Klassenkampf via Architekturkritik

Der Chefredakteur der Architekturzeitschrift Baumeister, Alexander Gutzmer, hält nichts von der Enteignung großer Wohnungsbaufirmen.

Er schreibt:

„Um es deutlich zu sagen: Ich halte es rechtlich wie ökonomisch für problematisch, wenn aufgrund möglicher Fehlentwicklungen am Immobilienmarkt das Grundprinzip des Privateigentums angegriffen wird. Es muss andere Wege geben, um für eine erträgliche Lage am Wohnungsmarkt zu sorgen.“

Gutzmer bringt in dem ganzen langen Meinungsartikel keine einzige Idee, wie man Gentrifizierung entgegenwirken könne. Warum auch? In Bezug auf Berlin meint er:

„Trotz Steigerungen hat die Stadt im internationalen Vergleich immer noch moderate Mieten.“

Genau. London ist billiger.

Der Artikel ist im Wesentlichen banales bis höhnisches Geplapper über Privateigentum und Rechtssicherheit. In Deutschland würden derzeit „mit Freude Tabus gebrochen“, es seien „für Revoluzzer“ „herrliche Zeiten“ angebrochen und der Immobilienwirtschaft gehe es derzeit – kein Scherz – „an den Kragen“.

Es ist keine neue Argumentation: Wenn das Kapital seine Renditewünsche artikuliert, dann müssen „alte Zöpfe abgeschnitten werden“, „Besitzstandsbewahrer“ gestutzt werden, Löhne und Sozialleistungen gedrückt werden. Der Masse wird zuerst die private Rente schmackhaft gemacht und dann werden die einstigen Zinsversprechungen gegen Null gedrückt. Ursache ist dann halt „der Markt“, also Gott, gegen den man nicht ernsthaft argumentieren kann. Geht es andersherum, bricht die linke Gegenseite angeblich Tabus, greift das heilige Privateigentum an – wobei pflichtgemäß unterschlagen wird, dass es immer nur um das Privateigentum an den Produktionsmitteln und an dem des Bodens geht – und fördert Revolution. Es ist das immergleiche Bullshit-Bingo der Machterhaltung.

Völlig plump ist Gutzmers vermeintliche Sorge:

Es muss andere Wege geben, um für eine erträgliche Lage am Wohnungsmarkt zu sorgen.

Welche, sagt er nicht, aber immerhin bestätigt Gutzmer hier versehentlich, dass die Lage in der Tat unerträglich ist.

Das einzige, was in der Perspektive Gutzmers hier interessiert, ist die Frage:

Wie kann man die Gegängelten möglichst lange zum Mitmachen oder zumindest zum stillen Zuschauen bei ihrer Ausbeutung bewegen?

Wer ist dieser Gutzmer?

Wikipedia weiß:

Gutzmer besuchte die Axel-Springer-Journalistenschule und wurde Wirtschaftskorrespondent der Welt am Sonntag in London. Er arbeitete als Editorial Director bei der Burda Creative Group und als Chefredakteur der Zeitschrift think:act von Roland Berger Strategy Consultants.

Springer, Welt, Roland Berger: danke, das genügt.

Interessant dagegen, dass die Berliner Landesregierung nun das Einfrieren der Mieten für fünf Jahre ins Auge fasst. Man kann zwar davon ausgehen, dass auch das nicht mehr ist als ein Tropfen auf den heißen Stein sein wird, denn es fehlt in Deutschland schlicht das revolutionäre Potential, um die Verhältnisse tatsächlich zu ändern. Die Diskussion um diese Perspektive an sich ist allerdings schon bemerkenswert. Der nächste Schritt müsste sein, vom Einfrieren auf dem aktuellen Niveau hin zu einer massiven Senkung zu kommen: Fünf Euro für den Bestand, acht Euro für Neubauten, und schon wäre das Kapital verjagt. Es würde vermutlich auch zu einem massiven Einbruch der Aktienkurse von Immobilienunternehmen kommen, die man im Folgenden billig übernehmen könnte.

Gutzmer würde dann wohl die armen Aktionäre bemitleiden.

Die Renditeforderungen des Kapitals anzuweifeln ist heute so gefährlich wie jeder Versuch, allumfassende und gnadenlos herrschende Dogmen zu hinterfragen, egal, zu welchen Zeiten. Früher eher religiös, heute eher wirtschaftlich: Jedes Bestreben, das dem genuinen Lebenszweck eines Systems widerspricht und zu seinem Tod führen kann, ist naturgemäß mit dem Tod zu bestrafen. Der diesbezügliche Erkenntnisfortschritt im Neoliberalismus besteht darin, dass der nicht mehr so blöd ist, mittels realer Exekutionen Märtyrer zu schaffen.

Es könnte alles ganz einfach sein, wäre das deutsche und überhaupt das gesellschaftliche Bewusstsein der Masse durch die Taktiken des Kapitals – forumlieren sie Alexander Gutzmer oder ein anderer Dogmatiker – nicht so nachhaltig geschädigt.

(Foto: genova 2019)

Dieser Beitrag wurde unter Berlin, Gentrifizierung, Medien, Neoliberalismus abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.