Von der umfassend modernisierten Republik

Ein ganz normales Wohnungsangebot aus dem aktuellen Kreuzberg, aus einem Viertel in einfacher Wohnlage, wie man sagt:

https://www.immowelt.de/expose/2NGLA4R

Eine Wohnung im ersten Stock eines Altbaus, Mietskaserne, Hinterhaus, 46 qm, alte Einbauküche, billige Dusche, kein Balkon, standardsaniert.

Aus der Beschreibung:

Das moderne Duschbad und die Küche mit moderner Küchenzeile sind Highlights dieser Wohnung.

Miete: 850 Euro kalt, 990 Euro warm.

Das ist kein Einzelfall, sondern eines der unzähligen Beispiele für die Asozialität dieses Staates.

Die Wohnung könnte für fünf Euro pro Quadratmeter warm angeboten werden und niemand müsste draufzahlen. Es sind aber 21,50 Euro. Diese Spanne nennt man Rendite.

Die vornehmste wie selbstverständlichste Aufgabe von Politik wäre es, die 21,50 Euro auf fünf Euro herunterzufahren. Passiert aber nicht. Man kann nur noch mit verbundenen Augen behaupten, wir lebten in einer funktionierenden Demokratie.

Unsere lustige Medienlandschaft sorgt sich derweil darum, dass Berlin sozialistisch wird:

Berlin – eine sozialistische Stadt?

fragte am 19. Februar in der FAZ besorgt ein Markus Wehner. Wehner moderierte laut wikipedia 2008 ein Verfassungsschutztreffen mit dem Titel:

„Gewaltbereiter Extremismus und Terrorismus im Zeichen der Wirtschaftskrise – Eine Gefahr für die Demokratie?“

Haha.

Andererseits nicht lustig, denn von der FAZ könnte man ja jenseits aller ideologischen Differenzen wenigstens ein wenig Intellektualität erwarten. Angesichts der obigen Zahlen die Gefahr des Sozialismus zu vermuten, tja, wie soll man das nennen? Die Jusos in der Berliner SPD fordern Sozialismus und dieser Forderung könnte man sich ja problemlos anschließen, nur: Wer interessiert sich für die Jusos?

Wehner suggeriert, die aktuelle Debatte in der Stadt um Enteignungen großer Wohninvestoren sei eine Neuauflage der DDR. Ein paar Zeilen später verkündet er freudig, der Regierende Bürgermeister Michael Müller habe sich „im Gespräch mit dieser Zeitung dazu durchgerungen, die Idee (von Enteignungen) abzulehnen.“

Dennoch habe Berlin „eine links-links-Regierung“. Eine radikal linke Regierung schafft es laut FAZ also, die Miete auf 21,50 Euro pro Quadratmeter anzuheben. Gratulation.

Die Sorge des rechten Lagers ist aber aufschlussreich. Denn in der Tat gibt es in Berlin derzeit eine starke Bewegung inklusive Volksbegehren, die ein Enteignung der großen Wohnungsinvestoren fordert. Das darf nicht sein und deshalb erscheinen solch niveaulose Kommentare. Wer es wagt, die Rendite anzuzweifeln, mit dem wird Ernst gemacht.

Was man laut FAZ gegen teure Wohnungen machen soll, wird nicht gesagt. Vielleicht das übliche „mehr bauen“, aber vermutlich tut man am besten gar nichts. Sonst flösse die Rendite nicht mehr so üppig.

Es gehört auch zum großen Verblendungszusammenhang der Republik, dass Typen wie Wehner als Wirtschaftsexperten gelten. Es sind Ausbeutungsexperten, was im Kapitalismus aber eben doch eine Form des Wirtschaftsexperten ist.

Zur Politik noch so viel: In der obigen Wohnungsanzeige steht auch:

Die Mietpreisbremse gilt nicht, da die Wohnung umfassend modernisiert wurde.

Vielen Dank an die Oberflasche Heiko Maas, seinerzeit Bundesjustizminister. Diese Mietpreisbremse zieht also nicht einmal bei einer solch läppisch sanierten Wohnung.

In Wien werden, das nur noch einmal zur Erinnerung, Neubauten mit Fußbodenheizung, Balkon und Freibad auf dem Dach für acht Euro warm den Quadratmeter gebaut. Massenhaft.

Natürlich kann man den Investor kreuzigen, aber der macht das, was einem die Asozialen in der Politik erlauben. Unter anderem die SPD, natürlich.

