Hitler, Hütchenspieler und die FAZ

Immer wieder interessant, geradezu faszinierend: Intellektuell ernstzunehmende Menschen und Institutionen gleiten in die Niveaulosigkeit ab, wenn es um herrschende Dogmen geht. Typisch dafür und in diesem Blog schon oft erwähnt ist die Behandlung kapitalistischer Logik als eine quasi göttliche, die nicht hinterfragt werden darf. Selbst beim Offensichtlichen, wenn also die Zerstörungsprozesse durch den Kapitalismus nicht mehr verschleiert werden können, findet kein Umdenken statt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Ein Beispiel hierfür ist ein ganzseitiger(!) Artikel, der am 23. August 2019 in der FAZ (S. 16) erschien, und zwar in der schon vom Namen her skurrilen Rubrik „Die Ordnung der Wirtschaft“.

Man ahnt: Es gibt eine Ordnung der Wirtschaft, die nicht hinterfragt werden darf.

Auf dieser Seite also stellen drei Autoren ihre sogenannte Studie übers Wohnen in Wien vor – Überschrift: „Österreich ist kein Mieterparadies“.

Man weiß ja, Wohnen in Wien (es geht in dem Artikel vor allem um Wien) ist für etwa 60 Prozent der Einwohner fast paradiesisch, nämlich günstig und gut, weil renditefrei. 60 Prozent wohnen in sicheren, preiswerten Verhältnissen, und das garantiert dauerhaft.

Das steht allerdings nicht in der Studie. Die macht stattdessen folgende Rechnung auf:

Ein Markt müsse frei von staatlicher Beeinflussung sein, denn nur dann sei der Markt ein „Informationsvehikel zur Signalisierung von Knappheiten“. Das führe, so die reine Lehre, zu vermehrter Bautätigkeit, und das Problem sei beseitigt. Wien sei demzufolge kein Mieterparadies, weil durch garantierte niedrige Mieten zu wenig neu gebaut werde.

Das ist (nicht nur) für Wien falsch. Die Kommune baut dort permanent – es sind in den vergangenen 15 Jahren ganze Stadtviertel neu entstanden und es wird relativ mehr gebaut als in deutschen Städten. Der kommunale Wohnungsbau wird im Wesentlichen nur dadurch behindert, dass die Bodenpreise steigen. Wollen die kommunalen Wiener Wohnungsbaugesellschaften neu bauen, müssen sie Boden kaufen, und dann konkurrieren sie mit dem weltweit flottierenden Kapital.

Bei den aktuellen Marktbodenpreisen ist günstiges Bauen nicht möglich. Nicht für kommunale Gesellschaften und natürlich auch nicht für private Investoren.

Leider traut sich auch Wien nicht, Bodenbesitzer massenhaft zu enteignen und den Boden komplett zu kommunalisieren. Das würde zu paradiesischen Wohnverhältnissen für alle führen. Doch dann müssten die Kapitalisten weinen. Deshalb macht man das nicht.

Überlässt man den Boden den Kapitalisten, wie von der Studie gefordert, dann passiert folgendes: Die Knappheit an Wohnraum führt dazu, dass private Investoren ausschließlich im hochpreisigen Bereich bauen. Dann kommen die Spekulanten aus aller Welt und auch eine noch so intensive Bautätigkeit wird keinen preiswerten Wohnraum schaffen, da die Bodenfläche lokal begrenzt ist. Eine Stadt ist nun mal nicht so ausdehnbar wie die Produktion von Bier oder Kaugummi. In diesen Fällen kann ein Markt sinnvoll sein.

Im Extremfall wird jede neu entstandene Wohnung teuer verkauft und steht dann als Spekulationsobjekt leer. Das funktioniert so ähnlich wie bei Aktienkäufen, wobei es dort einigermaßen egal ist, wie viel Geld als „Marktkapitalisierung“ sinnlos geparkt ist, statt es zu verkonsumieren.

