„Das Beste wäre Gas.“ Wer hat´s gesagt? Ein kleiner Wissenstest

Nachdem kürzlich Bernd Höckes Hitleranalogie so endgültig offenbar wurde, möchte auch der sympathische Familienblog Exportabel einen kleinen Ausflug in die deutsche Geschichte wagen.

Wer hat´s gesagt?

Erstens:

„Die tiefste und gemeinste Schande, die je ein Volk in der Geschichte fertiggebracht, die Deutschen haben sie verübt an sich selbst. Angehetzt und verführt durch den ihnen verhassten Stamm Juda, der Gastrecht bei ihnen genoss. Das war sein Dank! Kein Deutscher vergesse das je, und ruhe nicht bis diese Schmarotzer vom Deutschen Boden vertilgt und ausgerottet sind! Dieser Giftpilz am Deutschen Eichbaum!“

Zweitens:

„Die Welt würde nicht eher Ruhe haben und besonders Deutschland nicht, bis nicht alle Juden tot geschlagen oder wenigstens des Landes verwiesen wären.“

Drittens:

„Wenn wieder einmal andere Zeiten in Deutschland kommen, müssen die Juden gehörig daran glauben … Alles müssen sie hergeben, ihre Sammlungen, ihre Häuser, jedweden Besitz … Sie müssen vollkommen zu Boden geworfen werden.“

Viertens:

„Der Weltkrieg wurde durch die jüdischen Freimaurerlogen in Frankreich, England und Italien angezettelt.“

Fünftens:

„Die verjudete Weltpresse ist ein Machwerk des Satans! Die ganzen Juden müssen aus der Presse heraus.“

Sechstens brauche man

„einen Kampf erst gegen die Verjudung Deutschlands“ und „dann nach Bereinigung Deutschlands den Kampf gegen das Judentum in der Welt.“

Siebtens hassen die Juden

„die Deutschen, ihre Rasse, ihre Staatsform (die Monarchie), ihre Fürsten, ihren Geist“.

Achtens:

Ihren Ursprung haben die Juden „in Afrika“, sie weisen „negroide Merkmale“ auf und haben einen „absoluten Hass gegen die weiße Rasse“.

Neuntens:

„Juden und Mücken müssen vernichtet werden. Ich glaube, das Beste wäre Gas!“

Zehntens:

„Nun muss Deutschland Juda aus England vertreiben, wie er schon aus dem Continent verjagt ist.“

Wer hat all das gesagt? Es war nicht Hitler, auch nicht Höcke, sondern Kaiser Wilhelm II.

Das erste Zitat stammt aus dem Jahr 1919, das zweite von 1920, das dritte, vierte und fünfte von 1921, das sechste ist undatiert, das siebte und das achte von 1926, das neunte von 1927 und das letzte Zitat stammt von 1940.

Die „tiefste und gemeinste Schande, die je ein Volk fertiggebracht hat“, war offenbar die Revolution von 1918 und die Abschaffung der Monarchie.

Alle Zitate sind dem Artikel „Des Kaisers Kreuzzug gegen die Juden“ ( FAZ vom 1.10.2019, S. 11) entnommen und stützt sich auf neue Forschungen der Londoner Historikerin Karina Urbach. Urbach wurde in amerikanischen Archiven fündig. Es sind vor allem Privatbriefe, Tagebucheinträge und Mitschriften seines Leibarztes.

Dass Wilhelm das alles nach seiner Abdankung sagte, lässt kaum vermuten, dass er zuvor anders dachte. Die FAZ schreibt, der Antisemitismus des Kaisers habe schon vor 1918 „quasireligiöse Intensität“ erhalten.

Ähnlich äußerte sich sein Bruder, Prinz Heinrich von Preußen. 1921 erklärte er, er habe das Buch Die Weisen von Zion in mehreren Exemplaren bestellt,

„um sie gebührend zu vertreiben! Unser Volk muss auf die politische Gefahr des Semitentums aufmerksam gemacht und dahin belehrt werden, dass der Jude ein Ausländer, ein fremdstämmiges Individuum ist. – Ich denke mir die weitere Entwicklung dieser sehr bedeutsamen Frage dahingehend, dass auf gesetzgeberischem Wege, wie ehedem, gegen diese Auslandsrasse vorgegangen wird: Aberkennung der deutschen Bürgerrechte, Einzwängen in bestimmte Viertel und Ortschaften, Aufhebung der Freizügigkeit, Verbot der Teilnahme an irgend welche öffentlichen Ämtern, sowie des Studiums an irgend welchen Hochschulen. – Strenge Maßnahmen gegen eheliche Verbindungen mit Jüdinnen; gründliche Reinigung der arischen Rasse. Zur Durchführung dieser Maßnahmen wird es der Generationen bedürfen, auch muss eine antisemitische Mehrheit in der Regierung und dem Parlament vorhanden sein, aber der Anfang muss gemacht werden, wenn wir nicht verderben sollen.“

