Intensiver Prozess der Banalisierung

Der Situationist Guy Debord schrieb in seiner Gesellschaft des Spektakels (1967) auch über Städtebau und den Raumbegriff. Hochinteressant, selbst wenn mich solche Postulate grundsätzlich eher nerven, da sie eine These nach der anderen aufstellen, ohne sie ernsthaft zu begründen. Sehen wir im vorliegenden Fall gnädig darüber hinweg.

Debord schreibt:

Die kapitalistische Produktion hat den Raum vereinheitlicht, den keine äußeren Gesellschaften mehr begrenzen. Diese Vereinheitlichung ist zugleich ein extensiver und intensiver Prozess der Banalisierung. So wie die Akkumulation der für den abstrakten Raum des Marktes in Serie produzierten Waren alle regionalen und gesetzlichen Schranken und alle korporativen Beschränkungen des Mittelalters, die die Qualität der handwerklichen Produktion aufrechterhielten, durchbrechen musste, musste sie auch die Autonomie und die Qualität der Orte auflösen…

Um immer identischer mit sich selbst zu werden, um sich der unbeweglichen Eintönigkeit möglichst weit zu nähern, unterliegt der freie Raum der Ware heute der ständigen Veränderung und Rekonstruktion. Diese Gesellschaft, die die geographische Entfernung abschafft, nimmt im Inneren die Entfernung als spektakuläre Trennung wieder auf.

Es ist unerheblich, ob ich heute in Berlin einkaufen gehe oder in Ludwigshafen am Rhein. In beiden Fällen lande ich in einem Shoppingcenter mit den exakt gleichen Filialen und den exakt gleichen Produkten. Dieser freie Raum der Ware wird alle paar Monate umgebaut und einheitlichen neuen Erkenntnissen der psychologischen Konsumforschung angepasst. Fast schon lustig sind die Touristenmassen, die begeistert in Berlin in die Shoppingcenter strömen. Woher kommen die? Vermutlich aus der Sahelzone, da gibt es noch kein Shoppingcenter.

Das Nebenprodukt der Warenzirkulation, die als Konsum betrachtete menschliche Zirkulatioon, d.h. der Tourismus, lässt sich im wesentlichen auf die Muße zurückführen, das zu besichtigen, was banal geworden ist.

Debord beschreibt hier ganz gut die aktuelle Tendenz im Tourismus, die offenbar schon vor 50 Jahren zu erkennen war. Besichtigt wird auschließlich Banales. Ist das Objekt der Begierde zum Zeitpunkt der Besichtigung noch nicht banal, wird es umgehend banalisiert. Es hat ein unglaublicher Run, wie man sagt, auf Städte eingesetzt, die noch als authentisch gelten, beispielsweise Lissabon. Die üblichen Reiseberichte sind eine Aktualisierung der Debordschen Thesen. Wichtig sind bei den Berichtenden einerseits sogenanntes Insiderwissen – Restaurants, in denen angeblich die Nachbarin spontan zum Fadosingen vorbeikommt, überall Einheimische – und andererseits die Bedienung präformierter Bedürfnisse: Es muss überall gleich sein. Ob ich durch die Altstädte von Lissabon spaziere oder durch die in Salerno – in der vermeintlichen lokalen und spezifischen und einzigartigen Authentizität suche ich das Immergleiche, jede vermeintliche Überraschung muss ins vorher geplante Konzept passen, in die Vorstellung von dem, was ich vorgebe zu besichtigen. Das Authentische ist nur noch eine Vorstellung dessen, leicht konsumierbar.

Die reale Entwicklung von Lissabon ist aber die, dass die Gentrifizierung die Menschen vertreibt, die Einwohnerzahl immer weiter zurückgeht, dafür die Schlafstädte außerhalb wachsen, halbe Straßenzüge in Hostels umgewandelt werden und so weiter. Es sind reale Verhältnisse, die aus Touristenperspektive unkenntlich gemacht werden müssen; durchs Ignorieren im Wesentlichen, wobei wiederum die Suche nach der heilen Welt hilft. Es könnte so manchen Touristen stören, dass die vermeintlich authentischen Läden im Wesentlichen Accessoirs für Touristen anbieten, was man als das Gegenteil von Authentizität bezeichnen könnte, aber die Masse freut sich weiterhin darüber.

Der aktuelle Tourismus ist das höchste Stadium der Regression. Erst hier kommt das im Spätkapitalismus durch und durch geschundene und diese Geschundenheit auch noch feiernde Individuum zu seinem konformen Frieden.

Der Urbanismus ist diese Inbesitznahme der natürlichen und menschlichen Umwelt durch den Kapitalismus, der, indem er sich logisch zur absoluten Herrschaft entwickelt, jetzt das Ganze des Raums als sein eigenes Dekor umarbeiten kann und muss.

Der Tourismus ist interessant, weil er Sehnsüchte artikuliert. Sehnsüchte, die im Kapitalismus notwendig verraten werden. Das Authentische ist nur durch sein Gegenteil zu haben; je höher der Schein der Authentizität, desto verlogener die Verhältnisse. Je individualistischer die Reisekorrespondentin berichtet, desto kaputter die sozialen Verhältnisse der Stadt.

Wobei man gegen Debord einwenden könnte, dass der Massentourismus in den 1960ern, also zu der Zeit, als er Die Gesellschaft des Spektakels schrieb, von Massentourismussiedlungen wie La Grande Motte, Lac de Tignes oder Benidorm geprägt waren. Es waren und sind banale Siedlungen, die aber ihren Zweck erfüllen und ihn nicht kaschieren: genormte, rationale Erholung für die Massen. Heute ist das verpönt. Man kostümiert den Massentourismus individuell. Massen von Touristen in den Metropolen, die alle einem Geheimtipp auf der Spur sind. Der Schein des Individuellen ist nicht hintergehbar, insofern waren die 60er sympathischer, weil ehrlicher.

Der Urbanismus als das höchste Stadium des Kapitalismus, in Berlin und anderswo ist es zu besichtigen.
(Foto: genova 2018)

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