Zum ästhetischen Totalitarismus der Stalinallee und eine zwanghafte Überleitung zu HC, wie man sagt, Strache

Ein paar wirre Gedanken, vor deren Lektüre ich ausdrücklich warne:

Der wunderbare Architekturtheoretiker und Architekturhistoriker und Architektur-soziologe Werner Durth – man lese beispielsweise seine Übersicht über die biographischen Verflechtungen von Architekten vor und nach 1945 – meinte kürzlich in einem Vortrag in Berlin, die Stalinallee in Ostberlin sei ein Beispiel einer „Bildsprache totalitärer Herrschaft“.

Sicher waren die DDR und Stalin totalitär, aber die Stalinallee ist nur sehr bedingt ein Beispiel für eine totalitäre Ästhetik. Es war ein Großprojekt auf verwüstetem Grund, aber mit unzähligen kleinen formalen Abweichungen, die eben keinerlei Totalität vermitteln, sondern individuellen Zugang suggerieren. Ich zitiere mich selbst:

Warum finden wir diese Gebäude heute schön? Knappe Antwort: Weil sie abwechslungsreich gestaltet sind, und zwar nicht zu absichtlich, nicht krampfhaft, nicht permanent augenzwinkernd, Bildungsüberlegenheit ausspielend. Sondern auf den ersten Blick sogar symmetrisch und monoton. Auf den zweiten Blick bemerkt man unzählige Abweichungen an allen Baukörpern. Keiner gleicht dem andern. Die Abweichungen sind nicht postmodern kindisch, sondern zurückhaltend, und genau deshalb wohltuend. Vielleicht ist es die konventionelle Ernsthaftigkeit, das Einsetzen althergebrachter stilistischer Mittel wie Pilaster.

Es wohnten dort tatsächlich Arbeiter und der real existierende Sozialismus wollte seine Überlegenheit zeigen. Die Stalinallee war natürlich grundverlogen, weil sie Arbeitern keine emanzpierte Architektur erlaubte, aber es war eben der Ausdruck dessen, was in den 1920er Jahren schon als regressive Phase in der Kulturpolitik der Sowjetunion eingesetzt hatte.

Stalin war totalitär, die Stalinallee war es nicht. Man sollte hier zwischen totalitärer Architektur von Hitler, von Gigantomanie und Maßstabslosigkeit, von seelenlosem Neoklassizismus mit alleine der Einschüchterung dienenden Fassaden einerseits und der Stalinallee andererseits unterscheiden.

Insofern scheint mir ein anderer Ansatz aus Durths kürzlichem Vortrag in Berlin vielversprechender: Schon 1977 schrieb Durth, so Durth heute, in seinem Buch Die Inszenierung der Alltagswelt, dass die Zuversicht in eine offene, neue Zukunft momentan von einer Glorifizierung der Vergangenheit abgelöst werde und diese Entwicklung bis heute andauere und sich beschleunigt habe: Frauenkirche, Altstadtrekonstruktionen und mehr. Für 1977 eine bemerkenswerte Erkenntnis, die auch heute noch aktuell ist.

Durth sprach in diesem Zusammenhang auch von „Existenzangst“, und es ist offensichtlich, dass die Errichtung von Stadtschlössern im 21. Jahrhundert, der Wiederaufbau ganzer historischer, wie man das nennt, Stadtviertel, und gar die Rekonstruktion solch historisch belasteteter Gebäude wie der Potsdamer Garnisonskirche nicht ohne das Erstarken von rechtsradikalen Gruppierungen in Deutschland und anderswo gesehen werden kann. Existenzangst erzeugt Unterstützung für AfD und ähnliches und der sogenannte neobürgerliche Hang zu städtebaulichen Rekonstruktionen zeigt nichts anderes als eine Art große Koalition der ästhetischen und somit gesellschaftlichen Regression – von der SPD bis zur NPD.

Sage bitte keiner der Schloss- und Altstadtadepten, er engagiere sich im Kampf gegen Rechts. Jeder Schlossbefürworter engagiert sich ganz aktiv im Kampf für Rechts. Und das Kapital nimmt bekanntlich, was es kriegen kann – Schloss oder Mies, es ist egal.

In Berlin wird man wohl über kurz oder lang die Altstadt zwischen Schloss und Fernsehturm rekonstruieren. Momentan traut man sich noch nicht so ganz, aber die Kameraden stehen in den Startlöchern.

Man könnte in Zusammenhang mit Totalitarismusaspekten auch nach den ästhetischen Vorlieben von Herrn Strache fragen, es wäre vielleicht ganz interessant. Bei der Uraufführung der Heldenplatz-Inszenierung von Thomas Bernhard 1988 jedenfalls war er anwesend:

Welche Architektur bevorzugen die österreichischen Rechtsradikalen? Wollen sie auch neue Altstädte? Oder doch eher Aufmarschplätze? Und was sagen die acht Millionen Debile dazu?

Wir Deutschen brauchen keinen Strache, wir haben einen Bundespräsidenten der demnächst sehr zuverlässig das Berliner Stadtschloss einweihen wird, und die ganze pervertierte Polit- und Künstlerprominenz dieses unangenehmen Landes wird Spalier stehen.

Doch bevor es hier allzu einseitig wird, sei ein letzter Aspekt aus Durths kürzlicher Rede genannt. Der Architekturtheoretiker und Architekturhistoriker und Architektursoziologe wies klugerweise darauf hin, dass der funktionale Zeilenbau, der in den 1920er Jahren seine Anfang genommen hatte, „die Angst vor Heimat- und Bindungslosigkeit verstärkt“ habe. Es folgten die Nazis.

Die instrumentelle Vernunft ist auch den Linken in die Wiege gelegt, das ist bekannt. Und so hilft es wenig, sich an Strache und dem unseligen deutschen Bundespräsidenten abzuarbeiten – einem Hardcoreneoliberalen, der sich ganz raffiniert den Mantel der Milde umgelegt hat -, sondern es gilt, vor der eigenen Tür zu kehren.

Amen.

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