Zum Tod von Herrn Gremliza

Ich habe in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren auf Bahnreisen regelmäßig Bahnhofsbuchhandlungen auf ihr Lektüreangebot untersucht. Wesentliches Untersuchungsmerkmal: Wird die konkret angeboten und vor allem: Wie sichtbar.

Ergebnis: Die konkret hatte es von Jahr zu Jahr schwerer. Rund um die konkret kamen im Regal indiskutable Produkte hinzu: billige Ressentimentheftchen namens Cato oder Cicero und das Naziblatt Compact. Die konkret war immer öfter dahinter versteckt.

Nun ist der konkret-Chef Hermann Gremliza gestorben, nach langer schwerer Krankheit, wie es immer so furchtbar heißt. Ich vermute, dass das die Bahnhofsbuchhandelsituation der konkret nicht verbessert.

Ernstzunehmende und angenehme, wenn das möglich ist, Nachrufe, haben Dietmar Dath in der FAZ und Eckhard Henschel im Neuen Deutschland verfasst. Man möge das lesen, ich käue nicht wieder. Wenn ich das richtig sehe, haben die meisten deutschen Tageszeitungen keinen Nachruf verfasst. Alleine das macht eine sofortige Abokündigung ratsam.

In den Nachrufen liest man, dass Gremliza gut schrieb. So war es wohl, aber seine ausgeprägte Abneigung gegen alles Deutsche wie auch seine vorbehaltlose Unterstützung Israels fand ich noch angenehmer. Bei jedem neuen Heft wusste man nicht konkret, was einen erwartet, aber das war egal, denn es war immer gegen das Deutsche an sich gerichtet, und das lohnte (wenn ich diesen Begriff hier verwenden darf) die Lektüre. Ein paar Ausnahmen gab es bei Artikeln über Architektur und Städtebau, aber die hatte nicht Gremliza verfasst. Auf 70 Seiten konkret stand immer mehr lesenswertes (wenn ich diesen Begriff hier verwenden darf) als auf 700 Seiten Spiegel, was nicht gegen den Spiegel sprechen muss.

Gremliza hinterlässt eine Menge Vordenkopfgestoßener: Die Friedensbewegten in den 1980er Jahren, die Serbienkritiker, viele USA-Basher. Doch wie auch immer man dazu stand, man bereute die Lektüre der Gremliza-Artikel nie. Es standen tatsächlich Gedanken drin.

Gremliza war ja schon ex negativo ein König: Angesichts des riesigen Meeres an Bullshit, der Tag für Tag geschrieben und veröffentlicht wird, ist man für den Leuchtturm tief dankbar, auch wenn der Lack zum Teil schon ab ist.

Bei den Eingangs erwähnten Untersuchungen im Bahnhofsbuchhandel dachte ich mir oft, dass die konkret die einzig lesenswerte politische Zeitschrift ist.

Seien wir froh, wenn das so bleibt.

(Foto: genova 2019)

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