Straßenkampf

Ein großes Kompliment an Greenpeace:

Das Bild (hier leider von schlechter Qualität, weil von mir schnell abfotografiert) stand vor ein paar Tagen auf der Titelseite der Berliner Zeitung, und vermutlich nicht nur dort. Eine junge Frau steht am BMW-Messestand der IAA auf dem Dach eines SUV von BMW und hält ein kleines Transparent in den Händen, das auf die umweltschädliche Rolle des Autos hinweist. Ein Bediensteter von BMW versucht, es ihr zu entreißen. Direkt neben dem Kopf der Frau: Das Emblem von BMW. Die Haltung der Frau – ungerührt, stabil, und den Bediensteten still verachtend – und im Gegensatz dazu die Haltung des Bediensteten – unsouverän, wackelig, zersaust, unordentlich, glatzköpfig, hektisch, ängstlich, lächerlich – lassen fast glauben, die Szene sei sorgfältig orchestriert.

Eine professionelle PR-Agentur würde es nicht besser hinkriegen.

In Wahrheit hat die Frau wahrscheinlich brav den IAA-Eintritt bezahlt und das kleine Transparent am Körper versteckt. Das Auto lässt sich leicht beklettern und einem Fotografen kann man vorher Bescheid sagen. Es ist eine Sache von Sekunden und das Bild und somit die Wirkung werden gestreut.

Das Bild ist Ikonographie vom Feinsten. Die Frau als Vertreterin einer Zukunft, die sich Gedanken macht, der Mann als Büttel des Kapitals in einem schlecht sitzenden Anzug mit billigen Kunstlederschuhen. Ein Mann, der zum Scheitern verurteilt ist, und zwar in Form der Lächerlichmachung, also von etwas, das er unbedingt vermeiden wollte. Da geht es vermutlich noch um die Ehre.

Er erreicht sein Ziel, der Frau das Transparent zu entwenden, nicht, weil das SUV zu groß ist. Selbst sein Sprung reicht nicht aus, um die Frau zu erreichen. Und die Frau steht sicher, weil das Dach so groß ist. Ironie des Schicksals. Ein Auto, das völlig aus der Zeit gefallen ist, macht es der Demonstrantin leicht. Der Mann erreicht die Frau nicht, so sehr er es auch will. Er erreicht sie nicht, weil sie sich die Asozialität seiner Welt zunutze macht: Das hohe Auto, das SUV.

Kaum zu glauben, dass eine Firma wie BMW sich so trottelig verhält. Andererseits stellen die mittlerweile auch solch obszöne Autos her. BMW ist der Autohersteller, der vor 50 Jahren die 02-Baureihe vorstellte, danach die erste Generation des 3er-BMW. Autos, die Dynamik und Leichtigkeit und eine gewisse Fahrlässigkeit ausstrahlten. Man gab Gas und wusste: Es kann schiefgehen. Es war der eigentliche Sinn des Autofahrens: Dem Tod ins Auge schauen für den Preis kurzer Glückseligkeit. Autos sind Droge, sonst nichts. Erst später kamen die Spießer, die behaupteten, sie brauchten das Auto, um zur Arbeit zu fahren oder die Kinder in die Schule.

Diese Firma baut jetzt also solche Schiffe. Wie kann man nur so tief sinken?

Man kann die Daten vergleichen: Ein 02 von 1972 wog leer runde 1.000 Kilo und war 1,60 Meter breit. Ein aktueller BMW-SUV, ein X7, wiegt leer runde 2.500 Kilo und ist zwei Meter breit. Damals gab es in Deutschland (BRD und DDR) etwa 20 Millionen PKW, heute sind es knapp 50 Millionen. Das Land ist nicht größer geworden. Man müsste also eher kleinere Autos bauen.

Man denkt unvermittelt an Dinosaurier.

Ulf Poschardt, ein hohes Tier bei der Welt, ist ein Fan von „leichten, schnellen Sportwagen“, wie er kürzlich in einem Tagesspiegel-Gastkommentar schrieb. Finde ich sehr nachvollziehbar. Leichte, schnelle Sportwagen sind Gefährte, die sich dem unterordnen, was Fahren eigentlich bedeutet: Man überwindet die physikalische Trägheit des Objekts, indem man Gewicht reduziert, Fahrtwiderstände minimiert und erst dann Energie einsetzt. Die SUVs machen das Gegenteil. Zwei Tonnen Gewicht, ein Luftwiderstand wie ein Elefant und dann braucht es 300 PS, damit der Koloss sich überhaupt noch bewegt.

Es ist merkwürdig, dass diese Autos erst erfunden wurden, als jeder wusste, dass die Ölvorräte endlich sind und, einmal zutage gefördert, viel Schaden anrichten. SUVs kommen einem vor wie das letzte Aufbäumen. Statt leichte und schnelle Sportwagen zu bauen, die einem das Gefühl der Fortbewegung intensiv vermitteln, baut man Dinosaurier, die einzig die Abschottung zur Welt im Sinn haben. Drinnen sitzen meist Mafiosi oder solche, die es gerne wären, so mein Eindruck. Das Auto hat sich gewandelt: Von Objekt, das der Bewegung, der Geschwindigkeit untergeordnet ist, zum Koloss, der sich vor allem von der Umwelt abschirmt und der das Gefühl von Geschwindigkeit möglichst verhindern will. Man müsste sich demzufolge eigentlich wieder am Bild des modernen Städtebaus orientieren: verwinkelte, enge Altstädte abreißen und breite Bahnen anlegen, am besten Stadtautobahnen.

