Über Thüringen, Krawatten und die ganz große Koalition

Eine Betrachtung in drei Kapiteln.

Es geht nach wie vor drunter und drüber in Thüringen. Ausgerechnet in dem neben Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern unangenehmsten Bundesland überhaupt (dumpfe Wälder, fieses Klima, Puppenstubenstädte, hässliche Menschen) zerlegt sich die Parteiendemokratie.

1.

Das Störendste der Geschehnisse der vergangenen Tage war eindeutig das Bild des Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich, der ohne Krawatte vereidigt wurde. Einen Anzug ohne Krawatte zu tragen war schon immer von zweifelhafter Ästhetik; mittlerweile wirkt dieser Aufzug nur noch angestrengt locker, primitiv, eigentlich schon vulgär. Vor 20 Jahren, in den Anfängen der Internetcompanies, waren krawattenfreie Anzüge der letzte Schrei. Man wollte zeigen, dass man zwar systemisch wie kleidungstechnisch nichts grundsätzlich in Frage stellt, sich aber zwecks optimaler Renditeerzielung in neuen Zielgruppen, die ohne Krawatte sozialisiert wurden, leger kleidet. Die Vorstände von Onlinebanken traten gern mit dunklem Anzug und weißem Hemd auf, der oberste Knopf blieb offen.

Vor 20 Jahren innovativ, ist das heute nur noch spießig anbiedernd. Jackett mit Hemd und Jeans mag noch durchgehen, Anzug ohne Krawatte nicht mehr. Es sind nicht erwachsengewordene Männer, die so umherlaufen. Die Vorläufer der Internetcompaniechefs waren Gewerkschaftsfunktionäre, die schon in den 1980ern im Anzug, aber ohne Krawatte auftraten. Die Motive waren ähnliche: Man wollte die Entfremdung von der Arbeiterklasse kaschieren, indem man den Binder, wie man sagt, wegließ, aber eben nicht gleich auf den Blaumann umstieg, um die Arbeitgeberkollegen nicht über Maß zu dümpieren. Klassenübergreifender Friede war das Ziel.

Was hat es den Gewerkschaftlern gebracht? Schwindender Einfluss, neoliberale Deformation auch dort. Sie hätten besser die Krawatte angelassen und ihr Auftreten radikalisiert.

Zurück nach Thüringen: So stand also Thomas Kemmerich mit dunklem Anzug und krawattenlos vor der Landtagspräsidentin, wie ein 20 Jahre zu spät gekommener Internetbankchef. Dabei ist er Frisör.

Ein übles Bild. Kemmerich ist vermutlich einer, der sich cool und attraktiv findet und dieses Bild damit unterstreichen will, dass er die Krawatte weglässt. Gut möglich, dass man das in Thüringen progressiv findet. Ostdeutschland hinkt der Entwicklung bekanntlich runde achtzig Jahre hinterher.

Vom Krawattenästhetischen abgesehen muss man zugeben, dass Kemmerich an dem einen Tag im Amt eine gute Figur machte. Er sprach in unzählige Kameras und hatte da keine leichte Aufgabe. Sein Rezept: einfache Sätze bilden und nach jedem Satz hinzufügen, dass er mit der AfD nichts am Hut habe. So trickste er Slomka und Co. aus. Außerdem trägt er Cowboystiefel, das bringt Aufmerksamkeit.

Was diese Performance angeht, könnte sich so mancher Politikerkollege eine Scheibe abschneiden.

2.

