Von Eier sozialisierenden deutschen Hausfrauen

Ein hochinteressanter Artikel in der taz über deutsche Zeitgeschichte. Es geht um den Begriff der sozialen Marktwirtschaft und die Rolle Erhards. Erhard wollte einen freien Markt: „Ich meine, dass der Markt an sich sozial ist, nicht dass er sozial gemacht werden muss.“

Mir neu sind die beiden folgenden Ereignisse:

Erhard reagierte mit dem neoliberalen Mantra, die Preise würden sich mit der Zeit schon „einpendeln“. Das taten sie nicht. In den ersten zwanzig Tagen nach der Währungsreform stiegen die Preise von Schuhen und Grundnahrungsmitteln um 50 bis 200 Prozent, und bis zum Jahreswechsel verbesserte sich diese Situation nicht.

Schnell regte sich Unmut. Marktstände wurden geplündert, und Hausfrauen „sozialisierten“ die besonders begehrten Eier. Große „Kaufstreiks“ wurden durchgeführt, um die Händler zu Preisnachlässen zu bewegen, und in fast allen Städten kam es zu Protestdemonstrationen.

Eine Zäsur war der 28. Oktober 1948, als in Stuttgart 80.000 Menschen auf die Straße gingen – und anschließend einige Tausend Demonstranten Luxusgeschäfte zerstörten und Polizisten tätlich angegriffen. Deutsche und amerikanische Polizeibataillone setzten Tränengas, Bajonette und gepanzerte Fahrzeuge ein, um die aufgebrachte Menge unter Kontrolle zu bringen.

Am 12. November 1948 kam es schließlich zum bislang letzten Generalstreik in Deutschland: Über 9 Millionen Menschen legten die Arbeit nieder – das entsprach einer Beteiligung von knapp 80 Prozent –, obwohl nur 4 Millionen einer Gewerkschaft angehörten und es auch kein Streikgeld gab. 9 Millionen verzichteten auf ihr knappes Einkommen, damit Wirtschaftsdirektor Erhard endlich verstand, dass seine Politik des „freien Marktes“ gescheitert war.

80.000 Demonstranten und zerstörte Luxusgeschäfte – klingt nach den aktuellen französischen Gelbwesten und schwersten 1.-Mai-Ausschreitungen und man glaubt kaum, dass sowas in Deutschland möglich war. Kurz darauf ein Generalstreik mit einer Beteiligung von knapp 80 Prozent – ein Bericht aus einer anderen Welt.

Interessant dabei auch, dass diese Ereignisse im historischen Bewusstsein der Deutschen, wie man sagt, nicht vorkommen. Die herrschende Geschichtsschreibung hat hier gute Arbeit geleistet. Wer wüsste schon, wann in Deutschland der letzte Generalstreik stattgefunden hat? Wir wissen stattdessen von dem Übermenschen Ludwig Erhard, der angeblich die „soziale Marktwirtschaft“ erfunden hat und dass Unzufriedenheit es nur in der Ostzone gab. Der 17. Juni 1953 wurde sogleich zum Feiertag erhoben.

Vorschlag: Wir schaffen den lächerlichen 3. Oktober als Feiertag ab und führen stattdessen zwei neue Feiertage ein: den 28. Oktober und den 12. November, inklusive aufklärender Begleitprogramme und wie der Wert des sich Wehrens gegen Zumutungen überhaupt aktualisiert werden könnte. Besser noch: Wir richten eine jährliche Feiertagszone vom 28. Oktober bis zum 12. November ein. Dann kommt die Aufklärung besser voran und die Bevölkerung kann sich gut organisieren.

Verlaufen diese Begleitprogramme erfolgreich, wird spätestens ab Anfang Dezember kein Paket mehr über Amazon verschickt, kein Hotelzimmer mehr geputzt, kein Brötchen mehr verkauft und keine Miete mehr gezahlt.

Es wäre eine ernstzunehmende Emanzipationsbewegung jenseits von Sozialsstaatsgeplapper und Binnen-I-Diskussionen. Gut möglich aber auch, dass das Kapital den bevorstehenden 70. Gründungstag des Grundgesetzes zur massiven Propagandaschau zur Durchsetzung ihrer Interessen nutzen wird. Da haben dann weder der 28. Oktober noch der 12. November einen Platz.

Man wird ja noch vorschlagen dürfen.

(Foto: genova 2017)

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2 Antworten zu Von Eier sozialisierenden deutschen Hausfrauen

  1. neumondschein schreibt:

    Klimawandel war damals noch nicht. Der Winter 1946/1947 war einer der härtesten Winter seit Menschengedenken. Da verließen die Menschen die Städte und versuchten sich bei Bauern zu verdingen. An manchen Orten erschienen Pulks von Stadtmenschen, die Feldfr&uumlchte und Vorräte plünderten. Das Geld war damals nichts mehr wert. War halt eine harte Zeit.

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  2. genova68 schreibt:

    Ein interessanter Zeitzeugenbericht, wobei oral history bekanntlich die unzuverlässigste Quelle überhaupt ist. Wenn man wissen will, wie es nicht war, befrage man Zeitzeugen.

    Die Zeitzeugin in dem Filmchen zeigt aber ganz gut, wie schnell die deutsche Volksgemeinschaft ab 1945 auseinandergebröselt ist. Man teilte das Essen nicht etc.

    Weil ich meinen eigenen Artikel, den ich schon vor Wochen verfasst habe, gerade nochmal lese: 9 Millionen Streikende 1948: Es scheint damals das Kollektiv doch weniger verfügbar gewesen zu sein als heute, warum auch immer. Heute wäre so eine Aktion mannigfach nötig, alleine schon in Sachen Gentrifizierung. Wir sind offenbar alle neoliberal dermaßen abgerichtet, dass es kaum in Worte zu fassen ist.

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