Von der Mitte und ihrem Verlust

Hans Sedlmayr, Verlust der Mitte: Ein mittlerweile aus der Zeit gefallenes Buch, aber vielleicht deshalb lesenswert. 1948 erschienen, löste es wohl eine breite gesellschaftliche Diskussion aus – wobei man sich heute fragt, wie eine breite gesellschaftliche Diskussion im Jahr 1948 ff. eigentlich aussah. Wo fand die statt? Die Auflage des Buches jedenfalls liegt bis heute bei sagenhaften 160.000.

Wie auch immer: Sedlmayr (1896 bis 1984), war Architekt und Kunsthistoriker, trat schon 1930 in die österreichische(!) NSDAP ein, verlor wegen seiner Naziverstrickung 1945 seine Professur für Kunstgeschichte, war aber schon sechs Jahre später wieder Professor an der Uni München. So geht das. Wobei Sedlmayr vermutlich ein interessanter Gesprächspartner war, auch Adorno hat sich mit ihm bei den Darmstädter Gesprächen auseinandergesetzt.

Aus der Zeit gefallen sind seine Ansichten zu Kunst und Architektur. Seine Grundüberlegung jedenfalls wird heute nicht mehr rezipiert. Er glaubte,

„dass seit dem Ende des 18. Jahrhunderts – teils unbewusst, teils bewusst – ein großer Angriff gegen die Architektur in Gang gekommen ist, der in mehreren Teil-Attacken von verschiedener Seite und in verschiedener Stärke verläuft. Seinen Höhepunkt hat er in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts erreicht, und hier haben die Gegner des Architektonischen, ihres Sieges gewiss, die Masken abgeworfen und offen die Abschaffung der Architektur gefordert, deren führende Stellung seit 150 Jahren langsam unterhöhlt worden war.“

Klassizistische Architektur war demnach die letzte, die von Sedlmayr als Stil anerkannt wurde. Der Historismus danach war Mischmasch („ein beständiger Kampf“) und die Moderne dann die endgültige Abschaffung von Architektur. Das erste klare Anzeichen für die Zerstörung des Begriffs von Architektur sei die Revolutionsarchitektur von Ledoux und anderen gewesen, so etwa ab 1760: Geometrie, so Sedlmayr, ersetzte das Architektonische. Die Revolutionsarchitektur habe sich von Baukunst verabschiedet, vor allem weil einerseits geometrische Formen wie Kubus, Zylinder, Pyramide etc. absolut gesetzt worden sei und man andererseits die Gesetze der Physik habe außer Kraft setzen wollen. Sedlmayr interessiert hier vor allem die Kugel, die von Ledoux und Konsorten nicht mehr als Halbkugel Verwendung fand – wie in der Architekturgeschichte zuvor, als Kuppel -, sondern als absolut gesetzte Bauform. Sedlmayer regt sich darüber mächtig auf, er erkennt darin so eine Art Revolution gegen ein imaginiertes Weltgesetz, eine gegen Gott gerichtete Tat.

Interessant ist Sedlmayrs Herstellung der Beziehung zwischen Architektur und Politik. Die Kugel erscheint nicht zufällig erstmals in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf der Bildfläche:

Diese architektonische Revolution geht der politischen voran. Die beiden Kugelentwürfe des Ledoux, die schon den erfolgten inneren Umsturz der Architektur voraussetzten, liegen beide vor(!) 1773.

Hier liegen laut Sedlmayr die Anfänge der seiner Meinung nach katastrophalen Entwicklung hin zu moderner Architektur und modernem Staat. Die Kugel sei typisch für

die Tendenz zu Loslösung von der Erdbasis. Die Möglichkeit, unten und oben zu vertauschen, womit die Vorliebe für das flache Dach zusammenhängt. Die Neigung zu homogenen glatten Flächen ohne Durchbrechungen, ohne plastische Elemente, ohne Profil. Die Verwandlung der Wände in abstrakte Grenzflächen; daraus folgt später das Ideal einer Raumhaut aus purem Glas … Das Fehlen jedes organischen Übergangs zwischen Architektur und Landschaft; wie vom Himmel heruntergefallen erscheinen diese ´reinenˋ Architekturen … Das Isolierte als Wert, denn auch der Mensch ist überall isoliert.

