Die Möbel und der Müll

Ulf Meyer schreibt in der FAZ (19.2.20, S. 11) über eine Ausstellung im Vitra Design Museum zum Thema Wohnkultur:

Heute ist die Wohnung mehr Ware als Inszenierung. Möblierung folgt den Gesetzen der „Fast Fashion“ und versteht sich nicht mehr als Akkumulierung von kulturellen Sedimenten. Erst wenn Hersteller gezwungen würden, Altmöbel zurückzunehmen, könnten sie motiviert werden, Langlebigkeit wieder zum Ziel zu machen und so Müll zu vermeiden oder Möbel zum mieten anzubieten.

Möbel sind ein weiteres Beispiel für den erfolgreichen Versuch des Kapitalismus, Gebrauchszyklen zu verkürzen. Fast living, analog zum Fast Food, verspricht mehr Rendite. Wenn ich alle paar Jahre meine Möbel wegwerfe und neue kaufe, weil mein aktualisierter life style das nötig macht, tun sich fürs Möbelbusiness ganz neue Möglichkeiten auf.

Derzeit wird ja viel über den Postwachstumskapitalismus gesprochen. Viele halten das für Quatsch, andere Leute sehen darin die langfristige Überlebensmöglichkeit fürs System.

Ich denke, grundsätzlich ist ein Kapitalismus ohne mehr Ressourcenverbrauch und mehr Konsum möglich. Was die meisten Wachstumskritiker nicht verstehen: Wirtschaftswachstum wird nicht in geförderten Barrel Öl oder der Zahl abgesetzter Autos gemessen, sondern einzig in Geld. Wenn man also bislang jährlich 100 Kilo Äpfel kaufte, und zwar bei Lidl für zwei Euro das Kilo, und nun weiterhin 100 Kilo Äpfel pro Jahr kauft, aber im Bioladen für vier Euro das Kilo, dann bedeutet das ein massives Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger massiver Erhöhung der ökologischen Standards.

So weit die Theorie. In der Praxis, so lässt sich vermuten, ist solch ein Konzept kaum umsetzbar. Da sind die Trumps, die Wutbürger, die CDU, die Faschisten, und wohlmöglich auch die Gewerkschaften vor. Die Verlockung, der Masse einzureden, man wolle ihnen nur an den Geldbeutel, wäre zu groß. Wir leben in einem naturgemäß durch und durch perversen System.

Interessant in diesem Zusammenhang ist jedenfalls diese Diskussionsveranstaltung vom vergangenen Herbst in Frankfurt:

Drei Linke diskutieren über das Thema Kapitalismus, aber sie sind meilenweit entfernt voneinander. Heiner Flassbeck argumentiert keynesianisch und glaubt, dass man den Kapitalismus so umbauen könne, wie ich das oben geschildert habe. Alles laufe über den Preis.

Die Ökonomin und taz-Journalistin Ulrike Herrmann glaubt das nicht und will stattdessen eine Postwachstumsökonomie, weiß aber nicht, wie man in der Praxis dahingelangen soll.

Und der israelische Soziologe und Historiker Moshe Zuckermann findet Flassbeck und Herrmann zu konkret und argumentiert im Sinne der Kritischen Theorie damit, dass wir alle infiziert seien, vom Kapitalismus innerlich und äußerlich zerstört und dass man genau das in der Diskussion bedenken müsse: Wir sind alle krank.

Es gibt keinen Ausweg aus der Katastrophe der Naturzerstörung und also Menschenzerstörung, könnte man meinen.

Im sich anschließenden Diskussionsteil bringt ein Zuschauer (ab 26:20, siehe unten) den hochinteressanten Beitrag, dass der Kapitalismus sich den Menschen geschickt gefügig gemacht habe. Der Mensch sei offenbar so gestrickt, dass er permanent sein Belohnungssystem bedienen wolle, und damit gehe es ihm gut. Ob TV, Fast Food, Drogen, Smartphone, Pornos, Autos etc: Die Nutzung all dessen verspricht sofortige Bedürfnisbefriedigung, und solange der Kapitalismus diese Erwartung nicht enttäuscht, wird er weiterexistieren. Der französische Schriftsteller Sébastien Bohler nennt das einen bug humain, den sich das Kapital zunutze macht. Bedürfnisbefriedigung könnte anspruchsvoller, sozial- und umweltverträglicher verlaufen, aber das wäre aufwändiger.

Alle paar Jahre eine neue Wohnungseinrichtung kaufen, die scheinbar individuell gestaltet ist, aber in Wirklicheit die Individualität dem Individuum vollends austreibt. Die angeblich so wichtige Individualität im hiesigen System: ein weiteres interessantes Thema, das den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde.

Flassbeck, der in Frankreich lebt, behauptet in der Diskussion übrigens, dort gebe es in Supermärkten keine Hähnchen für 3,99 Euro, dort zahle man klaglos mehr als 20 Euro. Das hängt wohl mit der Esskultur zusammen. Die Deutschen hätten sich einreden lassen, das das Billigste immer gut sei.

Das erinnert an das Apfelbeispiel. Sieht so aus, als sei Frankreich schon weiter. Wen wundert´s.

(Foto: genova 2019)

Dieser Beitrag wurde unter Alltagskultur, Design, Deutschland, Essen & Trinken, Kapitalismus, Kritische Theorie, Linke, Neoliberalismus, Wirtschaft abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Die Möbel und der Müll

  1. neumondschein schreibt:

    Meine IKEA-Möbel habe ich schon, seitdem ich bei Muttern auszog also von vor 25 Jahren. Die sind ein halbes dutzend mal umgezogen. Und wenn ein BILLY- oder IVAR-Regal sich auflöste, habe ich die kaputten Teile weggeworfen und den Rest eingelagert und als Ersatzteillager wiederverwendet, falls andere Regale kaputtgehen sollten. Sehr ökologisch das. Die ökologische Lösung für alle, die andauernd umziehen müssen. Nur mein BONDE- und das CD-Regal sollte ich wirklich mal wegschmeißen.

    Das uns bekannte Scheusal berichtet ähnliches:
    https://rebellmarkt.blogger.de/stories/259349/

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  2. genova68 schreibt:

    Nur mein BONDE- und das CD-Regal sollte ich wirklich mal wegschmeißen.

    Gib sie am besten bei IKEA ab.

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