Sommer in Hannover und in Potsdam oder: Der Deutsche und sein Kampf ums Klima

Kürzlich sagte die bekannte Vorsitzende der bekannten Partei Die Grünen, Annemarie Beerbröck, in der Talkshow Anne Will sinngemäß Folgendes:

Sie wolle nicht, dass ihre Kinder und Enkel solch heiße Sommer wie den letzten erleben.

Man ist sprachlos. Der letzte Sommer bedeutete, dass in einem Land, in dem normalerweise an 300 Tagen im Jahr ein kaltes und menschenfeindliches und also menschentötendes und -abtötendes Klima herrscht, ausnahmsweise ein solches Klima nur an 280 Tagen herrschte.

Frau Beerbröck wuchs in der Nähe von Hannover auf und wurde dort offenbar wettertechnisch so sozialisiert, dass sie nicht etwa Temperaturen über 25 Grad für menschenfreundlich betrachtet, sondern solche darunter.

Die jährliche Durchschnittstemperatur in Deutschland beträgt runde zehn Grad: Das ist ein Klima, bei dem man ohne Hilfsmittel, i.e. Daunenjacke, Heizung und Wärmflasche, früher oder später und im verharmlosend „Winter“ genannten Zeitraum sofort stirbt und vorher ein klimatisch bedauernswertes und vor allem geistzerstörendes und also geistvernichtendes Leben führen muss, ein solches Klima empfindet Frau Beerenbock als lebens- und erlebens- und sogar erstrebenswert. Schlimmer noch: Sie meint, ihre Kinder und ihre Kindeskinder werden einmal ein ebensolch abstruses und einem Geistes- und Kulturmenschen unerklärliches Klima- und also Wetterempfinden empfinden wie sie selbst. Es ist das typische Verhalten Nordeutscher: Ein Sommer ohne Nieselregen und mit mehr als 19 Grad gilt als abnormal und ist deshalb abzulehnen.

Wir kommen gerade aus einem neun Monate angedauert habenden durch und durch tödlichen Wetter mit Temperaturen unter zehn und unter fünf Grad, teilweise sogar unter null Grad, jeweils Celsius, und könnten uns an den ersten angenehm warmen Tagen erfreuen. Was macht Frau Beerenbröck? Sie sorgt sich darum, dass ihre Kinder und ihre Enkel einmal solch angenehme, geist- und also menschenfreundliche Temperaturen erleben könnten. Nennt man das die negative Dialektik des Paternalismus? Hätte ich eine solche Mutter oder eine solche Oma: Ich täte mich bedanken.

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Gestern las ich in der FAZ auf Seite 16 ein Interview mit Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Die Überschrift des Interviews bezog sich auf das Klima in Potsdam und lautete verheißungsvoll

So warm wie in Norditalien

Ich erwartete nun eine Lobeshymne auf den Klimawandel in Deutschand und darauf, dass die Jahrhunderte des unmenschlichen und letztlich menschentötenden Klimas in Deutschland vorbei seien.

Weit gefehlt.

Denn dann kam´s: Auf die Frage, ob sich der Trend zu warmen Sommern fortsetzen werde, antwortete der Folgenforscher allen Ernstes:

„Leider ja.“

Dieser Mann könnte uns leider leidgeplagten Deutschen eine freudige Botschaft vermitteln, aber diese Vermittlung schaffen weder er noch der gemeine Deutsche an sich. Wobei die Botschaft eine freudige und menschenfreundliche ist, aber der deutsche Rezensent wird, so fürchte ich, diese freudige Botschaft, ebenso wie der Sender, als eine durch und durch katastrophale und menschenfeindliche aufnehmen. Die Tatsache, dass wir demächst nur noch 260 Tage oder gar nur 240 Tage im Jahr in unmenschlicher und todbringender und also den Menschen abtötenden Kälte leben müssen, wird von der Kleinbürgerseele, die in Deutschland naturgemäß eine durch alle Schichten reichende ist, in ein Katastrophenszenario des Untergangs verwandelt.

