Neukölln: Neue Wohnungen für Lehrlinge und Lebenskünstler

Es folgt eine kleine Fallstudie, die den Erfolg der Berliner Politik – aller Parteien – zeigt, das Wohnen wieder bezahlbar, wie man sagt, zu machen.

Am Maybachufer in Berlin-Neukölln wurde gerade ein Neubau fertiggestellt, der so aussieht:

Retro-Design, das eine gute alte Zeit heraufbeschwören soll.

Gebaut hat das Teil das Berliner Büro Patzschke und Partner, die auch den regressiven Hotelkasten namens Adlon am Brandenburger Tor wieder hergestellt haben. Sie beziehen sich ganz offen aufs vordemokratische, feudale Preußen:

Die Gebäudeentwürfe unterliegen keiner kurzweiligen Mode, sondern prägen durch klassische Bezüge mit dezenter Selbstverständlichkeit das Stadtbild und heben sich bewusst ab vom willkürlichen Neuheitenzwang moderner Fassadenplanungen. Sie fordern und fördern eine Architektur, die über den reinen Nutzen hinaus zur Verschönerung des Lebensumfeldes beiträgt und als wohltuend empfunden wird.

Diese Kameraden behaupten also einen „willkürlichen Neuheitenzwang“ im Formalen, machen sich aber keine Gedanken über die kapitalistischen Zwänge der Wertvermehrung, an denen sie aktiv teilhaben. Wohltuende Empfindungen gegen Zwänge. Die argumentative Bastelei dieses Büros ist hochgradig lächerlich, aber ohne diese Lächerlichkeit wäre man raus aus dem Geschäft.

Das Haus sorgt ganz konkret für die Zerstörung gewachsener sozialer Strukturen in Neukölln. Patzschke ignoriert das und argumentiert rein formal:

„Hier war es uns wichtig, dass sich der Neubau in dieser Größenordnung innerhalb einer gewachsenen Struktur natürlich einfügt. Deswegen haben wir Motive gründerzeitlicher Bauten aus der Umgebung aufgenommen.“

Die gründerzeitliche Architektur, die dort in der Gegend vorherrschend ist, hatte immerhin den Vorteil, dass es einerseits eine bel étage fürs Bürgertum gab, andererseits in den Hinterhöfen preisgünstige Wohnungen, ohne die damaligen Wohnverhältnisse romantisieren zu wollen. Im Patzschkeschen Neubau ist für günstiges Wohnen kein Platz mehr. Das Einfügen in eine gewachsene Struktur hat bestenfalls rein formal stattgefunden, und selbst das ist eine absurde Argumentation, denn dann müsste alles immer so bleiben, wie es ist. Es ist die Absage an jede formale Stadtentwicklung. Sozial und ökonomisch gesehen ist es eine Implantation von Luxuswohnen und kapitalistischer Geldanlage in ein Kleine-Leute-Viertel. Patzschke weiß das natürlich, aber er verschleiert es, indem er sich aufs Formale, auf eine reaktionäre Hülle bezieht. Es ist eine konsequente Folge postmoderner Ideologie. Wir haben eine sogenannte wertige Fassade, die nicht den dort wohnenden Menschen, sondern dem Kapital als Wertsteigerung dient. Man könnte dort auch eine Burg oder ein Höhle bauen, wenn das Kapital damit etwas anfangen könnte. Architektur als komplette Reduktion auf die Rolle als Erfüllungsgehilfin kapitalistischer Interessen. Es ist ein Komplettverrat an der Sache.

Patzschke selbst hat für seine neue Création auch im Weiteren das übliche PR-Geplapper parat:

„Dem Bauherren Cross Jeanswear war es überaus wichtig, an dieser Stelle, einer vormals selbstgenutzten Lager- und Verkaufsfläche, qualitativ hochwertige Gebäude mit einem breiten Wohnungsmix zu schaffen. Die zeitlose klassische Formensprache war hierbei eines der Hauptanliegen, das wir entsprechend umgesetzt haben“

Zeitlos ist allein das Begehren der Investoren nach Rendite. Dort solch ein Haus zu bauen ist unanständig, um diesen konservativen Begriff zu bemühen, und das ist gerade bei diesem Patschke-Stil obszön. Er selbst begründet sein Wirken im Weiteren so:

Dem jeweiligen Ort und der Sinnhaftigkeit entsprechend, steht das Architekturbüro Patzschke aber auch einer qualitativ hochwertigen, modernen Architektur offen gegenüber. Diese Position wird vor allem von der nachrückenden Architektengeneration in der Familie unterstützt und gefördert.

Was ist die Sinnhaftigkeit des Ortes Neukölln? Die kapitalistische Perversion dort hineinzutragen? Die Lügengebäude sogenannter konservativer Architekten kann man kaum besser darstellen. Warum fällt mir jetzt nur The Godfather ein?