Davon unbeachtet: Die Entwicklungen in der CDU sind besorgniserregend. Eine ganze Menge wichtiger Unionspolitiker hatte Kemmerich direkt nach dessen Wahl gratuliert – darunter der Berliner Frank Henkel und die intellektuelle CSU-Null Dorothee Bär wie auch der CDU-Ostbeauftragte, dessen Name ich vergessen habe. Dazu kommt die rechte Werteunion, die sich nun bundesweite organisiert, Strukturen schafft, und deren einziges Ziel eine CDU-AfD-Koalition ist. Die Werteunion ist keine offizielle Parteiströmung, soondern ein eingetragener Verein. So ist es wohl leichter, die Partei zu unterwandern. Ein CDU-Vorständler sagte dazu vorgestern im Interview, es drohe der Partei eine Spaltung. Und die Junge Union ist mittlerweile strammrechts. AKK hat nur noch wenig im Griff.

Es wäre typisch, dass das konservative Bürgertum sich mit Faschisten zusammentut. Demokratie ist nebensächlich, wenn rechte „Werte“ damit nicht mehr umgesetzt werden können. Wer das Volk ist, entscheidet man dann lieber selbst. Um die Gefahr von bundesweiten Unisextoiletten abzuwenden (Kreuzberger Verhältnisse!!!), muss man sich schon mal mit unappetitlichen Leuten zusammentun.

Teile der CDU und Teile der FDP sind naturgemäß anfällig für Faschismus. Die Hufeisentheorie besagt, dass Ramelow so schlimm wie Höcke ist. Die holten nun Union und FDP wieder aus dem Keller. Es ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass man Verbote überwinden will. Im Moment dient das Hufeisen noch dazu, eine Koalition mit der AfD zu verhindern. Aber der nächst Schritt ist der: Wenn man mit Ramelow zusammenarbeiten darf, dann darf man das auch mit Höcke.

3.

Andererseits: Was kapitalistische Wirtschaftspolitik, also die Vermögensvermehrung via Ausbeutung der Massen angeht, bilden CDU, CSU, AfD, FDP und Teile der SPD schon lange eine große Koalition. Bei der Bodenfrage beispielsweise, die unbedingt angegangen werden müsste, sind sich Konservative, Neoliberale und Faschisten komplett einig: Eigentumsverhältnisse um keinen Preis antasten.

Man sieht am Fall Thüringen, dass man hier ohne eine solide Analyse auf Marxscher Basis nicht weiterkommt. Die Zementierung der ökonomischen Verhältnisse via Konservative und Faschisten wird die Grundlage für künftige Koalitionen bilden. Dann werden Unionschristen und Faschisten im Gleichschritt vor venezuelanischen Verhältnissen warnen.

Die Empörung der Medien über die Erfurter Verhältnisse wäre überzeugender, würde man auch wirtschaftsplolitisch auf menschenfeindliche Positionen verzichten. Das allerdings fällt schwer

Teile der Medien wie auch Teile der Union, der FDP und der CDU bereiten durch ihre neoliberale Politik das Erstarken der Faschisten vor. Ob Themen wie aktuelle Vermögensverteilung, schamlose Ausbeutung, Niedriglohnsektor, Rente und so fort: Das Gefühl, betrogen zu werden, nimmt zu. Natürlich spürt die Masse, dass die herrschenden Bonzen ihre Feinde sind. Langfristig helfen da auch Merkels Forderungen nach „Rückgängigmachung“ „unterträglicher“ Zustände nichts. Die aktuelle Affäre um von der Leyen, McKinsey und die Bundeswehr zeigt: Diese Leute können sich alles erlauben und lassen sich, wenn es brenzlig wird, nach Brüssel versetzen.

Ohne eine ernstzunehmende öffentliche Diskussion über die Zusammenhänge zwischen Neoliberalismus, Faschismus und allgegenwärtige Korruption wird das Problem nicht gelöst werden.

Gut möglich aber, dass kaum jemand an einer Lösung ein Interesse hat.

Mein Tipp: Krawatte umbinden und linksradikale Politik machen. Angenehme Ästhetik zu angenehmer Politik. Es wäre der erste Schritt zur Zivilisierung eines tiefenpsychologisch unzivilisierten Landes.

(Fotos: genova 2016, 2018)

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