„… überall eingreifen, wo ein Uebel vorliegt“

1845 schrieb der Herausgeber der Zeitschrift für practische Baukunst, Johann A. Romberg, die öffentliche Hand müsse für Wohnraum sorgen und den Boden zur Verfügung stellen:

Die Verwaltung hat diese Pflicht, weil sie überall da eingreifen muss, wo ein Uebel vorliegt, was durch Private nicht beseitigt werden kann.

Klingt aktuell, es scheint sich aber seitdem nichts geändert zu haben. Unsere heutigen Asozialen (umgangssprachlich skurrilerweise „Politiker“ genannt) wehren sich mit Händen und Füßen gegen jede sinnvolle Linderung der Wohnungsnot. Ihre Rolle als Erfüllungsgehilfen kapitalistischen Strebens wollen sie nicht aufgeben, vermutlich, weil sie dann gar keine Rolle mehr hätten. Der Kaiser wäre nackt.

FAZ-Redakteur Niklas Maak, in dessen Buch  Wohnkomplexhier von mir schon einmal besprochen – dieses Zitat abgedruckt wurde, lenkt die Aufmerksamkeit auch auf das falsche Bauen, dem wir seit Jahrzehnten – eigentlich seit zaghaften Änderungsversuchen in der Weimarer Republik – ausgesetzt sind:

„… der Bau von Wohnungen, die nichts mit dem Leben ihrer Bewohner zu tun haben.“

Maak beschreibt die aktuelle Realität, die seit 50 oder 100 Jahren angelegt wird:

Die bauliche Form erzwang dabei fast den Lebensentwurf: Vater, Mutter, Kind, Haustier, dazu die Großraumlimousine im Carport. Schon auf die Frage, wie mit pflegebedürftigen Eltern, mit Freunden und deren Kindern zu wohnen wäre, halten diese Bauformen keine Antwort bereit… Der Standardisierung der Lebensformen entspricht die Standardisierungder öffentlichen Räume: Wenn man sich trifft, dann als Zuschauer bei Veranstaltungen oder in kommerziell überformten öffentlichen Räumen, in denen soziale Rituale durch Konsumhandlungen vorgezeichnet sind: Man muss, um sich dort aufhalten zu dürfen, Getränke oder Essen bestellen, eine Kinokarte kaufen oder, beim Ladenbummel, wenigstens Kaufabsichten vortäuschen….

Diese Normalität heutiger Städte haben wir so verinnerlicht, dass wir bei der bloßen Beschreibung der Realität uns die Augen reiben.

Dann beschreibt Maak eine Vision:

Aber jedes gute Haus beweist, dass Architektur Gesellschaft und Lebensformen verändern kann: Jedes Haus, in dem die Isolation der Bewohner aufgehoben wird, in dem man morgens nicht in einer dunklen Küche frühstückt, sondern auf einer Dachterrasse oder einem Wintergarten: in dem die Kinder aus der Küche in einen großen gemeinsamen, urwaldartigen Riesengarten rennen können; jedes Haus, das die Trennung von Arbeitswelt und Wohnen aufhebt und beides in einer neuen Form von Wohnlandschaft verbindet, jedes Haus, das beweist, dass es neben den Lebensmodellen Wohnung oder Haus für Singles oder Kleinfamilien noch andere denkbare Wohn- und Lebensformen gibt; jedes Haus, in dem man, weil es intelligenter geplant und gebaut ist, weniger monatliche Rate oder Miete zahlen muss und deswegen entsprannter, freier, gelassener wohnen kann, verändert die Gesellschaft.

Angesichts der aktuellen Diskussionen übers Bauen und über Wohnungsnot lesen sich solche Gedanken wie aus einer fernen Welt. Über die Qualität des Gebauten, gar über neue Wohnformen, macht sich kein Mensch mehr Gedanken. Man freut sich schon, wenn man dem Kapital minimale Zugeständnisse abverlangen kann, alles weitere ist im Bereichvon irrealen Heilsversprechen. Es geht sozusagen ums nackte Überleben, aber dennoch leben wir gemäß der offziellen Richtlinien in der besten aller Welten.

Wohnbauten haben in der aktuellen Gesellschaft nur noch zwei Funktionen: einerseits die Möglichkeit, Kapital zu parken, andererseits die Betonierung überkommener Gruppenbilder. Wohnungen sind nach wie vor größtenteils für die immer weniger werdende Kleinfamilie gedacht und weitergedacht wird nicht. Früher räsonnierte man über staatliche Wohnungsbauforschung, über Wohungsausstellungen, über IBA und Interbau.