Es ist in dem Interview in der FAZ mit dem Folgenforscher im Folgenden von Regengüssen die Rede und von Überschwemmungen, dann wieder von Waldbränden und Trockenheit. Sie sind schon arm dran, die Deutschen.

Die schönste Stelle des Interviews in der gestrigen FAZ sei vollständig wiedergegeben:

„Das gegenwärtige Klima von Potsdam entspricht dem vergangenen Klima von Freiburg. Steigen die Temperaturen weiter, wird es in Potsdam in ein paar Jahren so warm wie in Norditalien.“

Heißt: Wir sehen paradiesischen Verhältnissen entgegen. Hoffentlich wird es kurz danach in Potsdam so warm wie in Süditalien.

In einem Interview von 2018 mit einer Potsdamer Zeitung sagte derselbe Herr Hoffmann:

„Die Dauer der Hitze ist das Problem“

So wird es sein. Ein Sommer, der tatsächlich ohne Unterbrechung im Juni und im Juli und im August stattfindet, ist für solche Leute ein Horrorszenario. Das Problem ist nicht etwa, dass es ab September wieder unerbittlich und unerträglich und also unmenschlich kalt wird, sondern, dass es vorher warm war.

Ein paar Zeilen unter dem Interview berichtete die glorreiche Zeitung aus Potsdam:

Ganz Potsdam hat mit den hohen Temperaturen zu kämpfen.

Genau. Ohne Kampf ist der ganze Deutsche und der ganze Potsdamer im Besonderen nicht in seinem Element. Und wenn ihn niemand angreift und der gemeine Krieg gerade nicht en vogue ist, kämpft er halt mit Temperaturen, der Deutsche und der Potsdamer. Man engagiert sich.

Frau Beerenberöck und Herr Hoffmann und mit ihnen tausende und abertausende und Millionen Deutsche machen aus Meldungen über italienische Temperaturen in Deutschland ein Katastrophenszenario, statt dankbar ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken. Die Freiburger haben demnach seit Jahrzehnten und Jahrhunderten mit furchtbar hohen und völlig unerträglichen Temperaturen und Waldbränden und Regengüssen leben müssen, von den Norditalienern und ihren Waldbränden und Regengüssen ganz zu schweigen. Und das sagt ein Potsdamer, wo der Winter bislang von Oktober bis Mai sich hinzog. Wo neun Monate im Jahr der klimatische und also geistige Dämmerzustand normal und somit die Katastrophe und das katastrophale Wetterereignis die Normalität war.

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Es ist bekannt und außer vom Potsdamer Klimafolgenforschungsinstitut von allen Klimafolgenforschungsinstituten erforscht und bewiesen, dass man bei Temperaturen unter 25 Grad zu kaum einem vernünftigen Gedanken fähig ist. Deutsche Geistesgrößen wie Hitler und Jünger haben vorzugsweise bei Temperaturen unter 15 Grad geschrieben. Hitler schrieb in seiner Zelle laut Historikern bei konstanten acht Grad, Jünger ließ es nicht wärmer als 13 Grad werden, jeweils Celsius. Das Anne-Will-Studio wird jeden Sonntag auf eine Temperatur zwischen 16 und 18 Grad heruntergekühlt, je nachdem, wer anwesend ist. Im Klimafolgenforschungsinstitut in Potsdam sorgt der Klimafolgenforscher Hoffmann persönlich dafür, dass in den Folgenforschungsräumen die Temperatur die 19-Grad-Marke niemals überschreitet. Deutsche Architekten wie Kollhoff und Speer verfassten und verfassen ihre baukünstlerischen Theorien, wie man sagt, gemeinhin bei runden 14 Grad.

Denk- und also Geistesarbeit von Deutschen ist nur dann lesbar, wenn sie im südlichen Ausland verfasst wurde, Goethe in Italien bei 30 Grad, Adorno in Kalifornien bei 28 Grad, Bernhard am Kamin bei 37 Grad. Ich heize mein Büro vorm Schreiben grundsätzlich auf 35 Grad hoch, jeweils Celsius.