Doch nicht nur der vermeintliche Angriff auf den Klassizismus durch Ledoux ist für Sedlmayr nicht hinehmbar, auch der Jugendstil war eine „Revolte gegen die Architektur“:

Der Angriff gegen das Tektonische erfolgt dabei gerade von der anderen Seite als in der Revolutionsarchitektur: nicht von der ´Geometrieˋ, sondern vom ´Lebenˋ her, vom Leben an sich, das als frei schweifender ungehemmter Lebens- und Bewegungsdrang, als ´Vitalismusˋ aufgefasst wird.

Das Architektonische ist also laut Sedlmayr sowohl durch die harte Revolutionsarchitektur als auch durch den weichen Jugendstil zerstört worden und so bleibt vor allem der Klassizismus, den er noch Neuhellenismus nannte, übrig. Vorher waren das Romanik, Gotik und Barock, solange sie „rein“ blieben und sich auch zeitlich nicht überschnitten. Die Reinheit des Stils als Zeichen von Sicherheit. Kommt einem heute bekannt vor.

Sedlmayrs Angst ist die Angst vor Unübersichtlichkeit. Übersichtlich ist nur die Einheit von Architektur, es braucht einen einzigen Stil, der so eine Art Wahrheit ausdrückt. Und dieser eine Stil kann notwendig kein moderner sein, denn die Moderne trägt den Zerfall aller Werte in sich. Sedlmayr sieht dem Untergang seiner Welt, der Welt der k.u.k.-Monarchie vermutlich.

Das ist doch bemerkenswert, wenn man überlegt, dass er in den Nachkriegsjahren in Wien studierte. Expressionismus, Revolution, Demokratie: All das machte ihm wohl Angst, und er studierte fortan den Barock und seine Sprache. Die Moderne verstand er nicht.

Fast schon lustig ist Sedlmayrs Echauffieren über die „Gartenrevolution“. Er meinte damit die Ablösung des französischen barocken Schlossgartens – mit dem Primat einer architektonischen, nicht landschaftlichen Ordnung – durch den englischen Landschaftsgarten, beispielsweise auf der Berliner Pfaueninsel oder im Park von Wörlitz. Sedlmayer regt sich im Jahr 1950 allen Ernstes darüber auf, dass in diesen Gärten „der Primat der Architektur“ verloren gegangen sei.

Daneben gibt es eine Menge Wehklagen über Architektur, die an die architektonischen Kämpfe der späten 1920er Jahre erinnert: Moderne Architektur komme „wie ein gelandetes Raumschiff“, die „Erdbasis“ und die „Erdgebundenheit“ von Architektur werde „geleugnet“, es sei eine „Verleugnung es Tektonischen“, woran die „expressionistische Malerei“ die Schuld trage, weil sie „labil“ und „taumelnd“ sei.

Die Architektur wird also „abgeschafft“. Wer nicht im Sinne Sedlmayrs baut, ist schlicht kein Architekt, sondern irgendein böser Ingenieur.

Aus heutiger Sicht ist bei der Lektüre von Verlust der Mitte mindestens zweierlei erstaunlich: Zum einen natürlich das Wissen um die Naziverstricktheit Sedlmayrs, die ihm keine Silbe Wert ist. Er hat kein Problem damit, als Beleg für seine Positionen Artikel aus der Bauzeitung aus dem Jahr 1935 zu zitieren, die nur die offzielle Position der Nazis zum Thema wiedergaben. Sedlmayer übernimmt in vielen Teilen auch Nazi-Argumentation im Architektonischen. Die moderne Architektur sei nicht schollenverwurzelt, nicht identitär, traditionszerstörend und somit abzulehnen. Und eben nicht nur abzulehnen: Es ist dann keine Architektur mehr.