Bezeichnend auch: Das Patzschke-Büro wurde ausgerechnet 1968 gegründet. Die Kritik an der Moderne führte nicht nur zu Selbstreflexivität, sondern auch zur Verschärfung der Klasseninteressen, indem das selbstreflexive Moment der Moderne ausgeschaltet wurde und man ein Zurück in vormoderne Verhältnisse betrieb. Pointiert gesagt, könnte man Leute wie Patzschke als Prämoderne bezeichnen. Es ist ein zutiefst verkommenes Verhalten.

Es ist eine instrumentelle Vernunft, gut getarnt. Man behauptet einen „willkürlichen Neuheitenzwang“, der eben jene instrumentelle Vernunft sein könnte, der aber gar nicht mehr existiert, und verfolgt sein instrumentelles Geschäft dafür mit umso mehr Nachdruck. Die „zeitlose klassische Formensprache“ ist das derzeit formal aktuelle Gentrifizierungs- und somit Ausbeutungsmodell der herrschenden Klasse. Dieses in den Rang eines zeitlosen positiven ästhetischen Empfindens zu heben, ist intellektuell wie ästhetisch zum Kotzen, aber heutzutage massenkompatibel.

Wer ein wenig nach diesen Patzschkes forscht, findet Skurriles:

Rüdiger Patzschke, begeistert von alten italienischen Ortschaften, wie insgesamt von der europäischen Stadt, trat sofort nach der Wende in die Gesellschaft zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ein.

Alte italienische Ortschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie in ihrer Geschichte schon immer Neues integrierten, zulassen, und keine potemkinschen Dörfer neu bauen. Wer alte italienische Ortschaften toll findet und gleichzeitig das Berliner Schloss wiederaufbauen will, was zudem den Abriss des Palastes der Republik erforderte, zeigt nur, dass er von alten italienischen Ortschaften nichts verstanden hat. Patzschkes Vorlieben wären der Tod jeder italienischen Ortschaft.

Form follows in Neukölln also function, auch wenn man sich die Miete anschaut: Für eine 121 Quadratmeter große Drei-Zimmer-Wohnung benötigt man montalich 2480 Euro kalt, warm wird man an die 3.000 Euro herankommen. Wir sprechen hier von einem Kiez der sogenannten kleinen Leute. Solch ein Bonzenhaus in dieses Viertel zu stellen, ist offenbar der breite Mix.

Patzschke – streng genommen sind es zwei, nämlich Zwillinge, ich kann sie aber nicht auseinanderhalten – ist mit seinem Gebäude ein Beispiel von unzähligen, die sich Werte auf die Fahne schreiben und die totale Verwertung des Werts anstreben.

Ein paar Häuser weiter bietet eine Immobiliengesellschaft namens David Borck Altbauwohnungen an. Über den Preis schweigen sie vornehm, man wird aber von 20 Euro aufwärts für den Quadratmeter ausgehen.

Besonders perfide dabei ist das Bild, das Borck vom Viertel entwirft:

Hier, zwischen Maybachufer und Sonnenallee, lebt der Lebenskünstler, neben dem Straßenkünstler, der Betriebswirt neben dem Schankwirt und der Lehrer neben dem Lehrling. Ein Kiez, der von seiner Vielfalt lebt, und nicht zuletzt aufgrund dieser Tatsache zu einem der gefragtesten Wohnareale Berlins gehört.

Die Darstellung wird ernsthaft mit scheinbar authentischen Bildern garniert: Eine Bäckerin freut sich hinterm Tresen über ihren Kuchen, den sie im Szenekiez gerade für den Lehrling und den Schankwirt gebacken hat und die Verkäufer im nahegelegenen türkischen Wochenmarkt müssen auch für diese kapitalistische Perversion herhalten.

Kein Lehrling, kein Schankwirt und kein Lebens- oder Straßenkünstler wird hier einziehen. Es werden vermutlich viele der Wohnungen als Kapitalanlage dienen und faktisch leerstehen.

Bei Immowelt kann man sich die Entwicklung der Kaufpreise für die Gegend anschauen. Die blaue Linie ist Gesamtberlin, die grüne die Gegend in Neukölln:

In den 1990er Jahren lag der Kaufpreis dort noch bei 300 oder 400 Euro. Der Kapitalismus nennt den Prozess, der dann einsetzte, freundlich Marktwirtshaft und macht daraus 4.000 Euro. Die in jüngster Zeit so verteufelte Enteignung findet hier tagtäglich statt, nur entgegengesetzt.

Wie gesagt, das ist das Ergebnis von mehr als zehn Jahren selbst erklärten intensiven Bemühungen der Politiker, diesen Trend zu brechen. Demokratie im Kapitalismus ist eine faktische Farce. Entweder werden völlig unfähige Politiker nach oben gespült, oder diese Leute sind korrupt. Oder die gesellschaftliche Macht des Kapitals ist so groß, dass kein Kraut dagegen gewachsen ist.

