Camillo Sitte: Von kurvigen und geraden Empfindungen

Ein Architekturkritiker schrieb im Jahr 2007:

„…wir empfinden deutlich den ungeheuren Unterschied, der zwischen den uns heute noch erfreuenden alten Plätzen und den einförmigen modernen besteht … Geradlinigkeit und Rechtwinkligkeit sind nun allerdings Merkmale empfindungsloser Anlagen…“

Und, ebenfalls in Bezug auf Städtebau:

„Nicht um Haaresbreite von der einmal aufgestellten Schablone abzuweichen bis der Genius todtgequält und alle lebensfreudige Empfindung im System erstickt ist, das ist das Zeichen unserer Zeit.“

Nein, das Zitat stammt nicht von 2007, sondern von 1889. Es schrieb Camillo Sitte in seinem damals ziemlich einflussreichen Buch „Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“.

Es kommt einem bekannt vor. Kritik des Aktuellen und die Sehnsucht nach dem Alten. Das, was Sitte mit „einförmigen modernen“ Plätzen meinte, sind die heute beliebten Plätze in den Altbau- (bzw. Mietskasernen-) Vierteln, beispielsweise in Berlin. Menschen zahlen Höchstpreise, um dort, in den „empfindungslosen Anlagen“ zu wohnen und zu empfinden.

Sitte wollte zurück zur barocken, also geschwungenen Stadt- und Platzanlage. Wir machen heute zwischen geschwungener und gerader Anlage keinen Unterschied. Wichtig ist, dass die Straßenflucht geschlossen ist, und zwar mit Altbauten.

„Warum haben wir damals das 19. Jahrhundert so gehasst? Ich verstehe es selbst nicht, aber so war es.“

Das sagte kürzlich der Stadtplaner Thomas Sieverts, zitiert in der Süddeutschen Zeitung anlässlich der Besprechung einer Münchner Ausstellung über den gewerkschaftseigenen Ex-Baukonzern Neue Heimat.

Sieverts hatte die Hassgefühle in den 1950er und 1960er Jahren. So unverständlich ist das allerdings nicht. Man wollte weg vom engen Block, das ist ja eigentlich bekannt. Konkret geht es hier um die Münchner Siedlung Neu-Perlach, die heute viele als gescheitert ansehen.

Neu-Perlach ist nicht gescheitert, es wohnen vielleicht zu viele gescheiterte Menschen dort und wesentliche Teile der ursprünglichen Planung wurden nicht verwirklicht, gerade was kleine Läden, dezentrale Strukturen angeht. Dort hat die Neue Heimat gespart, auch sie wollte Geld verdienen.

Es ist merkwürdig, wie subjektiv Sitte argumentierte. Eine schnurgerade Straße „wirkt langweilig. Sie widerstreitet dem Naturgefühl“. Was auch immer das sein mag. Vielleicht das,was man später das „gesunde Volksempfinden“ nannte“.

Man könnte sich, nebenbei, über diesen skurrilen Namen Neue Heimat Gedanken machen, gerade im aktuellen und eher regressiven Heimatdiskurs. Neue Heimat: Man würde heute dahinter Entwurzelung und linksextreme Schollennegation vermuten.

Aber das wirklich nur nebenbei.

Hassgefühle sind natürlich völlig ok, nur in Deutschland problematisch, weil man hier gründlich ist. Hass führt hier wahlweise zum Komplettabriss ganzer Stadtviertel oder zum Völkermord. Deutscher Hass geht nur nach unten. Deshalb sind in Deutschland schwache Häuser genauso gefährdet wie schwache Menschen.

Erbarmen wir uns ihrer.

(Foto: genova 2019)

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