Beim Wohnen wird jedoch ganz realer Wohnraum durch Spekulantentum blockiert. Wir können das in allen anderen Metropolen und angesagten Plätzen auf der Welt sehen, ob London, Paris, New York, Sylt, Côte d’Azur oder sonstwo. Genaue Zahlen sind schwer zu bekommen. Kapital jedenfalls ist global betrachtet so viel unterwegs, dass sich dessen Gier niemals von selbst befriedigen lässt.

Wohnungsknappheit in nachgefragten Metropolen lässt sich ausschließlich durch soziale, gemeinschaftliche, kapitalismusfreie Initiative lindern. Der Kapitalismus wird das Wohnungsproblem niemals im Sinne der Betroffenen lösen, sondern es immer nur zur Renditeerhöhung nutzen. Das Wohnungsproblem im Kapitalismus wird nur in Gegenden mit abnehmender Bevölkerungszahl gelöst. Aber streng genommen ist auch das falsch, denn dort zieht sich das Kapital einfach zurück. Kapitalismus und Lösung der Wohnungsfrage: Das ist so wie der Löwe die Antilope immer auffressen wird, statt ihr Futter zu besorgen. Auch wenn er letzteres beteuern würde. Er kann nicht anders.

Was schlägt die Studie vor?

Sie verlangt, dass „mehr Baugenehmigungen“ erteilt werden und will eine „bessere infrastrukturelle Erschließung“ von irgendwas. Letzteres ist blabla. Ersteres ist zwar richtig, würde aber nur dann sozial Sinn machen, wenn diese Baugenehmigungen ausschließlich für renditefreies Wohnen erteilt würden, sonst kämen einfach noch ein paar Spekulanten mehr.

Wer sind die Verfasser des FAZ-Artikels und der Studie?

Sie heißen Tobias Thomas, Philipp Koch und Wolfgang Schwarzbauer und sind für ein sogenanntes Institut für Wirtschaftsforschung mit dem Namen Eco Austria tätig. Ein maßgeblicher Geldgeber scheint die österreichische „Industriellenvereinigung“ zu sein. Eine kurze google-Suche bestärkt den Eindruck, dass es sich hier um ein Propagandamittel des Kapitals handelt, das mit Wissenschaftlichkeit nichts zu tun hat.

Was mich bei solchen Artikeln immer wieder wundert: Die FAZ hat an sich selbst den Anspruch hoher Intellektualität und Seriosität. Das klappt meistens. Beim Thema Kapitalismusbewertung jedoch lässt man ständig jeden geistigen Anspruch fallen (Heike Göbel!) und fördert mit dem Eco-Austria-Artikel die Vermutung, dass es sich um bezahlte Werbung handelt, die ohne den entsprechenden Hinweis im redaktionellen Teil abgedruckt wird.

Ist die finanzielle Not der FAZ so groß, dass sie diesen Schritt geht? Oder ist die Wirtschaftsredaktion so verblendet, dass sie tatsächlich glaubt, was die drei Kameraden vom Eco-Institut da zusammengetippt haben?

Ich weiß es nicht. Ich frage mich nur, wie lange man solche Diskrepanzen aufrecht erhalten kann. Andererseits: Bei manchen Leserkommentaren in der FAZ zeigt sich der gleiche Fanatismus, ähnlich religiösen Eiferern. Der Kapitalismus ist unhinterfragbar, so wie Gott.

Macht Kapitalismus dumm? Dumm macht wohl Dogmatismus. Die dogmatischen Sozialisten sahen seinerzeit die DDR auf dem richtigen Weg, die noch dogmatischeren verteidigten Stalin und Mao. Die dogmatischen Kapitalisten wollen die Dosis ihres Giftes erhöhen, obwohl der Patient nach ihrer Behandlung schon im Koma liegt. Es erinnert an die letzten Kriegsjahre, 44 und 45. Trotz des offensichtlichen Scheiterns der Idee (den Krieg gewinnen) hält man an ihr fest, und zwar um den Preis der völligen Zerstörung. Wobei beim Thema Wohnen und Kapitalismus das Kapital gar kein Interesse an günstigen Wohnungen hat. Sollte es tatsächlich zu günstigen Mieten kommen, hätte das Kapital verloren.

