Architektur und Dogma 9 (4) – Rossi und der Rationalismus

Teil 4 dieser leider vernachlässigten Serie über den italienischen Architekten Aldo Rossi. Der Architekturtheoretiker Nikolaus Kuhnert sagte zur Typologieaffinität Rossis und seinem damit verbundenen Geschichtsverständnis in der arch+ (Nr. 229, 2017):

Der Begriff der Rationalen Architektur, den Rossi in Die Architektur der Stadt entworfen hatte, bedeutet, dass aller Architektur bestimmte Grundformen zugrunde liegen und dass die Geschichte der Architektur nur eine Interpretation dieser Grundformen ist.

So habe ich Rossi immer verstanden, wobei man dazu sagen muss, dass Rossi ein ziemlich schlechter Schriftsteller war. Die Architektur der Stadt ist kaum lesbar. Typologie ist das einzige, was Rossi interessiert und so sieht auch seine Architektur aus.

Kuhnert wendet dann ein:

Bis zum Aufkommen der Industriegesellschaft lebte die bäuerlich-ländliche zund die bürgerlich-städtische Gesellschaft in Europa entweder in Dörfern oder in der Stadt und dort in regional spezifischen Haustypologien. Diese Typologien haben sich historisch herausgebildet, aber sie wurden durch die Industriegesellschaft, die nicht mehr nach Stadt oder Land, sondern nach Arbeit und Kapital differenziert, amalgiert und zerstört. Die Frage des Typus ist in der Industriegesellschaft nicht mehr eine der Haustypologien, sondern des typisierten Elements für die industrielle Produktion. Daran scheiterten die Studien von Rossi.

Rossi scheiterte also daran, dass er den Typologiebegriff einseitig betrachtete und meines Erachtens daran, dass er diesen Begriff schmalführte. Es geht um die Form und nur um die Form. Da spielt vielleicht auch der genius loci hinein, doch Gesellschaft, Ökonomie, Menschen kommen darin nicht vor.

Kuhnert weiter:

Diese Grundformen sind nicht individuelle, sondern gesellschaftliche bedingt. Die Architektur der Stadt fungiert wie eine Sprache, die man weiterentwickelt, wenn man sie neu interpretiert, aber neue Wörter sind nur in Ausnahmefällen hinzuzufügen… Rossi hingegen betrachtete Bedürfnisse als etwas Flüchtiges, Fragiles, das sich immer wieder verändert und auf das die Architektur nicht aufbauen kann. So weit, so interessant. Die Schwierigkeit liegt aber bei Rossi darin, dass diese Erkenntnis, dass Stadt oder Architektur wie eine Sprache fungieren, die man nur neu interpretieren, aber nicht neu schaffen kann, sie an eine geschlossenes Konzept von Geschichte bindet.

Wer Bedürfnisse als etwas Flüchtiges und Fragiles betrachtet, braucht sich natürlich nicht näher mit ihnen zu beschäftigen. Offenbar weiß der schlaue Architekt es ohnehin besser. Die Bedürfnisse des Wohnenden sollte man sich gar nicht erst anhören, sie sind ja eh nur fragil.

Interessant in diesem Zusammenhang auch die Analyse Kuhnerts, wonach Rossi

zwar sozialwissenschaftliche argumentierte, aber unausgesprochen immer von der Autonomie der Architektur ausging.

Beides geht nicht zusammen. Wer Architektur für autonom hält, hält sie für ewiggültig, ohne dass gesellschaftliche Änderungen Auswirkungen hätten. Der einzelne Typus muss nur ein wenig neu justiert werden. Rossi argumentierte zwar auch, dass Architektur zeitlos sein solle, weil die Funktionen sich änderten. Das ändert allerdings nichts daran, sich um die Funktion generell zu kümmern. Dazu findet man bei Rossi wenig bis nichts. Wer selbst diese Neujustierung unter Ausschluss der Bedürfnisse der Nutzer vornehmen will, weil fragil, der baut dann als Eingangsbereich sowas:

Pfeiler wurden in die Länge gezogen und zu endlosen Reihen ausgebaut. Es ist ein großer Angstraum. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil es hier um die Mailänder Siedlung Gallaratese geht. Typologisch ist hier alles astrein und die Bedürfnisse der Bewohner sind fragil. Über die Bewohner oder über Grundrisse der dortigen Wohnungen ist nirgendwo etwas zu finden, dafür gibt es jede Menge Fachartikel über die dort realisierte tolle Typologie, die in der Praxis schlicht egal ist.

Ein Gallaratese besuchender Architekt bemerkte:

These columns remind me of the famous picture of him standing between the columns of the Parthenon on the Acropolis.

 

Es ist eine faktisch rechte Architektur, die Rossi, seinerzeit Mitglied der italienischen kommunistischen Partei, baute. Der Mensch ist nichts, die Norm, die der autonome Künstlerarchitekt erstellte, alles. Es kommt einem der Begriff des Führers in den Sinn.

Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht dieses Bild:

Rossi 1955 vor einem Gemälde, das Stalin zeigt. Ob Rossi vor Stalins Leistungen im allgemeinen Respekt hatte, weiß ich nicht. Bekannt ist aber seine Bewunderungen für Stalins Zuckerbäckerarchitektur.

Schon 1994 las man in der arch+ (Nr. 122):

Mit dem öffentlichen Raum muß man sich nicht mehr beschäftigen, wenn man die Stadt nur getreu den Thesen von Aldo Rossi oder den Zeichnungen der Kriers rekonstruiert. Die Folge ist ein schematisches Instrumentarium, das mit dem, was in der Stadt und in den Gebäuden passiert und wie heute gelebt wird, nichts zu tun hat.

Leon Krier hat später übrigens Poundbury gebaut und sein Bruder Rob ist postmodern-iealistisch unterwegs. Wenn sich ein Architekt nicht mit gesellschaftlichen Fragen beschäfgit, kann er auch Luftschlösser bauen.

Rossi als rechter Architekt; als jemand, der zwar keine postmoderne Verhübscherei will, aber ähnlich effizient von realen Erfordernissen guter Architektur ablenkt: Autonom, um sich der Bedürfnisse der Bewohner zu entledigen, typologisch, um die Welt zu vereinfachen: Kubus, Zylinder, Pyramide. Die alte Übersichtlichkeit.

Vielleicht ist das Urteil zu harsch und vielleicht wäre eine kombinatorische Analyse von Rossi und der Pittura metafisica interessant, vielleicht wäre der Architekt und Maler Arduino Cantafora, der Rossi nahestand und La città banale malte, also eine typologische Reihung produzierte, hier zu erwähnen.

work in progress

(Fotos: genova 2014)

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