Was Kunst mit Kacken und Kapitalismus zu tun hat

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich bezichtigt in der Zeit den Maler Neo Rauch des rechten Denkens. Rauch sei „Mitspieler neofeudaler Machtstrukturen in der heutigen Kunstwelt, wie die FAZ am 5. August, Ullrich zitierend, in der Prinzausgabe schrieb (online in veränderter Form hier abrufbar).

Einige Protagonisten aus Leipzig wurden ja schon öfter rechter Umtriebe bezichtigt, vielleicht zurecht oder auch nicht, ich weiß es nicht. Interessant ist aber, dass Rauch auf die Vorwürfe mit einem Bild reagierte, das er „Der Anbräuner“ nennt und das, laut FAZ, „ein abscheuliches, buchtstäblich hingeschmiertes Bild“ ist. Es zeigt einen Mann, der in einen Nachttopf kackt. Vermutlich ist der Mann Ullrich und der Nachttopf ist Rauch. Ullrich kackt Rauch braun an. Rauch fühlt sich offenbar diffamiert – in die rechte Ecke gestellt, wie man heute sagt.

Angesichts des erstarkten Rechtsradikalismus in der Form der AfD und angesichts der in Sachsen – Leipzig ist die Heimat von Rauch – bevorstehenden Landtagswahl könnte man so eine Reaktion eigentlich als Rauchs Bekenntnis zum Rechtsradikalismus werten. Ansonsten würde er sich mit Ullrichs Kritik inhaltlich auseinandersetzen.

Absurd wurde die Geschichte danach: Der Immobilieninvestor Christoph Gröner – ein kapitalistischer Stadt- und Welt- und also Menschzerstörer und jemand, bei dem mir sofort der Begriff „Herrenmensch“ einfällt – hat das Bild nun für 750.000 Euro gekauft. Den Erlös spendet der Auktionator an ein Kinderhospiz.

(Sowohl das Bild von Rauch als auch Christoph Gröner sieht man unter dem obigen Link.)

Ein Mensch- und also Weltzerstörer spendet an ein Kinderhospiz. Man kennt diese Gesten. Man kann sie sich leisten, ohne das Zerstörungswerk auch nur unterbrechen zu müssen. Gröners Zerstörungswerk läuft durch diesen Kinderhospizscheck wahrscheinlich noch besser, also noch zerstörerischer.

Kunst als kapitalaffine Handlung, in diesem Fall vielleicht auch als faschismusaffine.

Adorno bemerkt in dem Vortrag über Rechtsextremismus, den er 1967 gehalten hat (und der gerade sehr erfolgreich erstmals in Buchform veröffentlicht wurde) ganz treffend, dass es im Wesentlichen der Kapitalismus mit seinen Konzentrationstendenzen ist, der den Faschismus gebiert.

Dass Gröner das braune Bild von Rauch kauft, passt also wie Arsch auf Eimer. Und dass materiell davonl kranke Kinder profitieren: Die yellow press hätte es sich nicht besser ausdenken können.

P.S.: Wer sich ein Bild dieses furchtbaren Gröner machen will: Es gab vor ein oder zwei Jahren in der ARD eine Doku über ihn:

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7 Antworten zu Was Kunst mit Kacken und Kapitalismus zu tun hat

  1. hANNES wURST schreibt:

    Die Kritik von Wolfgang Ullrich steht genau für die Gesinnungsethik (und Ethik hat in der Ästhetik schon mal nichts zu suchen), die Neo Rauch für gefährlich hält. Darin kann ich Rauch folgen und halte die gemalte Antwort für angemessen (von einem bildenden Künstler zu fordern, er möge sich doch bitte inhaltlich, also mit Worten, mit dem Anschiss Ullrichs auseinandersetzen ist lächerlich).

    Christoph Gröner: schön, dass der Mann zu seinem Reichtum steht und sich über Verteilungsgerechtigkeit zumindest Gedanken macht.

