Klimawandel oder: Das letzte Gefecht

In 30 Jahren wird die Welt mit dem, wie wir sie heute kennen, nichts mehr zu tun haben. Jahr für Jahr steigen die Temperaturen und der Meeresspiegel; tausende Hektar Land werden zu Wüste, und Millionen von Menschen machen sich auf den Weg in eine neue Heimat. Dafür sind wir, die Menschen, verantwortlich. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte geht es für die Menschheit darum, das Überleben ihrer eigenen Art zu sichern – nicht im Kampf gegen Raubtiere, Hunger oder Krankheiten, sondern gegen sich selbst.

Das schreibt der Neurobiologe Sébastien Bohler in dem Wissenschaftsmagazin Spektrum.

Bohler hat mit der Wüstenbildung und den steigenden Temperaturen nach allem, was wir derzeit wissen, recht – wobei das schon ein alter Hut ist und man keinen Neurobiologen braucht, um das zu wissen. Wenn dieser Herr dann allerdings in einer Wissenschaftspublikation schreibt, dass es um das Überleben der Menschheit gehe, wird es lächerlich. Das ist nicht nur höchst unwissenschaftlich, sondern da stellt sich die Frage nach dem Geisteszustand dieses angeblichen Wissenschaftlers.

Bei der Suche nach der Antwort auf die Frage, warum so ein Quatsch veröffentlicht wird, hilft vielleicht der Soziologe Armin Nassehi, der am 2. August in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel Denkfaule Demokratieverächter schrieb (S. 9):

Die Selbstbeschreibung von Gesellschaften folgt starken Konjunkturen. Selbstbeschreibungen sind immer selektiv, sie wählen zwischen Möglichkeiten aus. Die derzeit prominenteste Selbstbeschreibung der Gesellschaft in ihrer veröffentlichten Form ist der Klimawandel – eine katastrophische Form, die den unschätzbaren Vorteil hat, dass sie aufs Ganze geht. Das Überleben der Menschheit ist das Thema. Das ist nicht nur aufmerksamkeitsökonomisch bedeutsam, sondern kann gewissermaßen an der Unbedingtheit des eigenen Anspruchs ansetzen: Es geht nicht um irgendein Problem, sondern um so etwas wie das letzte Gefecht.

Nassehi bezieht sich nicht auf Bohler, aber der Zusammenhang ist offensichtlich. Das letzte Gefecht, drunter geht es nicht.

Auch ansonsten schreibt der tolle Neurobiologe in dem erwähnten Spektrum-Artikel (vom 29. Juli) Sachen, die jedes Kind schon weiß.

Beispiel:

Auch im zwischenmenschlichen Bereich kann weniger mehr sein. Anstatt die Zahl der Freunde auf Facebook zu mehren, können wir in die Qualität dieser Beziehungen investieren.

Sag bloß. Und:

Wir lassen uns weismachen, wir bräuchten zu unserem Glück ein Auto, das mindestens so luxuriös und leistungsstark ist wie das der Nachbarn. Doch wir haben die Wahl: die Werbebotschaften für bare Münze zu nehmen und immer mehr zu konsumieren – oder uns am Fahren eines altmodischen Autos zu erfreuen und an Freundschaften, in denen es nicht darum geht, wer mehr vorzuweisen hat.

Der Mensch hat gegenüber einem milliardenschweren Werbeaufwand nicht einfach „die Wahl“. Wie kann ein angeblicher Neurobiologe so einen Nonsens schreiben?

Was mich hier viel mehr interessiert als der Klimawandel ist die Frage: Wie kommt dieser Schwätzer auf so wichtige Posten? Was läuft da in der Gesellschaft falsch? Es hat auch mit der von Nassehi angesprochenen Aufmerksamkeitsökonomie zu tun. Wer vom Aussterben der Menschheit warnt, dem hört man zu.

Was also läuft falsch? Bei der Beanwortung dieser Frage bräuchte man vermutlich linke Psychologen, linke Politologen – und linke Soziologen.

