderen Inflation. Keine Ahnung. Mir scheint mittlerweile, dass man vor allem die Prophetien der alten weißen Männer ignorieren sollte, die immer alles wissen. Da sollte man eine Liste erstellen. Es sind tatsächlich fast immer weiße Männer, die vorgeben, alles zu wissen. Das ist wohl das Grundübel unserer Zeit, Allmachtsphantasien, die sich nicht mehr darin ergehen, Kriege zu führen, aber als Ersatz alles checken, immer eine Antwort haben. Jetzt gibt es plötzlich unzählige Virusexperten.

    Man bräuchte eine Institution, die sämtlich Prognosen notiert und dann nachschaut, was daraus geworden ist Es wäre für viele peinlich. Beispielsweise war es nach 2008 für viele ausgemacht, dass wir eine Hyperinflation bekommen. Sie kam nicht. Usw.

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