Ich stelle mein Kunstwerk vor

Absichtslose Kunst ist eigentlich keine und dennoch immer wieder die beste. Eine unbewusste Installation im öffentlichen Raum hat künstlerischen Reiz, weil sie keine gewollte Kunst ist, sondern erst durch den Betrachter geschöpft wird.

Das meiste, was an Installationen heute erstellt wird, ist reizlos. Es war gut, als es neu war, als es Interesse und Aufmerksamkeit weckte. Ein paar Felsbrocken in einem Museuml waren früher Stein des Anstoßes und sind heute nur noch Stolperfalle, und das ist dann auch schon der anregendste Aspekt dessen. Seien wir ehrlich: Ein paar Felsbrocken im Museum sind ein Anlass zum Gähnen und zum Austesten, ob man dagegentreten darf, ohne vom Personal gemaßregelt zu werden. Bewusst hingelegte Felsbrocken oder Drahtfäden oder irgendwas mit Glas sind im Jahr 2019 in Museen weitestgehend lächerlich und rein als Dokumentation von Kunstgeschichte interessant. Im Moment der Musealisierung sind solche scheinbar widerständigen Kunstaktivitäten obsolet. Kunst im Museum ist sowieso so problematisch, wie es der Begriff des Bürgertums schon längst ist.

Die Aktion der beiden Sozialdemokratinnen, die 1973 in einem Lagerraum eine alte, schmutzige Badewanne entdeckten und sie gewissenhaft säuberten, war ein ganz hervorragendes Lehrstück über Bedeutung und Funktion moderner Kunst. Die Wanne war von Joseph Beuys hergerichtet worden. Der Spiegel schrieb:

Mit Ata bewaffnet machten sie sich ans Werk und scheuerten nach guter Hausfrauenart drauf los, bis die Wanne weiß und glänzend dastand.

Innerhalb weniger Minuten zerstörten die ahnungslosen Damen ein Kunstwerk, dessen Wert Experten damals schon auf 80.000 D-Mark schätzten.

Die beiden Damen zerstörten eine Aura, die ein dümmlicher Kunstmarkt in jahrelanger PR-Propaganda errichtet hatte. Die Aktion der Säuberung der Wanne hatte den gleichen emanzipatorischen Aspekt wie ihre Verschmutzung.

Der Besitzer der Badewanne war ein Sammler, der nach der Behandlung allen Ernstes von der Museumsleitung forderte:

„Ich erwarte, dass Sie umgehend Schritte ergreifen, um eine sofortige Restaurierung der Objekte und eine Regulierung der Schäden durch die Versicherung sicherzustellen.“

Eine Restaurierung einer sauberen Badewanne in eine schmutzige. Vielleicht hätte jahrelanger simpler Gebrauch geholfen.

Natürlich kann eine schmutzige Badewanne Kunst sein, wie auch ein Pissoir. Aber es ist prima, wenn das jemand nicht erkennt und die Kunst vernichtet. Die Moral von der Geschicht ist interessant, die Wanne ist es nicht. Man könnte auch sagen, dass solche Objekte nur vorübergehend, kurzzeitig Kunst sind. Es zählt der Moment der Kunstmachung, danach wird das Objekt uninteressant.

Der Aspekt moderner Kunst, zu irritieren, neue Zusammenhänge herzustellen, neue Sichtweisen zu ermöglichen, fällt in sich zusammen, wenn er seinerseits autoritär wird. Der Anspruch moderner Objektkunst kann nur der Moment sein. Ihre Zerstörung könnte man als einen weiteren prozessualen Kunstmoment deuten und es ist gut.

Eine ganz wunderbare Aktion gelang in diesem Zusammenhang kürzlich Banksy, dem sogenannen Street-Art-Künstler: Ein Bild von ihm wurde für 1,2 Millionen Euro versteigert und direkt nach diesem kapitalistischen Akt sorgte ein von Banksy installierter Aktenschredder für sofortige Zerstörung des Bildes.

n-tv schreibt:

Später postete Banksy bei Instagram noch ein Video, in dem es heißt, dass der Schredder schon vor Jahren in den Rahmen eingebaut worden sei, für den Fall, dass das Bild einmal versteigert werde. Danach zeigt das Video die Momente, in denen das Bild zerstört wird sowie die Reaktionen der Anwesenden. Als Kommentar zu dem Eintrag zitierte Banksy den Maler Pablo Picasso: „Der Drang zu zerstören ist auch ein kreativer Drang.“

Das Auktionshaus Sotheby´s sagte – lustigerweise der Financial Times:

„Wir haben mit dem Käufer gesprochen, der überrascht über die Aktion war. Wir befinden uns in Verhandlungen über die nächsten Schritte.“

Es ist eine ziemlich coole Geschichte von einem, der offenbar versteht, dass diese Art von Kunst im Moment ihrer Kapitalisierung obsolet wird. Künstlerisch betrachtet ist die Zerstörung der einzig sinnvolle Ausweg. Andererseits: Das System Kapitalismus ist so ideologiefrei und flexibel, dass das zerstörte Bild vielleicht einmal mehr Geld Wert sein wird als das unzerstörte. Wir haben hier auch ein schönes Bild von einem System, dessen einzige Logik die Kapitalvermehrung ist. Ob ein gemaltes Bild, ein Haufen Kot auf einem Kuchen oder ein Krieg: Es geht lediglich darum, der Öffentlichkeit klarzumachen, dass alles seinen Wert hat.

Man könnte der erstarrten modernen Objektkunst, um zum Thema zurückzukommen, in all den lächerlichen deutschen Provinzmuseen zu neuer Aktualität verhelfen, wenn man ihnen den Heiligenschein nähme. Putzfrauen und Kinder sollten sich all der Fettecken und Flecken und Lappen und Iglus und Nägel bemächtigen und damit etwas anstellen. Es wäre vielleicht sogar nötig, dieser momenthaftigen Kunst, die aus nichts als dem Moment heraus Kunst ist, ihre zeitliche Begrenztheit aufzuzeigen, das Betatschen, Verändern, Verwursteln zu erlauben. Man sollte vorher jegliche moderne Objektkunst entsichern, auf dass sich private Sammler nicht weiter entblöden können. Man könnte sich in diesem Zusammenhang noch einmal die Futuristen vornehmen. Es wäre auch ein antikapitalistischer Akt, denn im Moment der Ermächtigung des Kunstwerks könnte dieses auch schon obsolet, dem Markt enzogen worden sein. Man sollte all die lächerlichen deutschen Provinzmuseen als Dokumentationszentren für Kunstgeschichte betrachten.

Was macht eigentlich Julia Stoschek?

Im vorliegenden Fall bin also ich der Künstler, weil ich dieses Kleinod entdeckt, es dem Bauarbeiter gedanklich entrissen und zur Kunst erklärt habe. Und dann gefällt es mir deshalb so gut.

Wenn man dann noch bedenkt, dass ich dieses Kunstwerk in einer oberösterreichischen Kleinstadt mit einem FPÖ-Bürgermeister und einer FPÖ-Mehrheit im Stadtrat, also in einem Land mit aktuell 8,5 Millionen Debilen zur Kunst erklärt habe, kann ich mich mit Fug und Recht, wie man sagt, zum politischen und dissidenten Aktionskünstler erklären.

Aber nur vorübergehend.

(Foto: genova 2019)

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