Von Matusseks Geburtstag und neuen Experimentierfeldern

Der Palast der Republik ist schon lange Geschichte und das Berliner Stadtschloss eröffnet demnächst an seiner Stelle. Die FAZ fragt dennoch dankbarerweise (13.3., S. 9) :

Die ideologisch und physisch entkernte Ruine des Palastes der Republik wurde nach 1989 für fast ein Jahrzehnt zu einer der besten experimentellen Bühnen. Was wäre passiert, wenn man sich dafür entschieden hätte, diese Bauten und Plätze als experimentelle Orte für die Stadtgesellschaft zu erhalten, statt sie allesamt zu rasieren und mit preußelnden Sandsteinfassaden das repräsentativstarre Simulacrum eines Deutschlands zu errichten, aus dem alle sichtbaren Spuren des Sozialismus getilgt sind?

Die Perspektive ist interessant. Just in dem Moment, in dem der Palast sich seiner alten Funktion, der Repräsentation einer Diktatur, entledigt hatte und seine erhaltenswerte Architektur neu bespielt wurde, musste er weg. Zugunsten eines Symbol der Monarchie, also einer Art demokratiefeindlichen Führergesellschaft. Wir erinnern uns: Haufenweise Politiker aus der Mitte, wie man sagt, stimmten damals im Bundestag für die Errichtung des Schlosses, unter anderem der Experte in Sachen lupenreiner Demokraten, Gerhard Schröder.

Der wohl einflussreichste Schlossprotagonist und -Strippenzieher ist Wilhelm von Boddien, mecklenburgischer Adeliger und ehemaliger Landmaschinenhersteller, dann Vorsitzender des Fördervereins Berliner Schloss.

Dieser Boddien wurde nun auf der Geburtstagsparty des ehemaligen Spiegel-Redakteurs und Rechtsaußen Matthias Matussek gesichtet. Unter anderem waren noch dabei: Erika Steinbach, AfD-nah und Dauervertriebene, Dieter Stein, Experte für konservative Revolutionen von der rechten Jungen Freiheit, und Mario Müller von der Identitären Bewegung, die wegen rechtsextremer Aktivitäten vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Die Infoseite Sachsen-Anhalt rechtsaußen bezeichnet Müller als „ideologisch gefestigten Neonazi“. Matussek bezeichnet Müller als „meinen Identitären Freund“.

Jan Fleischhauer vom Spiegel war auch da.

Nun kann Kamerad Matussek, der laut Rainald Goetz „vokabularmäßig dauernd komplett über seine geistigen Verhältnisse lebt“, natürlich einladen, wen er will. Mit diversen Twitter- und Facebook-Meldungen, die er über seine Party veröffentlichte, ist der Umtrunk allerdings keine Privatparty mehr. Es geht ihm offenbar darum, seine Freunde in dieser Konstellation in die Öffentlichkeit zu bringen.

Dass von Boddien in dieser Rechtsaußen-Umgebung auftaucht wundert nicht. Ohne irgendeine politische Äußerung von ihm zu kennen: Sein Schloss passt in diese Reihung von konservativ bis rechtsradikal wunderbar hinein, jeneits des ganzen scheinheiligen Humboldt-Geplappers. Die Form präsentiert den Inhalt, ganz modern, ganz funktionial. Man wird ja noch experimentieren dürfen.

Matussek, bekennender Katholik, empfahl übrigens früher den rechtsradikalen Blog Politically Incorrect als Lesestoff.

2006, im Schland-Jahr, schrieb Matussek noch im Deutschlandfunk:

Endlich haben wir einen Paradigmenwechsel in unserem Land, hin zu einer neuen Bürgerlichkeit, einem lässig-pragmatischen Patriotismus. Jeder fühlt sich selber verantwortlich. Und das ist ein gutes Gefühl. Also, Tassen hoch und prost, und nicht nur auf das Schloss und seine Wiederherstellung, sondern auf alle, die an ähnlichen Aktionen in diesem Lande beteiligt sind.

Für diesen Paradigmenwechsel brauchen die mutigen „Bürger“ jetzt offenbar das patriotische Schloss und den lässig-pragmatischen Nazi.

Der Berliner Schlossplatz war also in den 1990er Jahren ein progressives Experimentierfeld. Experimentiert wird dort demnächst auch wieder, nur unter anderen, eben typisch deutschen Vorzeichen.

Erwartbar.

(Foto: genova 2011)

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2 Antworten zu Von Matusseks Geburtstag und neuen Experimentierfeldern

  1. stadtauge schreibt:

    Oh mann, diese lässig-pragmatische Patriotismus-Nazi-Kacke. entweder riesige wichtige Männer-Ego-Trips oder Dummheit oder die Sache nicht zu Ende gedacht oder doch Nazi…
    Gruselige Koalitionen…

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  2. genova68 schreibt:

    2lässig-pragmatische Patriotismus-Nazi-Kacke“ trifft es wohl.

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