Der Sportwagenfan Poschardt schreibt im Tagesspiegel-Kommentar über die SUVs:

In ihm verbaut ist eine alte Freiheitssehnsucht am Ende eines langweiligen, entfremdeten Lebens, um eben auch in die Wildnis abbiegen zu können. Es ist eine Illusion, die nie eingelöst wird. Die meisten Fahrer eines SUV haben sogar Angst, ihre polierten Felgen an einem Bordstein aufschrammen zu lassen.

Der SUV als konsequentes Ergebnis, wenn Entfremdung und Freiheit zusammengedacht werden.

Und:

Der SUV hat das Zeug dazu, alle böse zu machen. Einige Parker haben aufgegeben, sich um ein sozialverträgliches Verhalten zu bemühen. Sie gönnen sich zwei oder wenigstens eineinhalb Parkplätze und schüren damit jene Vorurteile, die sich oft genug im Alltag bewahrheiten: Der Zwei-Tonnen-Hochsitz verhindert Empathie mit anderen Verkehrsteilnehmern und führt durch Entfremdung von den Niederungen des Straßenverkehrs zu grassierender Rücksichtslosigkeit. Das SUV ist eine potenzielle Straßensperre.

Eine notwendige Rücksichtslogikeit, weil es mit einem SUV gar nicht anders geht.

Und:

Der SUV wird zum Teil von ängstlichen Menschen bewegt. Sie haben Angst, mit dem gewöhnlichen Volk verwechselt zu werden und sie haben Angst vor den Konflikten, die aufziehen.

So ist es. Ängstliche Menschen, die zu Asozialen werden. Wobei es vermutlich auch viele SUV-Fahrer gibt, die einfach nur asozial sind und das gerne zeigen.

Naturgemäß hat sich welche Partei zur Verteidigerin der SUV aufgerufen? Natürlich die AfD. Es geht ja um Freiheit.

Da es ja immer um Trends und Moden geht, frage ich mich, wann das Bild sich wandeln wird: Wer heute sagt, er fahre schnell zum Bäcker und sich dafür in ein Zweitonnenauto mit 400 PS und Allradantrieb setzt, macht sich nicht lächerlich. Wer sagt, er gehe schnell zum Bäcker und sich dafür Wanderschuhe anzieht und Klettereisen und Seile mitnimmt und sich einen Helm mit Leuchte aufsetzt, tut das sehr wohl. Die völlige Überdosis ist im Auto akzeptiert, beim Fußgänger folgte die Einweisung in die Psychatrie.

Letzteres müsste objektiv eher dem SUV-Fahrer drohen. Gesellschaftliche Ächtung.

Vielleicht ist es noch ein weiter Weg dahin, aber die Diskussion um den SUV-Fahrer, der in Berlin vier Menschen tötete, zeigt, dass die Zeit reif ist.

Andererseits: Ein kapitalistisches Land wird naturgemäß von ihren asozialsten Elementen bestimmt. Warum sollte das auf der Straße anders sein?

Bilder wie das oben von Greenpeace sorgen dafür, dass wir dem Ziel ein kleines Stück näherkommen. Danke dafür.

(Foto: genova 2018)

 

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15 Antworten zu Straßenkampf

  1. neumondschein schreibt:

    Dann gibt es ja noch Behinderte, die nicht in jedes Auto einsteigen können. 2m-Männer werden auch geschont. Also, Vorteile hat so ein SUV durchaus.

    2/3 Mein Auto, Verbrauch 3,7 Liter Stadt, 5,6 Liter Autobahn Hybrid SUV, der mein mobiler Rollstuhl ist, ich ohne Schmerzen u. Verrenkung u. Hilfe ein-und aussteigen kann. Der mich nach 19:30 Uhr politisch teilhaben lässt, weil dann der letzte Bus fährt.— Inge Hannemann (@IngeHannemann) September 14, 2019

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  2. neumondschein schreibt:

    Da Linke wieder mal erfolgreich beim Aufbau von Feindbildern waren, empfehle ich, ein Behindertensymbol in alle Scheiben dranzuheften, und eine Abhandlung darüber, daß wer ihren SUV beschädigt, sich des Ableismus schuldig macht.

    3/3 Ich beim Familienvan eine Tritthilfe benötige und nun fast täglich für meinen SUV beschimpft werde, Angst haben muss, dass er beschädigt wird und ich keine Linke sei, weil ich Auto fahre. Mich nun ständig rechtfertigen zu müssen, kotzt mich an.— Inge Hannemann (@IngeHannemann) September 14, 2019

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  3. neumondschein schreibt:

    Man müsste sich demzufolge eigentlich wieder am Bild des modernen Städtebaus orientieren: verwinkelte, enge Altstädte abreißen und breite Bahnen anlegen, am besten Stadtautobahnen.