Heute zahlt man 5.000 Euro pro Quadratmeter für sowas in Berlin-Kreuzberg:

Schwungvoll, dynamisch, nett anzusehen. Man wagt etwas. Ein kurzer zweiter Blick zeigt, dass die Balkons praktisch nicht nutzbar sind, weil zu schmal und im spitzen Winkel zugeschnitten. Und angesichts der fehlenden Rollläden möchte man in diesen Südwohnungen keinen warmen Sommer erleben. Jeder Sozialwohnung der 1950er Jahre war praktischer. Auf Nachfrage erzählen einem Makler gerne, dass die erwähnten Probleme in der Praxis nicht existierten, weil dort sowieso keiner einziehe. Man wolle nur sein Geld parken.

Was fehlt, ist die staatliche Ermutigung solcher Architektur.

schreibt Maak noch und diese Beobachtung ist so richtig wie naiv. Der Staat ist Erfüllungsgehilfe des Kapitals und das macht seinen Schnitt ganz gut ohne staatliche Ermutigungen, ohne Instandsetzungen zur Selbsthilfe, ohne den Versuch, die Beteiligten zum Mitmachen aufzufordern.

Der Immobilienmarkt ist die lukrativste Branche, die auf Dauer perfekt funktioniert. Es ist und bleibt oberstes Gebot der kapitalistischen Logik, dass da niemand hineinpfuscht. Pfusch am Bau ist tolerabel, Pfusch bei der Ausbeutung bleibt nicht ohne Sanktionen.

Also lasset die Hirten gewähren.

(Foto: genova 2016)

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6 Antworten zu „… überall eingreifen, wo ein Uebel vorliegt“

  1. Neo-Heide343 schreibt:

    Es ist sinnvoll, einstöckige Häuser zu bauen. Mehr dazu auf meiner Internetseite (bitte auf meinen Nick-Namen klicken).

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  2. neumondschein schreibt:

    Und angesichts der fehlenden Rollläden möchte man in diesen Südwohnungen keinen warmen Sommer erleben.

    Dorthin könnten syrische Flüchtlinge einziehen. Die brauchen doch pralle Sonne.

    Auf Nachfrage erzählen einem Makler gerne, dass die erwähnten Probleme in der Praxis nicht existierten, weil dort sowieso keiner einziehe.

    Na bitte! Um so besser!

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  3. neumondschein schreibt:

    Der Immobilienmarkt ist die lukrativste Branche, die auf Dauer perfekt funktioniert.

    Leerstehende Immobilien sind ein Krisenindikator. Ebenso spekulativ wie Gold und Bitcoins. Zumal leerstehende Immobilien auch noch Kosten verursachen. Und wenn der Markt runtergeht (auch das passiert!), dann verschlimmern sie auch noch Krisen. Denn Immobilien dienen massenhaft als Sicherheiten für Kredite und werden durch Kredite finanziert. Kredite werden dann „faul“, ruinieren ihre Besitzer wegen Nachschußpflichten. Abgesehen davon entziehen Immobilienblasen knappen städtischen Raum einer sinnvollen Nutzung.

    Liebe Regierung! Daran seid ihr schuld! Ihr habt Eure Bürger genötigt, zu deren privaten Alterwvorsorge in Immobilienfonds zu investieren. Jetzt investieren arme Bürger in irgendwelche Fonds und die bauen Immobilien, die niemandem nützen, und deren Wirtschaftlichkeiten nie jemanden je interessiert hat. (Die Griechen und Italiener bringen natürlich auch noch einen Haufen Geld aus ihrer Heimat in Sicherheit)

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  4. genova68 schreibt:

    Was jetzt? Sollen Syrer einziehen oder niemand? Ein verwirrender Beitrag, neumondschein.

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  5. Hugo schreibt:

    Lustig isses auch ned@Syrer.

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  6. neumondschein schreibt:

    Und es kommt ja noch schlimmer: Für diejenigen, die Wohnungen vermieten wollen, geht die Rendite zurück in so einem Immobilienboom, weil Wohnungsvermieter mehr Kapital aufbringen müssen. So daß trotz intensiver Bautätigkeit bezahlbarer Wohnraum knapp wird. Und wenn dann plötzlich Menschen auftauchen, die auch Wohnraum benötigen, dann macht das die Situation noch schlimmer.

    Was jetzt? Sollen Syrer einziehen oder niemand?

    Ja bitte, unbedingt Syrer einquartieren! Und Obdachlose noch dazu! Also „… überall eingreifen, wo ein Uebel vorliegt“

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