Hitler konnte bei der Formulierung seines Programms also schon 1919 beim deutschen Kaiser abschreiben. Die Nazis waren schon lange vor der Machtübernahme in den deutschen politischen Mainstream eingebettet. Der Antisemitismus war im späten Kaiserreich wohl nicht so gezähmt, wie Teile der Forschung uns das weismachen wollen. Die Juden nicht nur als das Böse schlechthin, sondern die Juden als die Vernichtungsmaschine der Deutschen: wir oder sie. Und daraus folgend: Die klare Ansage, dass an den Juden Völkermord begangen werden müsse, sei es durch Totschlagen oder durch den Einsatz von Gas.

Wenn Gauland von zwölf Jahren spricht, die ein Vogelschiss seien, sagt er unausgesprochen, dass er diese Zitate befürwortet. Was nicht wundert. Und wenn die Rechte heute von Volksschädlingen spricht, dann ist das ein direkter Bezug auf das erste Zitat: In schlechten Stunden hassen die Deutschen sich selbst und fügen sich Leid zu, aber nur unter Anleitung von Juden.

Die Analogien zu heute sind vor allem der Ansatz, dass eine Gruppe eliminiert werden muss, bevor sie uns eliminiert. Die Flüchtlinge, die Muslime, die Araber, die Ausländer, das links-grün-versiffte Establishment. Werden diese Gruppen nicht ausgeschaltet, schalten die uns aus, via Umvolkung. Wir verteidigen uns doch nur selbst, und das ist unser Recht. Die argumentativen Strukturen der heutigen Rechten unterscheiden sich von den Nazis und dem deutschen Kaiser nur minimal.

Alles schon mal dagewesen.

Des Kaisers Ansichten erinnern mich an einen Spruch auf einer Wand in einer italienischen Stadt mit 40.000 Einwohnern. Dieser Spruch war der einzige politische, den ich dort überhaupt entdeckte:

Israel hat sich demnach vom Unterdrückten zum Unterdrücker gewandelt. Und dies stelle einen menschlichen Rückschritt dar.

Das einzige Problem in dieser Stadt ist offenbar der Jude. Man ist über menschliches Leid so betrübt, dass auf einer Wand darüber informieren muss, was 4.000 Kilometer entfernt angeblich passiert. An menschlichem Leid ist naturgemäß der Jude schuld, wer sonst? Salvini oder die aktuellen Faschisten im eigenen Land, Schattenwirtschaft, massenhafte Korruption, ertrinkende Flüchtlinge, neoliberale Politik: halb so wild. Beklagt werden muss das Verhalten des Juden.

Solche Sprüche sind die Fortsetzung der Deutung des Kaisers. Ohne den jahrhundertealten Antisemitismus ist auch der Spruch auf der Wand in der italienischen Kleinstadt nicht denkbar. Der Unterschied zu früher ist, dass die Judenhasser heute sich allen Ernstes als Menschenrechtsaktivisten aufspielen. Übler geht es eigentlich nimmer.

(Foto: genova 2019)

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9 Antworten zu „Das Beste wäre Gas.“ Wer hat´s gesagt? Ein kleiner Wissenstest

  1. neumondschein schreibt:

    Übung in Eristrik! Lektion „Erkenne Propagandatrash“

    Zitat 1:

    Auch die Freiheit muß ihren Herren haben. Ohne Oberhaupt gingen Rom und Sparta zugrunde!

    Goebbels oder Schiller? Evelyn Müller tippt auf Goebbels. Evelyn Müller aus Dresden lacht. „Könnte von beiden sein!“

    Zitat 2:

    Ich fühle eine Armee in meiner Faust! – Tod oder Freiheit!!!

    Kevin Sachse aus Chemnitz dazu: Ich kenne nicht alle Reden von Goebbels und habe noch nichts von Schiller gelesen. Ich weiß nicht, von wem dieses Zitat stammt. Könnte doch beides sein!

