Von Atelierbeauftragten im Kapitalismus

Kaum zu glauben, aber wahr: Der Maler Konrad Knebel malte dieses Bild 1977 in der DDR


und nannte es „Straße mit Mauer“ (Öl auf Leinwand). Ich weiß nicht genau, wie wohlgelitten Knebel war, aber er bekam wegen dieses Bildes offenbar keine Probleme mit dem realsozialistischen Staat.

Probleme bekam er 35 später mit dem real existierenden Kapitalismus. Knebel, Jahrgang 1932, hatte sein Atelier mehr als 50 Jahre in einem Altbauerdgeschoß im Prenzlauer Berg. Er musste ausziehen, kurz nach seinem 80. Geburtstag. Warum?

Die Welt schrieb dazu 2012:

Die Hausbesitzerin, die mit großer Zähigkeit das Haus über DDR-Zeiten gerettet hatte, starb 2009, das Haus wurde verkauft. Im Moment wird aus dem Mietshaus ein luxussaniertes Eigentumswohnungsobjekt.

Der neue Besitzer des Altbaus war vermutlich der Meinung, mit einem Büro für Hipster (natürlich total kreativ) mehr Geld verdienen zu können.

Junge Leute, schrieb die Welt 2012 weiter, würden wegen der Gentrifzierung nach Neukölln umziehen. Mittlerweile sind sie von Neukölln schon nach Lichtenberg umgezogen und demnächst ziehen sie nach Frankfurt an der Oder. Was man nicht alles tut, damit bei anderen die Bilanz stimmt. Knebel, mit 80, wollte nicht mehr nach Neukölln ziehen.

Noch einmal die Welt:

Konrad Knebel gehörte zur Straße wie der Briefträger. Jeden Morgen schloss er sein Atelier auf und blieb dort, bis das Licht nicht mehr stimmte. Das Personal, das an seinem Schaufenster vorbeiging, wechselte, in den letzten zehn Jahren schneller als in den 45 davor. Inzwischen gibt es auch jede Woche einen anderen Briefträger. Sie haben jetzt Verträge wie Künstler – schlecht bezahlt, ohne Sicherheit, ohne Aussicht auf eine Rente und ohne Genugtuung, die ein Künstler hat, der auf ein Werk schaut.

Überhaupt ist das ein guter Artikel mit einer Tonlage, die die Welt selten bietet. Annett Gröschner heißt die Journalistin, 1964 in Magdeburg geboren. Sie verteidigt das künstlerische Anliegen gegen das Kapital, was man dort nicht vermuten würde:

Es ist nicht so, dass der Senat Konrad Knebels Problem ignoriert hätte. Der Atelierbeauftragte des Senats hat sich bemüht, ihm einen anderen Raum zu vermitteln, der aber wäre viel zu teuer gewesen. Und er hatte nicht das richtige Licht. Wenn vor 30 Jahren ein Künstler in Prenzlauer Berg gesagt hat, ich verlasse das Land, weil ich das Mittelmeerlicht sehen will, ich brauche das als Maler, dann sagten alle, ja, das verstehen wir. Sagt heute ein Maler, ich kann nicht einfach woanders hinziehen, ich brauche das Licht hier, an diesem Ort, dann bekommt er von anderen solventeren Zeitgenossen zu hören, die Stadt sei nun mal in Bewegung, auch in LondonNewYorkParisZürich sei das nicht anders, Berlin hole da nur auf, und wenn man sich ein Viertel nicht mehr leisten könne, dann müsse man eben woanders hinziehen. Das sei normal und die Entwicklung nicht aufzuhalten.

Es sind lauter Selbstverständlichkeiten, die Frau Gröschner da formuliert, zumindest in einem Staat mit menschlichem Antlitz. Dennoch und deswegen sind sie mittlerweile meilenweit von der Praxis entfernt. Die neoliberale Dauerpropaganda, der wir seit 30 Jahren ausgesetzt sind, ist wesentlich effektiver, als es die von Honecker je war und sie ist in ihrer vermeintlichen Ideologiefreiheit um so ideologischer. Man richtet seine Ideologie nicht mehr an der Hautfarbe oder der Klassenzugehörigkeit aus. Jeder, der bei der totalen Mobilmachung des Kapitals mitmachen will, ist willkommen.

Die solventen Zeitgenossen, die heute von Bewegung und New York erzählen, sind anerkannte Helden des Systems. Sie sind in ihrer Menschenverachtung allgemein akzeptiert. Insofern ist das grundlegende Problem nicht etwa die AfD, sondern es sind die vielen Kapitalagenten, die heute als Sozialdemokraten, morgen als Christdemokraten und übermorgen als Nazis auftreten. Je nach Renditemöglichkeit. Man ist flexibel.

Adorno brachte es in seinem Wiener Vortrag über Rechtsradikalismus von 1967 (demnächst dazu mehr) noch auf den Punkt:

Er glaubte,

dass die Voraussetzungen faschistischer Bewegungen trotz des Zusammenbruchs gesellschaftlich, wenn auch nicht unmittelbar politisch, nach wie vor fortbestehen. Dabei denke ich in erster Linie an die nach wie vor herrschende Konzentrationstendenz des Kapitals, die man zwar durch alle möglichen statistischen Künste aus der Welt wegrechnen kann, an der aber im Ernst kaum ein Zweifel ist.

Das Kapital hat seitdem dafür gesorgt, dass man diese Verbindung – zwischen ihm und den Faschisten – verschweigt. Nach Adorno ist Deutschland heute näher am Faschismus als 1967. Aber ursächlich nicht wegen irgendwelcher Ossis oder Höcke oder Kalbitz.

Man kann ihm kaum widersprechen.

Der Atelierbeauftragte des Senats – ein Symbol für die Verschleierungstaktik, der wir alle ausgesetzt sind. Man tut sozial und hat für den 80 Jahre alten Konrad Knebel natürlich eine Hängematte – nur hat die ein Loch, programmatisch dort hineingeschnitten. Das Loch ist nötig, damit die Rendite stimmt.

In der DDR blieb Knebel unbehelligt, im freien Westen wird ihm der Garaus gemacht.

Was für ein Scheißland.

(Das Bild hängt im Stadtmuseum Berlin, Leipziger Straße, abfotografiert von genova 2019.)

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3 Antworten zu Von Atelierbeauftragten im Kapitalismus

  1. docvogel schreibt:

    Annett Gröschner ist eh eine gute Schriftstellerin, die auch aus Prenzlauer Berg vertrieben wurde

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  2. genova68 schreibt:

    danke für den Hinweis. docvogel. mich wundert nur, was sie zu Welt getrieben hat. vermutlich publiziert sie dort nicht mehr.

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  3. docvogel schreibt:

    ja, das mir der Welt ist mir immer auch manchmal ein Rätsel, einige gute „linke“ Autorinnen schreiben/schrieben da immer mal wieder. – wahrscheinlich gibts dort anständige Redakteure.

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