Es ist vermutlich die aktuelle Version des deutschen Sonderwegs. Dieses Volk, wie man sagt, braucht für sich immer eine Opferrolle. Entweder ist man Opfer der Juden oder Opfer der Flüchtlinge oder Opfer der Chemtrails oder Opfer der Enteignungsforderer oder Opfer der amerikanischen Strafzölle oder Opfer der billigen Chinesen oder Opfer des verzärtelten Fußballbundestrainers oder Opfer der Demographie oder Opfer der Aliens oder Opfer der Umvolkung oder Opfer des GEZ-TV oder Opfer des Klimawandels. Heiter und allzu heiter den erfreulichen klimatologischen Entwicklungen der kommenden Jahre und Jahrzehnte entgegenzusehen, ist die Sache dieses Deutsche genannten Menschenschlags nicht.

Selbst die Supermarktkassiererin, die eigentlich ganzjährig schweigt, teilt einem dieser Tage ungefragt mit, dass man „bei dieser Hitze“ – so der O-Ton – nicht arbeiten könne.

Was ist eigentlich das genaue Anliegen der Greta-Leute? Sorgen die sich um tatsächlich versinkende Inseln in der Südsee und um vermutlich äußerst unangenehme Folgen des Klimawandels in fernen Gegenden oder doch eher darum, dass die deutschen Sommer nieselregenfrei werden könnten? Wollen sie die deutschen Nieselregensommer für die nächsten tausend Jahre zurückholen und konservieren? Ich habe es noch nicht verstanden. Vermutlich sorgen sich diese jungen Deutschen, weil sie Deutsche sind und sich sorgen dazugehört. Die Grünen werden wahrscheinlich von Leuten gewählt, die sich tatsächlich vor nieselregenfreien Sommern fürchten.

Was würde man wohl erfinden, gäbe es den climate change nicht? Vielleicht wieder irgendwas mit Volk ohne Raum oder dass die Löhne und die Zahl der Feiertage zu hoch sind. Die ausländischen Investitionen in Deutschland gehen zurück, las ich gerade. Wir sind zu teuer.

Das aktuelle klimatische Hauptproblem in Deutschland besteht darin, dass wir nicht sicher sagen können, dass ab sofort in jedem Sommer die Temperatur von April bis Oktober zuverlässig und täglich über 30 Grad ansteigt. Das, was die beneidenswerten Griechen und Italiener und Spanier und Türken und Israelis und Ägypter und so fort sicher wissen, ist bei uns nur eine Hoffnung.

Aber immerhin: Laut dem Klimafolgenforscher aus Potsdam können wir diesbezüglich guten Mutes sein.

(Foto: genova 2015)

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9 Antworten zu Sommer in Hannover und in Potsdam oder: Der Deutsche und sein Kampf ums Klima

  1. Jakobiner schreibt:

    Naja, nicht ganz falsch. Aber es geht ja auch um Wetterextreme, die zunehmen und Dürresommern mit dann monsunartigen Regenfällen in Folge, die dann für Überschwemmungen und dramatische Ernteausfälle sorgen. Meine Lieblingsjahreszeit ist Frühling, wohl temperiert, alles blüht auf und den gibt es immer weniger, ja wir haben bestenfalls noch 3 Jahreszeiten. Vivaldi müsste seine 4 Jahreszeiten umkomponieren–wäre vielleicht auch eine andere Musik, wenn man nur noch Wetterextreme vertont. Ich hasse heiße Sommer, verziehe mich dann immer in den schönen kühlen Kellere, wie auch frostige Winter ohne Sonne. Genova hält es eher mitDieter Nuhr, der den letzten Dürresommer mit stichiger Sonne als „geilen Sommer“bezeichnete. Rudi Carell wußte immerhin noch um die Schuldigen: „Wann wird´s mal richtig wieder Somer und schuld daran ist nur die SPD!“.

