„…mehr, als Bomben es vermochten“

Gewissermaßen der Nachtrag zum kürzlich erschienenen Blogartikel über Guy Debord:

„Das gemütliche alte Wirtshaus demoliert der Farbfilm mehr, als Bomben es vermochten: er rottet noch seine imago aus. Keine Heimat überlebt ihre Aufbereitung in den Filmen, die sie feiern, und alles Unverwechselbare, wovon sie zehren, zum Verwechseln gleichmachen.“

Das schrieb Adorno in seinem Resümé über Kulturindustrie 1963.

Man könnte das, was Guy Debord in der Gesellschaft des Spektakels in Bezug auf Marx als Warenförmigkeit jeder menschlichen Regung bezeichnet, auf die Stadt übertragen. Die Zurichtung der Stadt auf Waren- und Marktförmige ist im Tourismus die Reaktivierung eines Stadtbildes, das Sehnsüchte bedient. Es geht nicht um reale Geschichte, es geht schon gar nicht um real existierende Stadt mit ihren Bewohnern in der Gegenwart, sondern es geht um das Bild, das eine Kulturindustrie von der Stadt entwirft, das weiteren Profit ermöglichen soll.

Die schlimmsten Blogs sind Reiseblogs. Nicht, weil Reisen schlimm wäre, sondern weil es in diesen Blogs kaum einen Verzicht aufs Klischee, auf die sekundenschnelle oberflächliche Betrachtung, aufs Patentrezept fürs wohlige Reisen gibt. Reiseberichte auf Exportabel sind von diesem vernichtenden Urteil naturgemäß ausgenommen.

Warum ist die Klischeebildung bei Reiseberichten so massiv, nicht nur im Netz? Vielleicht, weil der Mensch zu schnellen Schlüssen neigt, weil er sich gerne einen schnellen Überblick verschafft, weil er heute den sogenannten Wissensvorsprung schätzt, weil eine Reise sich lohnen muss, weil das Exotische, das Authentische erstrebenswert erscheint, weil man Insider sein will.

(Foto: genova 2018)

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Kritische Theorie, Medien abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu „…mehr, als Bomben es vermochten“

  1. hANNES wURST schreibt:

    Der Farbfilm rottete das Imago des Wirtshauses aus? Was soll das bedeuten? Gilt das nur für Menschen, die s/w Bilder gewohnt sind?

    Gefällt mir

  2. genova68 schreibt:

    Die Betonung der angeblichen Problematik des Farbfilms ist wohl einer der Schwachstellen Adornos. So wie beim Jazz und wie beim Film war Adorno kulturkonservativ, was ihm eine vernünftige Beurteilung so mancher neuer Tendenzen verunmöglichte. Sei´s drum, die Instrumentalisierung von Heimat durch die Kulturindustrie ist hier das Thema und da trifft es eben zu, dass genau das Heimat zerstört, weil hier eine Kulisse von Heimat aufgebaut wurde, und zwar im Dienste der Verfügbarmachung fürs Kapital. Die heutige Rechte instrumentalisiert Heimat ebenfalls, aber weniger direkt im Sinne der Rendite, sonder im Sinne des Feindbildes. Heimat als Aufhänger für Regression, die sich nicht um Heimat an sich kümmert, sondern darum, Missliebiges zu diskreditieren, indem man es als Feind von Heimat etikettiert. Man müsste sich in Sachsen einmal Neubaugebiete anschauen, die in ihrer Banalität zwischen billiger Produktionsweise und der hingelogenen Sehnsucht eines besseren Lebens das zerstören, was man Heimat nennen könnte. Das Problem ist hier aber nicht die Zerstörung traditioneller Bauweisen – was man als Zerstörung eines Heimatbegriffs deuten könnte – sondern das Asylbewerberheim, das daneben steht.

    Es wird also weder von der Kulturindustrie noch von den Rechten das Problem der Heimatzerstörung angegangen. Von den ersteren bewusst, weil man Profit machen will, von den letzteren unbewusst, als Ablenkung des Selbsthasses auf andere. Die Heimat verliert in beiden Fällen.

    Gefällt mir

  3. hANNES wURST schreibt:

    Heimat ist ein derart abstrakter Begriff (der Nominalist wird zu Recht sagen, dass Heimat nicht existiert), dass die Diskussion mir unverständlich ist. Ist Heimat a) das seit langem Gewohnte b) das Zentrum meiner inneren Überzeugung c) mein jeweiliger Ort (Wohnort, Stadt, Land, Kontinent, Planet) d) der Ort, an dem ich in meinem Leben am meisten Zeit verbracht habe e) mein Geburtsort f) der Ort, an dem ich sterben und begraben sein möchte g) der Ort, an dem die mir liebsten Menschen weilen h) der Ort, an dem ich mich am wohlsten fühle i) der Kulturkreis, dem ich entstamme j) meine Homepage k) mein Verein l) meine Sprache…

    Gefällt mir

  4. Jakobiner schreibt:

    Das liegt nicht am Farbfilm und der Technologie–das liegt am Weltbild. Als Lesetip dazu entgegen der Adornojünger:

    Eurozentrismus versus weltgeschichtlichem Kosmopolitismus ala Oswald Spengler–ein deutsches Grundproblem?

    Volltext unter:

    https://www.global-review.info/2019/01/31/eurozentrisches-expertentum-versus-weltgschichtlicem-kosmopolitismus-ala-oswald-spengler-ein-deutsches-grundproblem/

    Gefällt mir

  5. genova68 schreibt:

    Heimat ist vermutlich entweder das, was dir dazu einfällt oder du benutzt den Begriff als Abgrenzung. Wenn ich mir deine Liste angucke, finde ich f) am überzeugendsten. Wenn man das von einem Ort sagen kann, ist er Heimat.

    Gefällt mir

  6. Jakobiner schreibt:

    Vielleicht wäre mal ein Blögartikel von Genova über die Berliner Mietdemos und das Volksbegehren zur Enteignung von Immobilenspekulanten interessant. Da rührt sich ja einiges. Aber das wird wohl nichts. 26 Milliarden Euro Entschädigungen würden fällig und woher soll die Stadt Berlin das Geld nehmen?

    Gefällt mir

  7. genova68 schreibt:

    Der Artikel kommt morgen. Vorab nur: Die Schätzungen für Entschädigungen schwanken zwischen sieben und dreißig Milliarden Euro. Es ist Neuland, und die Höhe der Entschädigungen hinge von Entschädigungsgesetzen ab.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.