Und natürlich braucht es die Kunst, das Widerständige, Rebellische, das gerade in Berlin so gut sich vermarkten lässt. Merke: Kapitalismus ist zwar überall drin, steht aber nirgendwo drauf. Je besser er seine Absicht verschleiert, desto erfolgreicher wirkt er.

Niklas Maak, merkwürdigerweise auch bei der FAZ tätigt, schrieb vor Jahren in seinem Buch Wohnkomplex:

Wo zu viel offensichtlicher Kapitalismus herrscht, wird nach Kunst gerufen – so auch in dem mit wirren Geschäfts- und Hotelbauten verramelten Neubauviertel hinter dem Berliner Hauptbahnhof, wo der Regierende Bürgermerister von Berlin gern eine neue Kunsthalle errichtet hätte. Es ist in Mode gekommen, Kunsträume als wertsteigernde Dekohirsche auf kommerzielle Immobilienprojekte zu setzen.

Der Wucher in Kreuzerg funktioniert unter anderem so gut, weil sich alle und jeder instrumentalisieren lassen. Die Kunst vorneweg, deren Mythologisierung ein Teil des Problems ist.

Die Süddeutsche machte übrigens am selben Tag, am 19. Februar, mit der Schlagzeile auf:

Wohnen wird auch auf dem Land teurer

Am besten auswandern, könnte man leichthin meinen. Aber es gibt im fortgeschrittenen Kapitalismus kein außen. Wir sind überall mittendrin.

(Foto: genova 2015)

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3 Antworten zu Von der umfassend modernisierten Republik

  1. genova68 schreibt:

    Wie die Bürokratie in Berlin arbeitet, kann man an einem aktuellen Fall sehen:

    In der Michelangelostraße im Prenzlauer Berg sollten 2.500 Wohnungen entstehen. Platz gibt es dort in Hülle und Fülle. Dieses Bauvorhaben wird seit runden acht Jahren diskutiert, im Dezember 2014 wurde ein städtebaulicher Ideenwettbewerb entschieden.

    Jetzt sieht der Zeitplan so aus: Baubeginn ist 2028, die Fertigstellung ist für 2035 geplant. Das hat der grüne Baustadtradt vom Prenzlauer Berg, Vollrad Kuhn, bekanntgegeben. Aber nur für weniger als die Hälfte der ursprünglich geplanten Wohnungszahl, nämlich für 1.200 Wohnungen.

    Nachdem man also 17 Jahre diskutiert hat, beginnt man vielleicht mit dem Bauen.

    Es klingt wie ein schlechter Witz aus der DDR, wobei man damit der DDR Unrecht täte: In der DDR wurde wesentlich zügiger gebaut.

    Dazu kommen die üblichen Anwohner, die gegen Wohnungsbau generell sind.

    Die Gegend sieht aktuell so aus:

    https://www.berliner-kurier.de/berlin/kiez—stadt/michelangelostrasse-genossenschaften-sollen-1000-guenstige-wohnungen-errichten-31641642

    und

    Man sieht, dass eine Verdichtung sinnvoll wäre.

    Das ist der aktuelle Stand der Dinge und der Senat denkt nun vorsichtig darüber nach, ob man nicht schon 2024 beginnen könne.

    Es ist eine einzige Lächerlichkeit.

    Der Tagesspiegelartikel dazu:

    https://leute.tagesspiegel.de/pankow/macher/2019/02/21/72815/michelangelostrasse-soll-vor-2035-kommen/

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  2. Jakobiner schreibt:

    „Wohnen wird auch auf dem Land teurer

    Am besten auswandern, könnte man leichthin meinen. Aber es gibt im fortgeschrittenen Kapitalismus kein außen. Wir sind überall mittendrin.“

    Stimmt nicht. Inzwischen gibt es wieder günstioge Immobilien in zentraler Stadtlage–etwa in Mossul oder Aleppo. Man muss nur etwas renovieren und Trümmerfrau spielen, dann sind auch die deutschen Wohnprobleme gelöst. Bleibt abzuwarten, wann in RTL die ersten Auswanderer auf diese Idee kommen. Man muss ja acuh die Chancen in der Krise und den Kriegen sehen–positiv denken und pragmatisch handeln.

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  3. stadtauge schreibt:

    leider ein sehr guter artikel von dir!

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