    Zitat 3:

    Der ist nicht mit mir, der ist gegen mich!

    Kai Schulz aus Plauen im Vogtland: „Von wem dieses Zitat stammt? Bin ich Jesus?“

    Zitat 4:

    Wir handeln, wie wir handeln müssen. So laßt uns das Notwendige mit Würde mit festen Schritt tun!

    Tobias Schwarz aus Leipzig: „Müßte wohl Goebbels sein: Die Fahne hoch! Die Reihen dicht geschlossen! SA marschiert! Mit ruhig festem Schritt! …“

    Zitat 5:

    Steh zu Deinem Volk! Es ist Dein angeborener Platz!

    Mandy Hertel aus Jena, Mitglied der Antifa!: „Deutschland, Du elendes Stück Scheiße!!!“

    Zitat 6:

    Wir sind ein Volk, und einig wollen wir handeln!

    Tobias Reinhard aus Bautzen: „Das kenne ich! Das ist doch aus der Sportpalastrede!“

    Der ZDF-Reporter hierzu:

    Sagt es nicht schon so viel aus, daß Sie Schiller und Goebbels nicht unterscheiden können, weil sich deren Sprache so ähnlich sieht?

    MERKE! Friedrich Schiller ist voll Nazi! Der gehört aus dem Lehrplan gestrichen!

    Übung: Finde den Fehler!

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  2. neumondschein schreibt:

    Übrigens. Es leben neuerdings viele Menschen in Italien, die ursprünglich aus der Levante stammen und von diesem Israel vertrieben wurden. Deren Nachfahren könnten die Wandschmierereien zu verantworten haben.

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  3. genova68 schreibt:

    der Klassiker: am antisemitismus ist der Jude schuld.

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  4. hANNES wURST schreibt:

    Der einzige politische Spruch… vielleicht. Aber Du hättest für weitere Motive nur in die Straße hineingehen müssen:

    https://www.google.com/maps/@43.4597987,12.2394805,3a,74.1y,96.04h,71.71t/data=!3m6!1e1!3m4!1sbbvmuD9bOBDNOSrZOq11HA!2e0!7i16384!8i8192

    Auch die netten Damen hättest Du dann vielleicht kennengelernt. Und Du hättest gesehen, dass die Stadt offenbar noch mehr Probleme hat.

    Reise dort lieber nicht mehr hin. Es ist schlecht für Dein CO2 Karma und das Foto hättest Du auch aus Google Streetview holen können. Außerdem scheint es ein gefährlicher, NS-verseuchter Flecken zu sein.

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  5. genova68 schreibt:

    Ok, neben den bösen Juden spielt sind die Menschen dort auch wegen Anthrax besorgt. Danke für die Ergänzung.

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  6. genova68 schreibt:

    laut süddeutsche sind 41 % der Deutschen der Meinung, die Juden würden zu viel über den Holocaust reden. die Täter des größten Verbrechens aller Zeiten werfen den opfern vor, zu viel aufhebens zu machen. so viel zu der Behauptung, die Deutschen hätten ihre Vergangenheit aufgearbeitet.

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  7. hANNES wURST schreibt:

    Diese Umfrage geisterte in den letzten Tagen durch die Nachrichten. Man könnte die Umfrageteilnehmer vielleicht erst einmal fragen, ob sie persönlich Juden kennen. Ich habe aktuell keinen Kontakt zu einem einzigen Juden bzw. keiner hat gesagt „Guten Tag, ich bin jüdisch“, obwohl ich jahrelang direkt neben einer Synagoge gelebt habe. Für mich ist der „Wiederaufkeimende Antisemitismus in Deutschland“ deswegen auch ein völlig abstraktes Thema. Mir war einmal klar, dass der moderne Nazi Antisemit ist. Ich dachte, die Linken (außer Antifa natürlich) wären heutzutage eher gegen Israel und der Nazi hat wenig Sympathien mit den Palästinensern. Verrückte Welt. Immerhin sagen ja auch 79% dass Juden genau wie alle anderen wären.

    Wenn jetzt 41% der Deutschen meinen, dass Juden zu viel über den Holocaust reden, welche Juden meinen sie dann, und was könnten sie damit meinen? Bei Claude Lanzmann oder Steven Spielberg wird viel über die Shoah gesprochen, aber wo sonst in Deutschland von welchem Juden? Völlig verrücktes Umfrageergebnis. Ich habe noch nie von irgendjemandem gehört, weder persönlich noch in Funk und Fernsehen, es würde von Juden angeblich zu viel über den Holocaust gesprochen.

