Vom neuen Sinn der Materie

Interessante These von Roger Behrens (oder von ihm wiedergegeben) in seiner Kritischen Theorie der Stadt: Einerseits gibt es in der Stadt ein Verschwinden der Materie, das um 1900 einsetzte. Während das Wasser vorher aus dem Brunnen gezogen und das Abwasser oberirdisch, also sichtbar, entsorgt wurde – oder gar einfach versickerte oder auch nicht und sich große und also sichtbare Pfützen bildeten, die umgangen oder durchwatet werden mussten -, kommt das Wasser heute aus der Leitung und verschwindet 20 Zentimeter weiter im Abfluss. Diese 20 Zentimeter sind ein realer Raum der Nutzung, in der das Wasser aus irrealen Bedingungen fürs menschliche Auge entsteht. Alle Aspekte jenseits dieser 20 Zentimeter inklusive der Entsorgung sind dethematisiert.

Dieses Phänomen gilt nicht nur bei Kanal- und Rohrsystemen, sondern auch bei Elektrizität, Telefon, U-Bahn, demnächst 5G. All das wirkt entmaterialisierend.

Es ist ein „nervöses Zeitalter“ das auch das „Klotz-Verständnis“ von Architektur infrage stellt. Die moderne Architektur mit ihrer Immaterialisierung, mit ihrer Auflösung von innen und außen, mit nichtragenden und dann verschwindenden Wänden Teil dieses Verschwindens von Materie.

Andererseits wird der materielle Konsum immer wichtiger. Pakete bekommen und deren Plastikinhalt entpacken ist ein wesentlicher Inhalt vieler Youtube-Kanäle. Plastikutensilien, die man kaum länger gebrauchen wird, werden öffentlich geöffnet und deren materielles Erscheinen wird zelebriert. Es ist eine Lust am Auftauchen des Materiellen, an der Prozesshaftigkeit des Materials, das sozusagen eine Bühne betritt. Aus diesem Auftritt bezieht man ein positives Gefühl, das allerdings nur weiter gespeist werden kann, indem man immer weiter Pakete entpackt; am besten im eigenen Kanal, denn ohne Zuschauer macht das Entpacken offenbar keinen Sinn. Das, was ohne Zuschauer nicht lohnt, hat vermutlich keinen eigenen Wert. Das spürt wohl auch jeder Youtuber.

Das Materielle von früher ist also zum Immateriellen ge- und durch eine neue Form von Materie ersetzt worden: Von der Materie, die nur noch prozesshaft existiert und dem Spektakel dient.

Guy Debords Gesellschaft des Spektakels würde hier vielleicht weiterführen oder auch Behrens marxistische Herangehensweise an das Phänomen Stadt.

fade out

(Foto: genova 2018)

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2 Antworten zu Vom neuen Sinn der Materie

  1. krisenblogger schreibt:

    Es liegt in der Natur unseres paradoxen Daseins, dass unser menschlicher Antrieb, diese Welt mit sinnlosen Aktivitäten zu füllen und letztlich zu zerstören, getrieben wird von der verzweifelten Suche nach dem Sinn des Lebens.

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  2. genova68 schreibt:

    Na, das ist doch ein wenig zu pessimistisch, finde ich. Der Mensch ist zu allem fähig und hat anthropologisch keine Grundrichtung, schon gar keine zur Zerstörung. Und was ist denn bitte sinnlos? Wer entscheidet das? Du etwa? Zerstörung ist genau so ein sinnloser Begriff, entschuldigung. Was wird denn zerstört? Die Umwelt etwa?

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