Moderne Architektur, die altern darf

Im Folgenden geht es um eine Kirche in Puchenau (Oberösterreich), 1975 neben die ab 1963 errichtete Wohnsiedlung gebaut, von dem Ex-Nazi-Architekten Roland Rainer, wie die Siedlung selbst. Rainer realisierte hier einen hervorragenden modernen Flachbau, der zumindest äußerlich die Errungenschaften reflexiver moderner Architektur umsetzt: Ein langgestreckter zentraler Bau mit Fensterbändern, Sichtbeton, der an der Schauseite von markanten Ziegelbändern ergänzt wird. Die Ziegel sind angeblich schon zuvor gebrauchte und per Hand in die richtige Form geschlagen.

Im Eingangsbereich ist die Wand komplett aufgelöst und durch Glas ersetzt. Eine Betonüberdachung führt zu einem Nachbargebäude und auf dem großzügigen Vorplatz ist ein flaches Wasserbecken eingelassen. Interessant auch, dass die Nebenseite aus Fertigbetonteilen besteht, die unbehandelt gelassen wurden.

Angeblich orientierte sich Rainer mit dem Hauptgebäude an armenischen Zentralkirchen, wozu ich nichts sagen kann. Der hintere, östliche Teil der Anlage jedenfalls fällt aus der formalen Gestaltung, die an Mies van der Rohes Gebäude in Barcelona oder Brünn erinnert, heraus. Drei oktogonale Türmchen stehen auf drei vollständig mit Ziegel verkleideten ebenfalls oktogonalen Baukörpern mit unterschiedlichen Größen. Das ist wohl der Teil mit den armenischen Bezügen.

Weite Teile der Außenbereiche sind bepflanzt und mit Kopfsteinpflaster belegt, aus dem das Grün sprießt. Die Mischung aus Sichtbeton, Ziegel und Grün geben dem Bau fünfzig Jahre nach seiner Entstehung eine leicht lässige, humane Atmosphäre. Es ist eine Patina, die der Funktion des Gebäudes angemessen ist. Sichtbare Alterungsprozesse wie Flechtenbildung am Beton und ein leicht verwilderter Garten stören nicht, sondern gefallen.

Der Kirche in Puchenau zeigt, welch enorme Fortschritte Kirchenarchitektur in den 1960er und 1970er Jahren gemacht hat.

Moderne Architektur, die altern darf, hier ist sie.

(Fotos: genova 2019)

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