Italia moderna – due

Es folgt Teil zwei unserer symphatischen Familienserie über moderne Architektur aus der dritten Reihe in der Po-Ebene.

Ein variantenreicher Sichtbetonbau (eine Schule), außen ein-, im Kern zweistöckig mit dem prägnanten Eindruck, ohne Fundament, ohne Sockel auf die Erde gesetzt zu sein. Einzelne Kuben verschiedenster Ausmaße sind zu einer Einheit zusammengesetzt, die an guten Strukturalismus erinnern. Es fehlen leider Bilder aus überblicksartigen Perspektiven, was an den vielen Zäunen in der Umgebung lag. Insofern ist auch schwierig zu sagen, ob die ausfransenden Teile doch einer ordnende Gesamtkomposition unterliegen.

Die nächsten Bilder zeigen drei Bauten aus den 1960ern bis 1980ern, die die Vielfalt von Architektur aus dieser Zeit dokumentieren. Links ein kleines Gebäude im International Stile mit einem zurückgesetzten Erdgeschoß. Es wirkt trotz der formalen Geschlossenheit luftig, was auf den fehlenden Stein als Baumaterial zurückzuführen ist. Dass sich die blauen Panele mit der Zeit unterschiedlich gefärbt haben, wirkt eher sympathisch, was bemerkenswert ist, angesichts der doch oft bescheidenen Qualitäten von Patina bei moderner Architketur.

Daneben ein hochinteressantes Gebäude, weil dessen Erdgeschoß völlig anders anmutet als das Obergeschoß. Unten haben wir eine Art 50er-Jahre-Klassizismus mit Rundbogenfenstern und dünnen goldenen horizontal gesetzten Aluprofilen, wobei die Fensterflächen auffallend groß sind, keine Sprossen. Die Rundbögen sind präfabrizierte Betonelemente, die dünnen, ziegelverkleideten Pfeiler machen eher einen filigranen denn einen ernsthaft stützenden Eindruck. Darüber ein viel solideres, stämmigeres Geschoß, das mich strukturell an die portugiesische Moderne der 1940er und 1950er Jahre erinnert, dort allerdings mit anderer Farbgebung. Es hat etwas von abstrakter, geometrischer Kunst. Oben ein markantes, schmuckloses Gesims und ein Flachdach, das als Satteldach beginnt. Die Fenster im gerundeten Mittelrisalit stehen in auffälligem Kontrast zu den vier Hauptfenstern.

Rechts ein breit angelegter eingeschossiger Laden mit großdimensioniertem Sichtbetongesims auf umlaufendem und bis zum Boden reichendem Glasband, der damals typische und nette Versuch der optischen Täuschung: Wie kann das Glas den schweren Beton halten? Ohne Mies van der Rohe wäre dieses Gebäude vermutlich nicht entstanden. Auf die Postmoderne weist dagegen der via Dreieck zurückgesetzte Eingangsbereich hin. Das Hauptgebäude erhebt sich zurückgesetzt, ein ganz und gar indifferenter Kasten aus Fertigteilen, bei dem die Gestaltung zugunsten des betonten Dachs zurückgenommen wurde. Es erinnert an eine Scheune: klobig, klotzig, überstehend, die Holzstreben sitzen auf schmucklosen, rotbraun gestrichenen Säulen. Der Dachgiebel zeigt unverfroren die Holzkonstruktion. Es ist eine hochinteressante Kombination: Unten pure Moderne, oben eine archaische Konstruktion, aber schon im Ansatz gefaked, denn das Alte thront hier auf dem Neuen.

Es fällt generell die Vielfalt moderner Architektur in der Provinz auf. Hier noch eine unscheinbare Halle in Sondrio mit bemerkenswerten Fassadendetails. Die Halle scheint völlig unprätentiös, eine reine Zweck- und Gebrauchsarchitektur mit aber dann doch differenziertem Aufbau: Unten ein Geschoß mit unverputztem Industrieziegel, darüber an den Hauptseiten Putz, seitlich durchgehende Fensterbänder, unterschiedlich hoch abgestuft und mit Holzsprossen gefasst. Skurril auch die sich nach unten verjüngende Holzstütze an der Ecke, die tatsächlich eine statische Funktion haben dürfte. Auffällig sind auch die Betonfensterstürze, oben gar dem Giebel angepasst. Das Gesims, das an den Hauptseiten das EG vom ersten Stock trennt, geht an den Seitenteilen in die unregelmäßige Trennung von Wand und Fensteröffnung über und lässt an den Ecken dem erwähnten Holzpfeiler den Vortritt.

Wir haben hier eine ganz hervorragende Architektur, die sich auf den zweiten Blick als Schatztruhe erweist: Hier hat jemand mit feinem Wissen und vermutlich leichtem Grinsen ein Haus komponiert, das sich über Stunden hinweg mit immer neuen Entdeckungen lesen lässt.

Fortsetzung folgt.

(Fotos: genova 2018)

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