    Damit spießige Porsche- und Ferrarifahrer besser Kinder überfahren können? Damit Leute, die mal schnell zum Bäcker müssen, Auto fahren müssen, weil alle übrigen Transportmöglichkeiten lebensgefährlich werden? Nur um vollkommen zweckfreie Autonutzung zu ermöglichen? Hat genova sich das gut überlegt? Mal abgesehen davon, müßte man mal auch den Spritverbrauch von Sportwagen berücksichtigen.

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  4. neumondschein schreibt:

    Damals gab es in Deutschland (BRD und DDR) etwa 20 Millionen PKW, heute sind es knapp 50 Millionen. Das Land ist nicht größer geworden. Man müsste also eher kleinere Autos bauen.

    Hat man ja auch! In den USA haben ja kleine japanische Asphaltblasen die fetten Straßenkreuzer verdrängt. Andere Autobaunationen haben dann nachgezogen. Sie haben dann Opel Astra, Renault Twingo und so etwas produziert.

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  5. genova68 schreibt:

    Ich bin für ein differenziertes Tempolimit in der Stadt: SUVs maximal Schrittgeschwindigkeit, leichte Sportwagen freie Fahrt. Wenn man von einem leichten Sportwagen überfahren wird, merkt man das kaum, bei einem SUV ist man tot. Ich bin zuversichtlich, dass der ADAC dem zustimmen wird.

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  6. hANNES wURST schreibt:

    Das ist doch Kinderkacke im Vergleich zum Huthi-Klimaaktivismus

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  7. neumondschein schreibt:

    SUVs haben ja manchen Vorteil: Man kann damit zumindestens einkaufen, in den Urlaub fahren, die Kinder in die Schule bringen. Und im Falle eines Verkehrsunfalls geht man mit höherer Wahrscheinlichkeit als Sieger vom Platz. Sportwagen hingegen sind vollkommen nutzlos. Man kann in ihnen nicht einmal eine komplette Golfausrüstung unterbringen. Und motorisiert sind beide Fahrzeugtypen genauso.

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  8. hANNES wURST schreibt:

    Der Sportwagen ist jedenfalls sicherer. Wenn man genügend Gas gibt, fährt man dem Unfallopfer nur die Beine ab.

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  9. genova68 schreibt:

    Die dringendste Forderung ist jedenfalls ein SUV-Verbot für Huthis. Deren CO2-Bilanz ist schon schlecht genug. Ich bin zuversichtlich, dass die UNO dem zustimmen wird.

    SUV sind also sinnvoll nur für Behinderte. Das dachte ich mir schon.

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  10. neumondschein schreibt:

    Laß doch die Huthis in Ruhe! Wegen ihnen kommen wir vielleicht um die CO_2-Steuer herum, weil Öl jetzt auch ohne sie teurer wird. Und das schönste daran: Saudi-Arabien profitiert davon nicht!

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  11. genova68 schreibt:

    Damit spießige Porsche- und Ferrarifahrer besser Kinder überfahren können? Damit Leute, die mal schnell zum Bäcker müssen, Auto fahren müssen, weil alle übrigen Transportmöglichkeiten lebensgefährlich werden? Nur um vollkommen zweckfreie Autonutzung zu ermöglichen? Hat genova sich das gut überlegt? Mal abgesehen davon, müßte man mal auch den Spritverbrauch von Sportwagen berücksichtigen.

    Ich lasse mich lieber von einem Ferrari als von einem SUV überfahren. Das ist eine Frage des Stils.

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  12. genova68 schreibt:

    Das ist ja furchtbar. Es zeigt, in welch schlimmen Zeiten wir leben.
    Ich habe mich das letzte Mal mit Ferrari beschäftigt, als sie noch solche Autos herstellten:

    https://www.google.com/search?q=ferrari+mondial&tbm=isch&source=univ&client=firefox-b-d&sa=X&ved=2ahUKEwi379TE-NXkAhWGDuwKHVrOAB4QsAR6BAgHEAE&biw=1209&bih=942

    https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&biw=1209&bih=942&tbm=isch&sa=1&ei=YNB_XcWAMNKMrwSsvKDIDA&q=ferrari+400i&oq=ferrari+400&gs_l=img.1.1.0l5j0i30l5.14679.15793..16937…0.0..0.78.341.5……0….1..gws-wiz-img…….0i67.XKY4oPyL2Mw

    Also Autos mit Stil und Charakter. Ferrari ist soeben für mich gestorben. Ich lasse mich nur noch von Ferraris überfahren, die mindestens 30 Jahre alt sind.

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  13. altautonomer schreibt:

    Kleine Autos bauen? Ein Mini war vor 50 Jahren tatsächlich klein und transportierte mit 34 PS und 617 Kilogramm Gewicht immerhin vier Personen. Heute gibt es ihn als Kompaktwagen, Cabrio, Kombi, Coupé und SUV (Countryman oder Clubman) mit bis zu 211 PS und 1470 Kilogramm Gewicht.

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  14. genova68 schreibt:

    Der neue Mini heißt Smart.

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