Hitler hatte ein Interesse am Sieg und sagte das. Das Kapital hat kein Interesse an günstigen Mieten, sondern will, dass diese möglichst hoch getrieben werden. Der Zeitgeist heute – und der Neoliberalismus ist sein heimlicher Verbündeter – fordert vom Kapital, das Gegenteil zu behaupten. Insofern war Hitler ehrlicher als es das Kapital je sein könnte. Genau das macht diesen Dogmatismus so gefährlich. Selbst die FDP und die CDU, die parlamentarischen Interessenvertreter des Kapitals, behaupten, sie wollten „bezahlbare Mieten“.

Die wahren Absichten zu verschleiern, ist die Aufgabe neoliberaler Propaganda, hier die der Propaganda von Thomas, Koch und Schwarzbauer.

Neoliberaler Dogmatismus ist der vermutlich gefährlichste überhaupt, weil der raffinierteste. Es wird dem Menschen permanent so eine Art Bilderbuchlösung für alles vorgegaukelt, und zwar in Form des vermeintlich selbstbestimmten Individuums, das den „freien Markt“ als Grundlage fürs gute Leben braucht. Dabei schafft der neoliberale Dogmatismus das selbstbestimmte Individuum und das gute Leben ab, weil es einzig und systemisch um die Rendite, um c´geht.

Ich gehe zu Gunsten von Thomas, Koch und Schwarzbauer davon aus, dass sie nicht glauben, was sie schreiben. Genauso wenig wie Hütchenspieler es glauben, wenn sie ihren potenziellen Opfern hohe Gewinne in Aussicht stellen. Wichtig ist nur, dass die Opfer an ihren Sieg glauben. Die Erbärmlichkeit des Vorgehens ist die gleiche.

Das Ziel der neoliberalen Propaganda ist: Die Antilopen dazu zu bringen, den Löwen zu vertrauen.

Antilopen auf einer Wiese, noch ohne Löwen:

(Fotos: genova 2015, 2019)

Dieser Beitrag wurde unter Gentrifizierung, Gesellschaft, Kapitalismus, Neoliberalismus, Politik, Rechtsaußen abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Hitler, Hütchenspieler und die FAZ

  1. hANNES wURST schreibt:

    Das Ziel der sozialistischen Propaganda ist: den Löwen dazu zu bringen, die Antilopen zu füttern. Und einzuhegen. Und zu beschützen. Und an einem hohen Feiertag oder in der Krise zu fressen.

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  2. genova68 schreibt:

    Im Sozialismus gibt es keine Löwen, die werden als Erste geschlachtet und an die Schoßhunde verfüttert. Dann richten sie keinen Schaden mehr an. Gut möglich allerdings, dass die Antilopen im Sozialismus zu Fleischfressern werden und sich tierische Opfer suchen. Dann könnte die von dir beschriebene Entwicklung eintreten. Die Frage wäre also, wie man das vermeidet.

    Aber ich drehe den Spieß lieber um: Solange die Verhältnisse auf den Immobilienmärkten so pervers sind wie sie sind, haben nicht etwa die Sozialisten eine Bringschuld, sondern die Kapitalisten. Es ist schon dreist, wie das Kapital in Form seiner Handlanger versucht, den Mietendeckel madig zu machen, obwohl es das Kapital ist, das sich asozial und sozialdawinistisch verhält.

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  3. eimaeckel schreibt:

    Und wenn die Schlosshunde sich vollgefressen haben und Welpen werfen, werden die genutzt, um die Antilopen in Schach zu halten. Nicht meine Idee, sondern die von Orwells „Farm der Tiere“. Ich halte nichts vom Schlachten von irgendwem im Namen von irgendwas.
    Danke für’s Folgen. 🙂

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  4. genova68 schreibt:

    Danke für den Hinweis auf die Farm der Tiere. Die Welpen als Metapher für unser undurchlässiges Bildungssystem.

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