Dreimal Funktionalismus

Drei unterschiedliche Ansätze über Architektur und Funktionalismus, die alle auf ein Dilemma hinweisen.

1. Böhm und der nutzbare Raum

Gottfried Böhm, schrieb die bauwelt im April 2010, habe keine spitzen Winkel gebaut und deshalb seien bei seiner Architektur auch keine nicht nutzbaren Räume entstanden – ganz im Gegensatz zu den Gebäuden dekonstruktivistischen Superstars Zaha Hadid und Frank Gehry.

Zu Böhms Werk zählen solch wunderbaren Kreationen, wie man sagen kann, wie St. Gertrud in Köln, das Rathaus in Bensberg, die Kirche in Neviges und auch Teile des Kölner Stadtteils Chorweiler. Expressionistisch, brutalistisch, skulptural, organisch, was auch immer, nicht einfach bestimmbar und vielleicht deshalb: Es ist unbestritten gute Architektur. Es gibt hier also, laut bauwelt, keine nichtnutzbaren Räume, was bedeutet, das der vom Architekten zur Verfügung gestellte Raum komplett genutzt werden kann. Wofür und ob geplant oder zufällig, bleibt dahingestellt.

Böhm ist keineswegs das, was man einen Architekten des Funktionalismus nennt, dennoch ist diesen Ausführungen gemäß das Ergebnis seiner Architektur funktional – die Räume sind gut nutzbar. Diese Architektur funktioniert.

2. Mümken und die Entfremdung durch Wohnen

Anlässlich dieser Kritik an nicht nutzbaren Räumen fällt mir ein Aufsatz von Jürgen Mümken ein. Der „Postanarchist“, wie wikipedia meint, schrieb vor einiger Zeit über „Neues Bauen und die Taylorisierung des Lebens“:

Das Neue Bauen und Neue Wohnen kam in den 20er Jahren in einem sozialistischen bzw. sozialreformerischen Gewande, war aber nur eine Etappe in der Modernisierung des Kapitals. Daß SPD und Gewerkschaften die Trägerinnen dieser Modernisierung war, darf uns nicht wundern, denn sie hatten die Überwindung des Kapitalismus schon lange aufgegeben, aber auch die KPD konnte sich von Mythos der »Entwicklung der Produktivkräfte« nicht lösen. Ich weiß nicht, wie AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen in den 20er Jahren dem Neuen Bauen und Neuen Wohnen gegenüber standen, aber aus heutigen Sicht gibt es daran mehr zu kritisieren als zu loben. Es ist notwendig die kapitalistische Stadt und Architektur zu überwinden, wenn wir eine freie sozialistische (sprich anarchistische) Gesellschaft wollen.

Zusammengefasst sagt Mümken: Die Taylorisierung formalisierte den Arbeiter nicht nur im Arbeitsprozess, sondern auch beim Wohnen. Denn auch im vermeintlich sozialen Neuen Bauen der 1920er Jahre sei es nur um „Rationalisierung und Modernisierung der Bauproduktion“ gegangen. Dieser „Aberglaube an die `Wirtschaftlichkeit´“ habe „dazu beigetragen, die Arbeit immer mehr zu entfremden“ – und den Bewohner vom Wohnen entfremdet, könnte man hinzufügen.

3. Kroll und der Militarismus im Bauen

Der so fabelhafte wie vergessene belgische Architekt Lucien Kroll entwickelte die These, dass die moderne Architektur im Funktionalismus erstarrte, weil sie sich nicht der ihr innewohnenden militaristischen Struktur entledigte, sondern dieser immer mehr aufsaß.

Kroll beschrieb die Architekturgeschichte in einem Aufsatz für die Zeitschrift Freibeuter (Ausgabe 12) im Jahr 1982 als „Kampf zwischen den Galliern und den römischen Legionen“. Die vorherrschende Macht sind demnach die angepassten Funktionalisten, er und ähnliche sind die Gallier.

Die Gallierthese ist immer etwas peinlich, weil man sich selbst als die heroisch gegen eine Übermacht Kämpfenden betrachtet, aber die Argumentationsrichtung ist sicherlich richtig.

Von den drei Thesen scheint mir die von Mümken die am wenigsten vertretbare. Wohnen in einem funktionalen Haus bedeutet nicht, dass die Bewohner in irgendeiner Weise funktionalisiert wären, gleichgeschaltet, uniformierte, konformierte Bewohner, deren individuelle Bedürfnisse im Neubau getötet seien. Gute funkionalistische Architektur funktioniert im besten Sinn, so wie bei Böhm und vielen anderen, die man gute Architekten nennen kann. Der Funktionalismus in der Architektur war also völlig in Ordnung, solange er als Neues Bauen deklariert werden konnte und nicht in den Vulgärfunktionialismus abglitt.

Guter Funktionalismus funktioniert für vielerlei Bedürfnisse.

Taylorisierung ist vielleicht für den Arbeiter unangenehm und deshalb zu vermeiden, aber das berührt nicht die Frage der so entstehenden Architektur. Die ist gut oder schlecht, unabhängig vom Taylorismus. Vereinheitlichung der Normen und typisierte, modulare und präfabrizierte sind sinnvoll und notwendig fürs kostengünstige Bauen.

Sicher, wir brauchen die Überwindung der kapitalistischen Stadt, aber was Mümken da will, scheint mir eine Art romantische Rückbeförderung ins vormoderne Zeitalter zu sein. Holzhütte und Laugier und so. Eine sozialistische Gesellschaft (den von Mümken fabrizierten Zusammenhang zur anarchistischen Gesellschaft lasse ich jetzt außen vor), die es anzustreben gälte, wäre diese romantische jedenfalls nicht, wenn man eine ungefähre Ahnung vom Stand der Produktionsmittel damals hatte.

Das ist das nächste Problem in Mümkens Analyse: Natürlich ist es sinnvoll, wenn die Produktivität steigt. Das tut sie, seit es Menschen gibt und das wird so weitergehen. Erfinden wird der Mensch immer, sonst wäre es keiner. Es ist ein quasi göttliches Gesetz. Die Frage ist vielmehr, wie man mit der Produktivitätserhöhung umgeht: Kapitalistisch, also besinnungslos auf C Strich gebürstet, oder im humanen, also nichtkapitalistischen Rahmen.

Der Fortschritt in der Architektur aus der Perspektive des Bewohners war also in den 1920er Jahren phänomenal, und zwar auch wegen der Produktivitätsfortschritte. Die Mümkensche Haltung ist meines Erachtens eine typisch deutsche und schon deshalb abzulehnen. Fortschritt wird als per se Böses gebrandmarkt, es soll bitte alles so bleiben wie es ist. Heim in die Romantik.

Ich vermute, dass Böhm und Kroll sich jedweden Produktivitätszuwachs zunutze gemacht haben – im Sinne des Menschen, bleibt zu hoffen.

(Foto: genova 2018)

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