Mein erster Domenig

Kürzlich war ein ganz besonderer Tag, in ich sah zum ersten Mal in meinem Leben einen echten Domenig, und zwar in einer Kleinstadt namens Leoben in der Steiermark.

Ein Tag also, den jeder anständige Mensch im Kalender ankreuzt. 1969 haben Günther Domenig und Eilfried Huth für den Stahlkonzern „Alpine Montangesellschaft“ ein Forschungs- und Rechenzentrum errichtet. Natürlich aus Stahl, und zwar aus Corten-Stahl, der kontrolliert rostet und dadurch seine Beschaffenheit im Laufe der Zeit ändert, so wie bei der FU Berlin. Außerdem war der Komplex noch ganz in strukturalistischer Manier entwickelt: Ein Versorgungskern mit vier weit auskragenden Seiten, jeweils dreigeschossig mit vielen kleinen Arbeitszellen und aufgrund der Form naturgemäß mit viel Licht.

Es sollte ein Demonstrativbau werden. Die Leobener nannten es Rost-Schwammerl. Es sei

„ein Symbol für die Kulmination des technischen Optimismus der sechziger Jahre, eine Architektur also, die mit jeder Faser technische Machbarkeit und Fortschritt demonstriert“

schrieb der famose, wie man sagt, österreichische Architekturkritiker Friedrich Achleitner dazu.

So sah das Gebäude ursprünglich aus:

Leider ist der Kasten mittlerweile totsaniert worden:

Ursprünglich war Rost ein wesentliches Merkmal, jetzt sind es silbrige Platten, außerdem sind die vorgehängten Sonnenblenden verschwunden. Der Charakter des Kastens ist ein komplett anderer.

Aus dieser Perspektive sieht man, wie wenig man sich damals um den Kontext scherte und wie angenehm das war:


So entstehen spannende Kontraste statt gepflegter Langeweile. Das nennt man auch „Stadt“.

Die Geschichte des Schwammerls ist ein typischer Fall:Die Alpine Montangesellschaft ging in der „Vöest Alpine“ auf – ein Name, der einem in der Region auf Schritt und Tritt begegnet -, das Gebäude wurde in dieser Form nicht mehr gebraucht, denn die obersteiermärkischen Stahlwerke bekamen Konkurrenz aus Fernost ein. Dann stieg ein privater Entwickler und sanierte. Der Denkmalschutz kam nicht in die Gänge und Architektur aus dieser Zeit hat keine gute Lobby. Das Ergebnis ist betrüblich. Architekten vergleichen die Philosophie des ursprünglichen Baus mit dem Centre Pompidou in Paris, und so gesehen ist nun aus einem Lévi-Strauss ein Dieter Nuhr geworden.

Deshalb war kürzlich nicht nur ein besonderer, sondern auch ein trauriger Tag.

Doch es gibt noch einige nicht verhunzte Domenigs, beispielsweise im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände. Obwohl erst 1998 gebaut, spürt man dort noch den innovativen Geist der 1960er. Wie man ihn auch noch im Rost-Schwammerl in Leoben spüren könnte, wäre man achtsam gewesen.

(Fotos: gat und genova 2019)

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6 Antworten zu Mein erster Domenig

  1. hANNES wURST schreibt:

    Hier gibt es noch ordentlich Rost:

    https://www.architektur-bildarchiv.de/image/Landesbetrieb-Information-und-Technik-D%C3%BCsseldorf-38724.html

    Daran sieht man, warum so ein Gebäude ohne öffentlichen Aufschrei entrostet werden kann. Ich stand selber schon vor diesem Exemplar in Düsseldorf und habe mich gefragt, was da schief gelaufen ist.

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  2. genova68 schreibt:

    Bitte sei stolz auf dieses Meisterwerk von Gottfried Böhm. Es ist mit das Beste, was Düsseldorf architektonisch zu bieten hat. Das ist eine objektive Aussage und Widerspruch deshalb zwecklos.

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  3. hANNES wURST schreibt:

    Selbstverständlich bin ich stolz, da ich jetzt weiß, dass der dicke Rost absichtlich herangezüchtet wurde. Aber dazu bedarf es einer minimalen architektonischen Bildung, die mir erst durch das fantastische Exportabel Blog vermittelt wurde.

    Leider schnarchlangsam dieses Bildarchiv, ansonsten nicht schlecht gemacht, finde ich.

    https://www.architektur-bildarchiv.de/%C3%9Cber%20uns-13.html

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  4. hANNES wURST schreibt:

    Übrigens lustig an diesem Domenig in Loeben, dass er 1969 so aussah, wie man sich den Baustil in 2019 vorstellte. Jetzt in 2019 sieht er so aus, wie man sich heute den Baustil in 1969 vorstellt. Eine Art coming home.

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  5. GrooveX schreibt:

    „…und so gesehen ist nun aus einem Lévi-Strauss ein Dieter Nuhr geworden.“
    wenn das nicht zur aufklärung beiträgt…da taugt der nuhr tatsächlich mal für was?
    rahm es dir ein!

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  6. genova68 schreibt:

    Danke für das Bildarchiv, sowas ist immer gut. Ich hoffe nur, dass der link dazu nicht untergeht. Wir leben im Netz ja mit der völligen Überfrachtung.
    Und ja, stimmt, Domenig baute 1969 so, wie er sich 2000 vorstellte. Und wir bauen so, wie wir uns 1700 vorstellen.

    Groove, ja, der Nuhr taugt nur als Antibeispiel. Bräsigkeit, Selbstzufriedenheit und Denkfaulheit ergeben keinen guten Satiriker.

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