„Wir hatten Stil und gute Laune“

Die seinerzeit wie heute sehr attraktive Désirée Nosbusch war nach eigenem Bekunden „ein Gastarbeiterkind“ aus Italien, wo sie die ersten sechs Lebensjahre verbracht hatte. Sie wuchs „in ärmlichen Verhältnissen“ auf:

„Wir hatten lange kein fließend Wasser, nur eine Pumpe im Garten. Aber wir hatten Stil und gute Laune. Meine Mutter war Schneiderin, wir waren immer sauber und ordentlich angezogen.“ (dbmobil 1/20)

Stil, Wasser und gute Laune, dazu saubere und ordentliche Kleidung, was braucht man mehr? Die letzten beiden Attribute sind heute ja eher verpönt, dabei zeugen sie nur von Respekt gegenüber der Umwelt.

Das bringt mich zum Thema: Was ist von Jogginghosen, gar von Jogginganzügen, wie man sagt, in der Öffentlichkeit zu halten? Ist eine Jogginghose in der Öffentlichkeit nur Ausdruck dessen, dass man „die Kontrolle über sein Leben verloren hat“, wie Karl Lagerfeld einmal meinte? Oder ist die Jogginghose als Allroundbekleidungsstück nur eine zwangsläufige Entwicklung?

Letzteres. So wie sich ein paar Generationen zuvor die Jeans von der Arbeiter- zur Freizeit- zur Anzugs- und somit zur Allroundhose entwickelte – und es zuvor sicher unzählige andere ähnliche Entwicklungen gab. Man müsste sich einmal mit der Geschichte der Kleidung beschäftigen.

Die Jogginghose mit Sakko ist also eine geradezu unvermeidliche Entwicklung, so wie der Cappuchino am Nachmittag inn Deutschland, und wir sollten nicht die Nase rümpfen. Die Jugend kann nicht nur nichts dafür, sie entwickelt einen Stil einfach weiter, den der Mischung. So wie jeder Stil aus Mischung entsteht.

Das Unbehagen ist dennoch da und nicht unbegründet. Es liegt meines Erachtens eher in der Nachlässigkeit der Kleidung, die zum Prinzip erhoben wurde. Hosen, Jacken, Pullis, alles ist zu weit, nichts sitzt, wie man einst sagte, richtig. Das ist offenbar cool und cool muss auch die dazugehörige Körperhaltung sein. Die Abhängerhaltung in jeder Situation, die allerdings keineswegs der inneren Haltung entspricht. Den Systemanforderungen entsprechen, ohne jede Emanzipation, ist der Standard, der nicht hinterfragt wird, naturgemäß vor allem im Katastrophenland Deutschland.

Es ist also ein Unterschied, ob ich zwei Reben zu einer neuen mixe oder Whisky in Cola kippe.

Das doch letztlich komplett lächerliche Rappergetue der heutigen Jugend ist reine Form. Je angepasster, je neoliberal verformter, je unfähiger die eigenen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Artikulation sind, desto offensiver das Getue. Die neoliberale Gesellschaft lässt ihren Nachwuchs sich so benehmen, denn die Ausbeutung, solange die Renditelogik weiterhin funktioniert bzw. effektiver wird.

Eine Schneiderin wie Frau Nosbusch senior hat heute nichts mehr zu tun. Dieser Beruf ist anspruchsvoll, er benötigt jahrelange Erfahrung, bevor ein zufriedenstellendes Ergebnis erreicht werden kann. Statt sich über eine Leistung zu freuen, die den individuellen Körper zu seinem Recht kommen lässt, sind Hosen zu kurz, zu lang, zu weit, und oftmals vor allem lächerlich.

Stil ist das alles dennoch, wenn auch ein hinterfragbarer. Eine Familie mit Pumpe im Garten, die dennoch Stil im Sinne des Sich Bemühens hat, ist mir spontan lieber.

Vielleicht werde ich aber nur alt.

Stil und Arbeiterklasse: In Italien war das lange Zeit kein Widerspruch, auch ein Arbeiter legte Wert auf einen gut sitzenden Anzug (und gutes Essen). In Deutschland ist die Entwicklung naturgemäß trauriger.

Vielleicht hängt die hampelige Joggingkultur mit allem zusammen. Man trägt permanent Sportkleidung, was der neoliberalen Ideologie entspricht, allzeit für den Einsatz und für den Tausch mit allem bereit zu sein. Wer sich so seines Klasssenbewusstseins entledigt, kann zum Klassenkampf nichts mehr beitragen. Interessant auch: 60 bis 70 Prozent der Franzosen unterstützen die aktuellen Streiks in Frankreich, aber es findet sich kaum ein Deutscher, der Verständnis dafür hat.

Deutsche Epigonen.

Widerstand ist auch eine Stilfrage. Ich wage die Vermutung, dass eine emanzipatorische Revolution erst dann möglich sein wird, wenn die Jugend maßgeschneiderte Kleidung trägt.

Bis dahin schauen wir alte Nosbuschfilme.

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