Es ist wohl eine Mischung aus allem.

Gegen den Patzschke-Bau wurde übrigens schon vor mehr als drei Jahren demonstriert:

Genutzt hat es nichts. Weit mehr als zehn Jahre nach dem Beginn der Gentrifizierungsdiskusion in Berlin und dem pausenlosen Beteuern aller Politiker, man werde sich der Sache nachhaltig annehmen, wenn man gewählt werde, sehen wir hier ein beispielhaftes Ergebnis dieser Bemühungen. Ein Proletariat ist massenhaft vorhanden, es weiß es nur nicht, und ohne Bewusstsein keine Schlagkraft.

Der Patzschke-Neubau in Neukölln wurde übrigens kurz nach Fertigstellung so garniert:

(Fotos: genova 2019)

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6 Antworten zu Neukölln: Neue Wohnungen für Lehrlinge und Lebenskünstler

  1. genova68 schreibt:

    Merkel äußerte sich vorm Deutschen Mieterbund zur Gentrifizierung. Der Spiegel berichtet:

    Wir müssen dafür sorgen, dass Wohnraum gebaut wird, aber das kann nicht nur die Regierung", sagte die Kanzlerin. Es brauche auch interessierte private Investoren, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen müssten. "Für sie muss es interessant sein, in Wohnraum zu investieren."

    Solche Sätze zeigen das intellektuelle Niveau dieser Frau. Ich vermute, dass sie tatsächlich in ihrem ganzen Leben noch keinen einzigen politisch interessanten Gedanken hatte und glaubt, was sie sagt. Es brauche interessierte Investoren, die sich dem Gemeinwohl verpflichten. Was für ein bullshit bingo. Sie kommt mir vor wie eine mittelalterliche Predigerin, die Gott gefallen möchte.

    Der eigentliche Skandal ist, dass jemand ohne jeden intellektuellen Anspruch, nur mit dem Willen zur Macht ausgestattet, weil ihr ohne den vermutlich langweilig wäre, seit 14 Jahren Bundeskanzlerin ist. Ein Höcke hat wenigstens einen Plan, er weiß, was er will. Merkel hat nur Banalität, in ihrem Kopf, in ihrer Mimik und in ihrer Gestik. Sonst nichts.

    Ein Skandal ist auch, dass diese Frau nach solchen Sätzen, nach solchem Für-Dumm-Verkaufen nicht ganz konkret des Saales verwiesen wird.

    https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/mietpreisexplosion-angela-merkel-fordert-investoren-zu-wohnungsbau-auf-a-1272441.html

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  2. Hugo schreibt:

    Jo, Frau Merkel labert Quatsch: „…aber das kann nicht nur die Regierung“. Kannse ned, siehe die Großprojekte…

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  3. Jakobiner schreibt:

    Merkel meinte wohl: Wir schaffen das auch!

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  4. genova68 schreibt:

    Es geht hier nicht um „Großprojekte“, sondern um den fehlenden Willen, ein Grundbedürfnis, nämlich das Wohnen, aus den Klauen des Kapitals zu befreien, das eben für Gentrifzierung verantwortlich ist. Man will wohl nicht ernsthaft behaupten, das Kapital sei in der Lage, dieses Problem zu lösen. Es ist strukturell nicht in der Lage, denn ohne Profit existiert das Thema für es nicht. Natürlich kann der Staat massenhaft gute Wohnungen bauen.

    Merkels Flüchtlingspolitik war und ist nicht die schlechteste, jeder Flüchtling kann hier deutsch lernen, wenn er oder sie das will. Wohnungstechnisch hat sie auch hier versagt, denn auch Flüchtlinge will man möglichst intensiv ausquetschen, wenn man ihnen mal Deutsch beigebracht hat. Vielleicht ist das die eigentliche Aussage ihres „Wir schaffen das“: Wir bringen euch Deutsch bei und ihr lasst euch dann von meinen Kameraden, den Kapitalisten, ausbeuten. Dazu gehört auch die Ausbeutung via Wohnverhältnisse.

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  5. Hugo schreibt:

    Dann sollte der Staat Genossenschaftsmodelle vorfinanzieren und dafür bürgen, den Kommunen (außer Berlin, da kriegt fremdes Geld so schnell Schwindsucht haha) Geldmittel zur Verfügung stellen etc. , das könnte er jetzt mit den verschiedenen Aufbaubanken oder der KfW auch schon.

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  6. genova68 schreibt:

    Genossenschaftsmodelle vorfinanzieren hört sich gut an. Die Zinsbelastung ginge gegen null. Man würde Kapital sinnvoll einsetzen und gleichzeitig dafür sorgen, dass es künftig weniger Kapitalangebot gibt, da die Rendite aus dem Immobiliensektor weniger wird. Der Staat könnte das, keine Frage. Es ist eine Frage des Wollens.

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