Nachtrag (und Update) zum 9. November 2019

Merkel, Gauck, Birkler und so weiter. Wichtige und zugleich völlig uninteressante Menschen äußern sich zum 9. November. Mich erinnert das an die Erinnerungskultur der DDR: Es wird selten gelogen, aber viel geschöntes und banales Zeugs erzählt. Allen voran naturgemäß Merkel. Ein einziges Schlaftablettengeplapper, das die vollumfängliche Banalität dieses Menschen einmal mehr unter Beweis stellt.

Zeitgemäß präsentiert sich das Geplapper von Steinmeier. Er hat Redenschreiber, die das Menschliche, wie man sagt, das Lockere einbauen, bei allem Respekt für die Steifheit des Amtes. Inhaltlich ist das naturgemäß genauso banal und dümmlich wie das Surrogat von Merkel et al.

Eine Figur wie Steinmeier nötigt grundlegendes Misstrauen ab: Seine Gestik und Mimik sind bis ins Detail kontrolliert. Man achte bei einem Auftritt einmal aussschließlich auf seine Hände: Die Perfektion des Kontrollzwangs, verbunden mit heiterem, allzu heiterem Lächeln. Dann wieder ein Blick, der Engagement vermitteln soll.

Steinmeier ist einer der Zerstörer der SPD, der Strippenzieher des Neoliberalismus. Dennoch hat er es geschafft, als sozialer Mildtäter zu erscheinen, vermutlich mit Hilfe epigonaler Medien.

Gäbe es hierzulande verantwortungsbewusstes politisches Handeln, säße dieser Mann auf der medialen Anklagebank, bezichtigt der Solidaritätszerstörung in vielerlei Hinsicht. So aber wird dieser Typ Bundespräseident und hält eine Weihnachtsrede, die von Floskeln strotzt. Man stellt sich unwillkürlich die Frage, ob dieser Typ nicht einfach eine aktualisierte Version von Goebbels ist. Klingt weit hergeholt, aber über Goebbels würden heute alle lachen. Steinmeier ist in einer Gesellschaft, in der Schein alles ist, effektiver. Man kann ohne Weiteres 20 Jahre neoliberale Enthumanisierung verwirklichen und dann in einer Weihnachtsansprache zu Solidarität aufrufen. Welche Rolle spielte Steinmeier eigentlich bei der Bahnprivatisierung. Er war jedenfalls schon ganz oben in der Partei angelangt, als Schröder mit seinen Mannen die Bahnzerstörung systematisch anging und parteiinterne Widersacher mit – sagen wir: heiklen – Mitteln ausschaltete.

Die Bahn: Mit SPD und Steinmeiers Gnaden ein Ausbeutungsobjekt par excellence.

Zurück zur Wiedervereinigung: Interessant wäre ein Blick auf die Zeit nach dem 9. November 1989; genauer: auf die ökonomische Verwertung des Ostens durch das westliche Kapital. Man nehme exemplarisch die Ostberliner Bezirke Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg: Aus volkstümlichen Wohnlagen wurde und wird nach und ein Nichtwohngebiet: Ein geographisches Areal für die Geldanlage. Zugleich ein Areal für Vertreibung und Ausbeutung. Das realsozialistische Unrecht wurde ersetzt durch das kapitalistische Unrecht.

Die realsozialistische Wohnungspolitik war sozialer, vernünftiger, solidarischer.

Merkel und Co: Diese Leute sind natürlich indiskutabel, sowohl intellektuell als auch das Integere betreffend, aber sie können so agieren, weil wir alle sie agieren lassen. Dass man ausgerechnet in den genannten drei Bezirken, die seit ihrer Entstehung Arbeitergegenden sind, in den letzten 25 Jahren fürs Wohnen eine Preisteigerung von 1.000 Prozent in Kauf nehmen muss, zeigt einerseits den moralischen Bankrott des Systems.

Andererseits zeigt das die maßlose Effektivität neoliberaler Propaganda.

Wobei mich immer deutlicher das Gefühl beschleicht, dass die üblichen Politiker heute kein höheres Ansehen genießen als Honecker und Krenz seinerzeit.

9. November: Es bleibt spannend.

(Foto: genova 2019)

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