Das finden wir auch

Das perfide am neoliberalen System, das uns nicht nur umgibt, sondern mittlerweile durch und durch durchdringt, gewissermaßen jede Faser unserer Köpfe und Herzen und Bauche und vermutlich auch unserer Geschlechtsteile infiziert hat, ist, dass wir all das beharrlich leugnen. Wir könnten die Anerkennung dieser Verhältnisse nur um den Preis unserer vollständigen Entblößung tun, also um den Preis unserer vollständigen und umfassenden Zerstörung, und deshalb lassen wir es bleiben.

Schlimmer noch: Wir, und naturgemäß vor allem die Deutschen, sehen in unserer faktischen Versklavung nur rationale Verhaltensweisen. Der selbstbestimmte Mensch wird je selbstverständlicher angenommen, desto weniger er existiert.

Ein einleuchtendes Beispiel für diese wirre These ist dieses Bild:

Die Tätigkeiten von airbnb sorgen dafür, dass es in Berlin weniger Wohnungen für den normalen, den eigentlichen Bedarf gibt. Findige airbnb-Manager haben das erkannt und in diesen Zeiten ist es am wichtigsten, stromlinienförmig zu bleiben, nicht zu widersprechen. Hohe Mieten sind nicht gut fürs Image. Das aber führt nun nicht dazu, die realen Verhältnisse zu klären. Stattdessen beauftragt man eine Werbeagentur, die aus Stadtzerstörern Stadterhalter machen.

Deshalb sehen wir auf dem Plakat eine nette Frau, die gradlinig in die Kamera guckt, einen Minztee (echte Minze!) trinkt, ihr Dekolleté zeigt und überhaupt sehr vernünftig wirkt. Sie heißt Jazmin, ist also Ausländerin und eben deshalb aufgeklärt.

Die Frau sagt völlig sinnloses Zeug – wir Berliner machen das wie Hamburg, wir schützen Wohnraum effektiv, digitaler Registrierungsprozess blabla -, aber es kommt gut rüber. Jazmin ist aufgeklärt und will, dass Wohnen bezahlbar bleibt, wie man sagt. Sie macht sich Gedanken und kommt zu einer vernünftigen Lösung.

Das ist Neoliberalismus in Reinkultur. Es ist eine einzige Perfidie. Ein völlig sinnloses Geschwätz, eine Barbarbei, die als Humanität verkauft wird. Jazmin ist Gastgeberin. Wer könnte da Böses vermuten? Wir brauchen keinen Hitler mehr, der anderen offen den Kampf ansagt. Wir geben uns geschmeidig. Jazmin guckt nicht wie Hitler. Sie guckt, als blickte sie durch. Als hätte sie in der Tat ein soziales Anliegen. Dabei hat Jazmin, also airbnb, nur ein einziges Anliegen: Profit zu machen, ohne Rücksicht auf Verluste.

In Zeiten, in denen der aware-Begriff inflationär gebraucht wird, geben wir uns bestenfalls mild kämpferisch, aber vor alllem angepasst. Angepasst ans Kapital.

Auf Hitler gemünzt: Er würde heute sagen, dass Juden und Linke unbedingt geschützt werden müssen und dann seine Vernichtungspolitik umso ungehemmter durchziehen. Und zwar durch die Verhältnisse. Konfrontation ist out, awareness ist angesagt. Jazmin ist awareness, sie zeigt Verantwortungsgefühl.

Wir sind keine Gegner des neoliberalen Systems. Wir sind von ihm durchdrungen. Ab und an spüren wir die Katastrophe. Aber wir können nichts dagegen tun. Wir sind Teil dessen.

Die Verhältnisse sind kapitalistische. Die neoliberale und kapitalistische Logik wird den Faschismus für sich nutzen und in den Schatten stellen. Solange das so bleibt, werden die Wohn- und eben Lebensumstände so bleiben, wie sie sind.

(Foto: genova 2020)

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9 Antworten zu Das finden wir auch

  1. krisenblogger schreibt:

    Das finden auch wir scheiße (pluralis majestatis)

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  2. neumondschein schreibt:

    Ich bin ja der Meinung, daß der wissenschaftlich-technische Fortschritt so weit gekommen ist, daß man soviel Wohnraum errichten kann, so daß er sowohl für Einwohner als auch für Touristen als auch für Konferenzreisende ausreicht. Und das selbst in Berlin. Vielleicht sollten Universitäten in die Pampa umziehen. Dann könnten man die Funktionalitäten trennen und es wäre nicht so eng in Berlin. Also: Die Touristen und die altervorsorgenden Investoren nach Berlin. Die Universitäten, Startups und Studenten nach Magdeburg. Die Beamten und den Bundestag nach Brandenburg an der Havel oder so ähnlich.

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  3. genova68 schreibt:

    Ich bin ja der Meinung, daß der wissenschaftlich-technische Fortschritt so weit gekommen ist, daß man soviel Wohnraum errichten kann, so daß er sowohl für Einwohner als auch für Touristen als auch für Konferenzreisende ausreicht. Und das selbst in Berlin.

    Ja, neumondschein, das ist wohl so und das ist ein sehr wichtiger Satz. Die Frage ist, warum der preiswerte Wohnraum für alle nicht gebaut wird. Und da sind wir bei der Systemfrage. Das Kapital tut alles, damit sich Ware verknappt und somit verteuert. In der Regel ist es damit nicht erfolgreich, die Marktwirtschaft regelt das ganz gut. Wo die Marktwirtschaft das nicht hinkriegt, wird es barbarisch. Siehe Gentrifizierung, siehe Arbeitsverhältnisse in weiten Teilen der Welt.

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  4. hANNES wURST schreibt:

    Die Anzeige ist nicht gelungen, denn die klassische Hipsterfrau sieht viel unauffälliger aus. Ein Mann mit Bart und roter Hose wäre viel glaubhafter, oder eben eine Frau mit Hoody, dicker Brille, und sehr kritischem und schlecht gelauntem Gesichtsausdruck. So hätte Hitler es auch gemacht, er hätte noch seinen Skizzenblock und eine „Schöner Wohnen“ auf den Tisch gelegt.

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  5. hANNES wURST schreibt:

    Entschuldigung, natürlich keine „Schöner Wohnen“ sondern die „Deutsche Bauzeitung“.

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  6. genova68 schreibt:

    Es sollte wohl auch keine Hipsterfrau abgebildet werden. Das ist ja gerade das Raffinierte. Eine Hipsterfrau wäre in diesen sensiblen Kontext nicht glaubhaft, denn sie stünde eher für kurzfristige Profite via airbnb. Es sollte eine Frau abgebildet werden, die glaubhaft soziales Verhalten verkörpert, dennoch keine Ökotante, sondern aufgeschlossen wirkend und mit einer Mischung aus Neugierde und Zurückhaltung.

    Die Deutsche Bauzeitung gibt es übrigens seit 1867 und sie war nach eigener Aussage konservativ. 1939 feierte sie die Neue Reichskanzlei und 1942 ihre eigene Einstellung wegen „kriegswichtiger Zwecke“.

    1948 ging es weiter und heute ist sie gut lesbar, aus fachlicher Sicht.

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  7. genova68 schreibt:

    Danke, lesenswert!

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  8. philgeland schreibt:

    Fehlt eigentlich nur noch ein aufgeklapptes MacBook auf dem Holztischchen.

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