(Foto: genova 2019)

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6 Antworten zu Klimawandel oder: Das letzte Gefecht

  1. hANNES wURST schreibt:

    Neuro-irgendwasler sind häufig latente Pseudowissenschafter. Die Silben „Neuro“ sollen eine besondere wissenschaftliche Fundierung markieren, wo das Gegenteil der Fall ist. Natürlich gibt es seriöse Wissenschaftler, die sich mit der Beschaffenheit des Nervensystems beschäftigen, aber leider fühlen sich Neuro-irgendwasler oft dazu berufen, das menschliche Denken im Ganzen zu erklären. Gerne werden dann bestimmte neuronale Impulse als die physische Repräsentation eines Denkvorgangs gedeutet. Man kann diesen Leuten nur die Lektüre von Lem‘s „Solaris“ empfehlen. Philosophen beschäftigen sich mit ähnlich bescheidenen Erfolgen mit der gleichen Materie – aber sie sind sich wenigstens öfters darüber im Klaren, in welchem luftleeren Raum sie operieren.

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  2. genova68 schreibt:

    Wenn dieser Bohler wirklich ein Pseudowissenschaftler ist, dann erzählt er aus gutem Grund belangloses Zeug: Weil er nicht mehr weiß. Das wäre natürlich das vernichtendste Urteil über ihn überhaupt. Ich habe ihm ja immerhin noch vermutend zugebilligt, dass er mehr weiß, es uns aber nicht mitteilt.

    So oder so stellt sich die Frage, wie unsere Öffentlichkeit beschaffen ist, dass es solche Quacksalber ganz nach oben schaffen und die Aufmerksamkeit bekommen, die anderen, Besseren, dann zwangsläufig fehlt.

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  3. neumondschein schreibt:

    Daß die Welt oder zumindestens das Abendland untergeht, darin sind sich ernsthaft politisch interessierte Menschen einig. Nur was die Ursache des Unterganges betrifft, darin sind sich die Menschen uneins. Beide meinen, Migration würde den Untergang herbeiführen. Die einen meinen, der Klimawandel sei dran schuld. Die anderen aber, der sei vom Menschen nicht verursacht. Früher hatten wir da noch Waldsterben und Nuklearkrieg als Weltuntergangsszenario. Und noch früher bevorzugte man das Jüngste Gericht und die Wiederkehr Christi.

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  4. neumondschein schreibt:

    Auch im zwischenmenschlichen Bereich kann weniger mehr sein. Anstatt die Zahl der Freunde auf Facebook zu mehren, können wir in die Qualität dieser Beziehungen investieren.

    Ich habe überhaupt keinen Facebook-Account. Den habe ich nie vermißt. Sicherlich könnte ich jetzt beim Neuro-Dingsbums Bewunderung für diese Haltung ernten. Freu mich schon auf besseres Karma.

    Doch wir haben die Wahl: die Werbebotschaften für bare Münze zu nehmen und immer mehr zu konsumieren – oder uns am Fahren eines altmodischen Autos zu erfreuen und an Freundschaften, in denen es nicht darum geht, wer mehr vorzuweisen hat.

    Mußt dafür AfD wählen. Die sind doch die einzigen, die Dieselfahrer nicht kujonieren wollen.

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  5. genova68 schreibt:

    Ja, das Thema Weltuntergang ist ein interessantes. Ich wurde in den 1980ern sozialisiert, und genau daher kommt meine Aversion gegenüber diesen Weltuntergangsapologetikern. Probleme benennen ja, aber diese Hysterie ist absurd.

    Interessanterweise haben da Rechte und Linke in Deutschland etwas gemeinsam: Die einen behaupten den Untergang wegen der Ausländer, die anderen behaupten den Untergang wegen des Klimas. Vereint in der Apokalypse, deren Thematisierung dem Leben wenigstens einen Sinn gibt.

    Es soll ja tatsächlich Leute geben, die vor dem Klimawandel PERSÖNLICH Angst haben. Das muss man sich einmal vorsstellen.

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  6. philgeland schreibt:

    Dabei ist der Klimawandel ja alles andere als persönlich. So wie ein Tsunami oder ein Erdbeben. Da sind wir uns wohl einig …

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