„If you are tired of traveling in Europe…“

Nachtrag zu diesem Artikel, der die Zerstörung der Welt durch Reiseführer und Reisende zum Thema hatte.

Ein Fotoabreißkalender bot mir am 9. Februar dieses Bild (links) und auf der Rückseite diesen Text (rechts):

Bild und Text stammen von einem Herrn namens Qi Qi Gu. Sein Job scheint zu sein, durch die Welt zu reisen und Polaroids zu knipsen.

Der Text zeigt einen extrem oberflächlichen Blick auf ein vielfältiges Land. Es ist einfach amazing und als zweiter Punkt kommt sofort das leidige Thema der Kriminalität. Man muss angeblich carefully about thieves sein, was nur zeigt, dass sich der Reisende ausschließlich an den Pyramiden aufgehalten hat. Und selbst dort stimmt es nicht. Man muss an jedem Berliner hot spot more carefully about thieves sein als in Kairo. Dazu präsentiert dieser Reisende allen Ernstes ein Foto, das das Klischee über Ägypten schlechthin ist. Da hilft auch die Polaroid-Ästhetik nichts.

Es ist ein Ärgernis, dass solche Menschen reisen, vermutlich auch noch mit dem Flugzeug und Kohlendioxid produzieren. Ein Freizeitpark in ihrem Heimatland wäre genug für sie. Es ist ein postiver Nebeneffekt von Corona, dass solche Leute jetzt zuhause bleiben.

Fotos und Texte dieser Machart sind ein Teil des neoliberalen Mantras, alles spannend finden zu müssen. Das Reiseland ist dann eben amazing und Reisen an sich soll suggerieren, dass man neugierig ist und man viel erlebt. Herr Qi Qi Gu ist das Gegenteil davon: gesättigt, desinteressiert und komplett auf Fassade angelegt. Das optimistische Denken ist in Wahrheit Antidenken, schlechtes claiming, sonst nichts. Die neoliberale Ideologie macht es solchen Leuten aber einfach, sich als das Gegenteil dessen darzustellen, was sie sind: Sie müssen nur so tun, als ob. Dazu reichen gängige Vokabeln wie amazing und ein Foto, das vor allem den flachen Denkhorizont des Fotografen wiedergibt.

Die meisten Menschen wollen nur zum nächsten Sangria-Eimer reisen, um daraus saufen zu können. Eigentlich eine lustige Beschäftigung. Leider bekommen sie eingeredet, dass man das nicht machen soll. Deshalb reisen sie zu den Pyramiden und schießen üble Fotos und schreiben noch üblere Texte. In der sogenannten Wissensgesellschaft haben Sangria-Eimer einen schlechten Leumund.

Vielleicht ist der Neoliberalismus so erfolgreich, weil er jedem Langweiler ermöglicht, sich zu tunen.

Reisen auf Instagram-Niveau ist die Seuche unserer Zeit. Es ist das Coronavirus auf soziologisch. Unmengen von Narzissten kommen auf ihre Kosten. Die Unkosten tragen die Ägypter. Und wir alle.

(Fotos: genova 2020)

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