Es erinnert an heutige rechte Argumentationsmuster: Wer gegen Pegida ist, ist Volksverräter, gehört also nicht mehr zum Volk. Man wird von denen, die die „Abschaffung Deutschlands“ beklagen, abgeschafft.

Sedlmayr argumentiert durchgängig in diesem Muster:

Die Übertragung von Denk- und Betrachtungsweisen, die, auf das Anorganische angewendet, berechtigt und erfolgreich waren, auf jene höheren Formen des Seins, in denen der Mensch seine eigentliche Heimat hat, ist schon, rein wissenschaftlich beurteilt, unberechtigt, unsachlich und nichts weniger als ´positivˋ und außerdem lebens- und geistesfeindlich, verwüstend und tötend.

Das wird denjenigen Mut machen, die, von Natur mit der Gabe lebendiger ´Anschauungˋ und einem echten Sinn für ´Qualitäten` und Symbole begabt, aber eingeschüchtert durch scheinlogisch geschliffene ´Beweise` und den kaltsinnigen Hohn des niedereren Geistes, sich für eine aussterbende Minorität halten.

Es gibt also noch die, die „von Natur aus“ begabt sind und die wahre Architektur erkennen, auch wenn sie heute „eingschüchtert“ werden. Auch hier ist die Waschlappenargumentation heutiger Rechter nicht weit entfernt: Das böse deutschenfeindliche Establishment knechtet das arme Volk, das via Blutbeschaffenheit und Schädelform definiert wird.

Nebenbei erledigt Sedlmayr die Französische Revolution, die er als „Teilvorgang“ einer „ungeheuren inneren Katastrophe“ bezeichnet. Die Katastrophe, so könnte man vermuten, ist der Versuch, Menschenrechten Geltung zu verschaffen. Es ist auch der Versuch, die Aufklärung als große Fehlentwicklung zu deuten. Die Aufklärung, die Menschenrechte als der Abfall vom rechten Weg.

All das ist also der Verlust der Mitte, in der Sedlmayr sich wähnt. Der Mittebegriff war damals schon so sinnlos wie heute, wo bekanntlich CDUSPDFDPGRÜNE sich aufhalten. Es gleicht dem, was man früher gesundes Volksempfinden nannte. Dass ausgerechnet jemand mit einer braunen Vergangenheit sich zügig wieder als Mitte bezeichnet und gleichzeitig strukturell antiaufklärerisch argumentiert, hat schon etwas Dreistes.

Kein Wunder jedenfalls, dass Sedlmayr heute im rechten Sektor gut ankommt. Volker Mohr schrieb 2014 in der Sezession zum „Verlust der Mitte“:

Im besonderen die Maximen der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – sind Zeichen einer maßlos gewordenen, einer entmitteten und nicht mehr auf einer Ebenbildlichkeit beruhenden Welt. Nicht umsonst sieht Sedlmayr in ihr den Keim der ungeheuren Katastrophe. Freiheit bedeutet hier die Ignorierung aller Grenzen, Gleichheit führt zur Unterschiedslosigkeit, und die Brüderlichkeit führt zwangsläufig in den totalen Kollektivismus.

Der letzte Teilsatz zeigt die Absurdität rechtsradikalen Denkens, aber geschenkt. Sedlmayr gilt manchen als erster Strukturalist, da er das Zusammenspiel der Teile zum Ganzen thematisierte. Das scheint mir übertrieben. Das Zusammenspiel der Teile zum Ganzen ist seit jeher Thema der Kunst und ihrer Betrachter.

Die Forderung, jeglichen Fortschritt aus der Architektur zu verdammen, ist nicht strukturalistisch, sondern ewiggestrig.

(Foto: genova 2015, 2018)

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