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  2. Jakobiner schreibt:

    Vielleicht sollte Baerbrock mal öfters Langnesewerbung im Kino „I like ice in the sunshine“ oder Baccardiwerbung sehen. Aber das sind ja auch Klischees, denn in diesen Ländern gibt es nur ameisenhaufen überfüllte Badestrände mit Ballermanntouristen und Moskitos und anderem Viehzeug, das die Tropen und die Wärme hergeben. Nichts, was man braucht.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Berlins Grundwasser heizt sich immer weiter auf

    Häuser, Tunnel und die globale Erwärmung lassen die Temperaturen im Untergrund steigen – mit unbekannten Folgen für die Lebewesen im Wasser, warnen Geologen

    https://www.tagesspiegel.de/wissen/ich-mache-mir-grosse-sorgen-berlins-grundwasser-heizt-sich-immer-weiter-auf/24416078.html?utm_source=pocket-newtab

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  4. Hugo schreibt:

    Den Unterschied zwischen Grün und Gelb:
    Gelb: Ich hab mir die Haare ned gekämmt aber dafür ne Dauerwelle:
    https://www.fdp.de/europa_nicola-beer-ist-spitzenkandidatin-fuer-die-europawahl
    Grün: Ich habe mir die Haare ned gekämmt, aber dafür ned gewaschen:
    https://sz-magazin.sueddeutsche.de/sagen-sie-jetzt-nichts/gruenen-annalena-baerbock-politik-87359
    Annanicola Baeerbock ist dann die richtige Namenssynthese, allerdings müßten die Damen in Pkt. 2 frisurtechnisch einen Kompromiss finden…
    Was das mit Weltliteratur zu tun hat fällt mir grade auch nicht ein, den Nobelpreisträger von vor 90 Jahren hab ich ned lesen müssen, da Deutsch nur Grundkurs bis zum Abi.

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  5. genova68 schreibt:

    Jakobiner,

    in Deutschland warnt immer irgendwer, jetzt sind es halt mal die Geologen. Bei mir kommt das Wasser jedenfalls immer noch aus dem Hahn.

    Alarmierende Nachricht:
    Gestern Abend war es hier so kalt, dass ich mir fast eine Jacke übergezogen hätte. Und das im Juni! Mich beschleicht das Gefühl, der Klimafolgenforscher hat mit seinem Freiburgvergleich maßlos übertrieben.

    Wenn das so weitergeht, wird es nichts mit der Erwärmung.

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  6. Jakobiner schreibt:

    Da schrammst du ja am Vorwurf des Klimawandelleugners vorbei. Ähnlich wie Trump, der wegen der Schneefälle in den USA meinte, der Klimaerwärmung sei widerlegt.Oder wie Dirk Maxeiner, der ehemalige Herausgeber von Natur, der zur Achse des Guten gewechselt ist, da er der Ökobewegung Ökohysterie und Alarmismus vorwirft. Egal, Friday For Frühling! Leine heißen Sommer mehr fordere ich!

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  7. Jakobiner schreibt:

    Interessant die Berichterstattung über Friday for Future. Da wird erzählt, dass es eine weltweite Bewegung sei in 120 Ländern und zumal in den meisten Großstädten. Folgender SPIEGELartikel zeigt eher, dass man in anderen Ländern diese Bewegung mit einer Lupe suchen muss: In China fand sich gerade eine Aktivistin, die zum Schulstreik aufrief. In Uganda 200, in Indien einige Hunderte, aber eben auch marginal.Meiner Ansicht ist diese Bewegung bisher eher ein europäisches Wohlstandsphänomen. Über die USA hört man in diesem Zusammenhang auffälligerweise gar nichts, obwohl doch Trumps Klimapolitik da eine breite Massenbewegung der Schüler eigentlich produzieren müsste:

    https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/fridays-for-future-wie-kinder-in-syrien-und-china-den-klimawandel-bekaempfen-a-1269860.html

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  8. genova68 schreibt:

    Nana, ich bin kein Klimawandelleugner. Natürlich ist es nicht nachhaltig, Kohle und Öl, das in Jahrmilliarden entstand, binnen 200 Jahren zu verfeuern. Natürlich sollte man das bleiben lassen und zu 100 Prozent auf Regenerative umsatteln. Ich sage nur, dass Potsdam ein Profiteur des Klimawandels ist, andere Gegenden dagegen wohl nicht. Aber es stimmt schon, die Besorgnis in Deutschland ist immer zu relativieren, einfach deshalb, weil sie aus Deutschland kommt.

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