Italia moderna – sei

Die postmoderne Wirtschaftsfakultät der Uni Trient (Baujahr und Architekt sind mir leider nicht bekannt), ein Gebäude wie aus dem Stilbilderbuch. Ein massiver Kubus mit einem an die 1920er erinnernden angestetzen Turm ist der moderne Grundtypus, der vielfach postmodern gebrochen wird. Der Kubus ist im oberen Teil gebrochen und die Stützen sind zum größten Teil sichtbar. Sie sind modern gestaltet, unverkleidet, nur gestrichen, und mit konstruktivistischen Stilelementen. Die wiederum sind auf den ersten Blick Moderne in Reinkultur, auf den zweiten ironisch gebrochen, denn sie tragen nicht vernünftig, sondern setzen, wie man im zweiten Bild sieht, auf optische Täuschungen in der Statik.

Diese Stützen laufen also in die Spiegelglasfassade hinein. Zwei moderne Gestaltungselemente, die sich aber in ihrer Kombination widersprechen, sich konterkarieren, sich gegenseitig ironisieren, denn eine Spiegelglasfassade ist eigentlich eine Vorhangfassade mit zurückgesetzen Stützen, die eben nicht sichtbar sind, sondern hinter dem Spiegelglas verschwinden.

Die Fassade löst sich immer mehr auf, je länger man hinschaut. Nicht nur die durch die Stützen verursachten tiefen Einschnitte sorgen für Zerfall, sondern auch der rechte Teil der Front, wo das profillose Spiegelglas unregelmäßig von profiliertem abgelöst wird und sich im Turm fortsetzt, in dessen rechtem Teil wiederum die Fassade fensterlos massiv ausgeführt wird, und zwar in der Optik an die Stützen angelehnt.

Ein massives Natursteingesims oberhalb des Erdgeschosses verleiht dem Gebäude trotz der erwähnten Zerklüftung eine gewisse Geschlossenheit und Blockhaftigkeit.

Das Dach ist prinzipiell als Flachdach ausgebildet, ist aber ebenfalls zerklüftet und zeigt das Bestreben, die Blockhaftigkeit, die Massivität des Kubus zu entkräften.

Das Erdgeschoß ist zurückgesetzt und ebenfalls verspiegelt, wodurch es zu keiner Sockelbildung kommt, ein weiteres Indiz der Moderne.

Bislang haben wir, wie man sagt, die Rückseite besprochen. Die Hauptseite (Bilder 3, 4 und 6) – oder zumindest die an der Straße gelegene Seite mit dem Haupteingang ist strukturell genauso gestaltet, hier fällt die stark zerklüftete Ecke (Bild 3) auf, die schon als dekonstruktivistisches Element gedeutet werden kann.

Das auf der Hauptseite links anschließende alte Gebäude wurde vom Architekten offenbar auch bearbeitet; neben dem massiven Eckpfeiler breitet sich das profilierte Spiegelglas weitflächig aus. Es ist eine gelungene Verbindung zwischen alt und neu und das war ja zumindest ein Anliegen der Postmoderne.

Der Eingangsbereich schließlich ist ein weiteres Zitat: Zwei funktionslos stilisierte und in ihrer konsequenten Einfachheit sehr moderne Torbögen, die die Eintretenden mit der Philosophie des Gebäudes konfrontieren: Ein Bekenntnis zur Moderne, das im selben Moment konterkariert und aufgelöst wird, wobei eine angenehme Indifferenz übrig bleibt. Die Moderne wird ironisiert, doch gleichzeitig hat man nicht den Eindruck, vor einer reinen Spielerei zu stehen. Es ist ein postmodernes Gebäude, das zeigt, das jenseits des rein spielerischen Zitierens mehr möglich ist.

Ein nachhaltiges Spiel mit Zitaten, mit Brüchen, mit Inkonsequenz und Konsequenz zugleich. Es ist ein Gebäude, das im heutigen Zeitgeschmack wohl auf kein gutes Urteil kommt, das aber seinen Platz verdient hat. Gut möglich, dass es in 100 Jahren reüssieren wird.

(Fotos: genova 2018)

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