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  2. genova68 schreibt:

    Gesinnungsethik: Das hat heute einen negativen Grundton, aber eigentlich ist das schlicht das, was man guten Willen nennt. Also nichts schlechtes. Ein guter Wille alleine macht noch kein gutes Ergebnis, aber die Kritik an der Gesinnungsethik kommt heute von rechts: Sie macht alles, was (vermutlich) kein gutes Ergebnis erzielt, lächerlich. Aktuell ist Greta ein Beispiel dafür: Ihr wird unterstellt, aus naivem Gutmenschentum sich zu engagieren. Aus dieser Lächerlichmachung wird das Anliegen insgesamt lächerlich gemacht. Man kann gerade beim Klimawandel jedes Engagement der Gesinnungsethik bezichtigen, denn global gesehen erzielt kein Einzelengagement einen ernsthaften Einfluss.

    Der Gegentyp zu Greta ist der rationale, allwissende alte weiße Mann.

    Aber ich sehe bei Ullrich keine Gesinnungsethik. Wo soll die sein?

    Der Originaltext von Ullrich in der Zeit vom 16. Mai 2019 steht hinter einer Bezahlschranke. Ich sehe aber gerade, dass man ihn doch ohne Bezahlen lesen kann:

    https://ideenfreiheit.files.wordpress.com/2019/06/auf-dunkler-scholle.pdf

    (Merkwürdig, dass die Zeit Geld dafür verlangt und der Autor den Artikel für lau ins Netz stellt.)

    Außerdem schreibt er in seinem Blog noch an dieser Stelle über das Thema Rauch:

    https://ideenfreiheit.wordpress.com/2019/07/29/der-anbraeuner-von-neo-rauch-eine-linksammlung-und-ein-kurzer-kommentar-zur-versteigerung/

    Das lese ich nun erstmal und melde mich wieder.

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  3. philgeland schreibt:

    Nur kurz zum eingebundenen Video:

    Hatte vor einiger Zeit schon die Gelegenheit, mir diese Reportage anzusehen. Von daher verspüre ich kein Verlangen, das Video anzuklicken. Wenn ich mir den Protagonisten so anschaue, werden Erinnerungen wach. Und zwar an einen sozialdemokratischen Politiker und Ex-Kanzler, der es auch „geschafft hat“. Man scheint es hier mit der selben dynamischen Verkniffenheit zu tun zu haben. Die Gesichtszüge ähneln sich zu sehr.

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  4. genova68 schreibt:

    Also, der Originalartikel von Ullrich (Auf dunkler Scholle) handelt vom Autonomiebegriff in der Kunst, der, dieser Analyse zufolge, bislang von Linken verfochten wurde und der, begrifflich, nun von Rechten übernommen wird, aber inhaltlich ausgehöhlt: Sich „aus tiefster Notwendigkeit“ gegen den Zeitgeist stellen und seine Heimat bewahren, das ist die rechte Version von Autonomie.

    Rauch kommt in dem Artikel nebenbei vor, und zwar einserseits in Zitaten, die eine rechte oder rechtsradikale Gesinnung nahelegen. Aus seinen Bildern liest Ullrich nur sehr bedingt Rechtes heraus, findet aber, dass Rechte dort gut andocken können.

    Eine sachliche Analyse also, die man teilt oder auch nicht. Die Reaktion Rauchs ist öffentlichkeitswirksam, aber die Vermutung, er stehe dem Rechtsradikalismus nahe, wird dadurch genährt.

    Laut Ullrich der Begriff des Anbräuners von Ernst Jünger. Rauch scheint generell gegenüber Kritikern empfindlich zu sein.

    Zum zweiten Artikel von Ullrich später.

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  5. philgeland schreibt:

    Also, „Anbräuner“ hätte ich bis vor der Lektüre dieses Posts eher mit Geräten in „Sonnenstudios“ in Verbindung gebracht. Danke für die neue Perspektive, ergibt nicht sprachlich mehr als Sinn. Obwohl – dieser Immobilientyp scheint mir auch rein äusserlich angebräunt zu sein. Aber gut, lassen wir das …

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  6. philgeland schreibt:

    P. S. Korrektur, weg mit dem „nicht“. Ergibt sprachlich mehr als Sinn.

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  7. genova68 schreibt:

    Gröner will jetzt ein „Institut für den gesunden Menschenverstand“ eröffnen, und dass Bild zentral ins Foyer hängen. Was so einer eben für den gesunden Menschenverstand hält. Es ist schon auffällig, dass sich der Pöbel in Deutschland immer massiver zu Wort meldet, sei es auf youtube, bei Wahlen oder bei Immobilieninvestoren.

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