    In den USA hat sich mir vor bald 30 Jahren ein Mädchen, nachdem wir uns gerade kennengelernt hatten (dass ich Deutscher war wusste sie schon vor dem Knutschen), als Jüdin vorgestellt. Tatsächlich: sie war schwarzhaarig, blass und sehr schön, ich hätte es wissen müssen. Dann fragte sie mich, ob es stimmt, dass Deutsche etwas gegen Juden hätten. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Die Frage ist schwer zu beantworten, wenn die eigenen Großeltern vielleicht den Mord an sechs Millionen Juden unterstützt haben.

    Meine Meinung ist, dass man als Deutscher ohne ein Dummkopf zu sein kompromisslos pro-israelisch sein kann, einfach aus Schuld und Respekt. Man kann sich auch mit israelischer Politik beschäftigen und zu Protokoll geben, dass man es nicht in Ordnung findet, wie Israel heute agiert. Man muss sich dabei aber im Klaren darüber sein, dass es etwas seltsam aussieht, wenn ein Deutscher den moralischen Zeigefinger Richtung Israel hebt. Und warum sollte man auch? Es gibt genügend andere Staaten, die das übernehmen können. Italien gehört aufgrund seiner faschistischen Vergangenheit und der Beteiligung am Holocaust nicht unbedingt dazu. Andererseits sieht es auch völlig bescheuert aus, wenn gerade ein Deutscher sich über Antisemitismus in einem anderen Land auslässt.

    Deutsche sollten sich bis zum Jahr 2933 mit moralischen Wertungen israelischer Politik und mit Aussagen zum Antisemitismus außerhalb Deutschlands zurückhalten.

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  8. neumondschein schreibt:

    Wenn jetzt 41% der Deutschen meinen, dass Juden zu viel über den Holocaust reden, welche Juden meinen sie dann, und was könnten sie damit meinen? Bei Claude Lanzmann oder Steven Spielberg wird viel über die Shoah gesprochen, aber wo sonst in Deutschland von welchem Juden?

    Es gibt einen öffentlich-rechtlichen Sender, ZDF info. Da laufen unentwegt Guido Knopps und Sönke Neitzels Dokus. Es hat nie soviel Holocaust gegeben wie heute. 70 Jahre danach sind heute alle, wirklich alle, Antifaschisten und bekämpfen Antisemitismus. Deshalb muß es auch 41% Antisemiten geben, damit es jemanden gibt, den Antifaschisten bekämpfen können.

    Mir war einmal klar, dass der moderne Nazi Antisemit ist.

    Nö. Der ist auch Antifaschist.

    Meine Meinung ist, dass man als Deutscher ohne ein Dummkopf zu sein kompromisslos pro-israelisch sein kann, einfach aus Schuld und Respekt.

    Nö. Kompromißlose Bekenntnisse, moralische noch dazu, sind in jedem Falle eine Dummheit.

    Deutsche sollten sich bis zum Jahr 2933 mit moralischen Wertungen israelischer Politik und mit Aussagen zum Antisemitismus außerhalb Deutschlands zurückhalten.

    Möglicherweise gibt es bis dahin noch einen Staat Israel oder zumindestens die Erinnerung daran. Der Zionismus wäre bis dahin aber Geschichte und das spezielle Existenzrecht auch. Deutsche, soweit es dieses Volk auch noch gibt, dürfen sich über Holocaust und Antisemitismus auslassen, soviel sie wollen, wenn es noch irgendjemanden außer ein paar Spezialisten interessiert.

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  9. genova68 schreibt:

    Hannes,
    Man könnte die Umfrageteilnehmer vielleicht erst einmal fragen, ob sie persönlich Juden kennen.

    Kann man, muss man aber nicht. Man kann die Frage einfach frei heraus stellen, und wenn da 41 Prozent mit ja oder eher ja antworten, dann spricht das für sich. Solche Umfragen laufen ja genau so: Eine simple, direkte Frage, und die Leute sollen sich dann spontan entscheiden, eher ja, eher nein.

    Ja, man darf sich auch kritisch mit israelischer Politik beschäftigen. Wenn man sich allerdings die 41 Prozent vor Augen hält, ist es sicher besser, als Deutscher die Klappe zu halten.

    Ansonsten danke ich dir für deine schöne Geschichte aus New York. :kiss:

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