Zum Verhältnis von Postmoderne und Strukturalismus in der Architektur

Die ominöse architektonische Postmoderne: Mit ihr wurde ich sozusagen sozialisiert. Man empfand das damals als frisch, neu, inspirierend, offen, zeitgemäß. Die Stuttgarter Staatsgalerie war state of the art.

Es war keine gute Zeit für architektonische Sozialisation. Architektur war nurmehr Oberfläche, Fassade, plötzlich spielten wieder ornamentale Details eine Rolle, deren Vermittlung im Kontext kaum möglich war. Ein Plastiksäule, die nichts trägt, galt als lustig, als Augenzwinkern, wobei vergessen wurde, dass Architektur nicht lustig sein kann, denn das Lustige ist ein vergänglicher Wert an sich. Eine Pointe ist nach kurzer Zeit vorbei. Ein lustiges Gebäude ist somit nicht möglich. Nur unlustige Architekten entwerfen lustige Häuser.

Schlimmer: Die postmoderne Diskussion ignorierte das, was sie angeblich einforderte: kritische Ansätze innerhalb der modernen Bewegung.

So hörte man in den Postmoderne-Debatten der 1980er Jahre nichts von strukturalistischer Architektur der 1960er, von Partizipation, von der grundlegenden Abkehr vom platten Funktionalismus. Der Strukturalismus war schon eine Antwort auf den zum Formalismus erstarrten Funktionalismus. Man könnte gar die provokative These vertreten, wonach die Postmodernisten vor allem Konservative und Reaktionäre waren, die nur vermeintlich die Sorge um gute Architektur umtrieb. In Wahrheit wollten sie zu einem reaktionären Fassadismus zurück. Leute wie Leon Krier, die noch heute als postmoderne Architekten gelten, zeigen das deutlich. Die allgemeine gesellschaftliche Wende hin ins Konservative und Neoliberale jedenfalls kann von der architektonischen Postmoderne kaum getrennt werden, auch wenn viele damalige Verfechter postmoderner Architektur nicht zu den Reaktionären gerechnet werden können. Manche haben sich einfach verführen lassen.

Vorbereiter des Strukturalismus waren interessanterweise architektonische Utopien, die zu Beginn der 1960er Jahre aufkamen: Metabolisten, Archigram, Yona Friedman. Es ging immer um Raum, der die ästhetische Erscheinung formiert. Es waren übrigens die ersten utopischen Architekturentwürfe seit den 1920er Jahren.

Eine Utopie zur Grundlage zu haben, ist immer gut. Sie speckt mit der Zeit ab und mit etwas Glück wird ein Teil davon Realität.

Zurück zur Postmoderne: Nervig ist aus der Rückschau die Verlogenheit weiter Teile ihrer Argumentation. Der von ihr geforderte Rückblick auf Bautraditionen ist für sich betrachtet richtig. Doch das hatten die Strukturalisten schon 20 Jahre früher gefordert. Die Moderne entwickelte sich in der Architektur ab 1918 reflexiv und ging schon zehn Jahre später in der Neuen Sachlichkeit und in der faschistischen Architektur Italiens in einen einseitigen Funktionialismus über, der nach dem Krieg sich gerade im Wohnungsbau teilweise negativ weiterentwickelte. Doch ab etwa 1960 waren die kritischen Stimmen nicht mehr zu überhören. So äußerte sich einer der prominentesten Strukturalismus-Vertreter, der Niederländer Aldo Eyck, bereits 1959 aus Anlass des CIAM-Kongress im niederländischen Otterlo:

Die moderne Architektur hat sich ganz und gar danach ausgerichtet, der andersartigen, der neuen Situation zu entsprechen, und ist dabei so weit gegangen, dass ihr Blick für das verlorenging, was nicht andersartig und neu, sondern alt und ewig gültig ist. Die Zeit ist gekommen, dass wir das Alte im Neuen wirksam machen, dass wir uns wieder besinnen auf die ewigen Grundsätze des menschlichen Daseins.

Der andere prominente Architekt dieses Genres, Herman Hertzberger, zur selben Zeit:

Wir können nur etwas Neues schaffen im Sinne einer anderen Interpretation bestehener Bilder, diese neu bewerten und sie für unsere Situation geeignet machen. Was wir nötig haben, um auszuschöpfen, ist die große Bildsammlung.

Und:

Entwerfen kann nichts anderes sein als fortbauen auf dem Darunterliegenden und es sozusagen verbauen.

Auch die Kritik am modernen Städtebau mit seiner Funktiontrennung und der Autogerechtigkeit wurde schon früh kritisiert. Der Architekt Louis Kahn sagte etwas später, dass die Straße zum reinen Verkehrsweg reduziert worden sei, was einer massiven Verengung ihrer langen Geschichte entspreche:

Straße als Stätte der Begegnung, Straße als öffentlicher Gasthof, der bloß kein Dach hat. Ein Versammlungsraum ist ja auch nur eine Straße mit einem Dach darüber […] Heute sind die Straßen teilnahmslose Bewegungsbänder, die nicht in geringster Weise zu den Häusern gehören, die an sie grenzen. Wir haben also keine Straßen mehr; wir haben Verkehrswege, aber keine Straßen. Um die Straßen zurückzubringen, müssen wir dei Bewegung neu definieren und sie in eine Ordnung fügen, in welcher die Straße die ihr zukommende Stellung als Teil der kommunizierenden Gemeinschaft wieder einnehmen kann.

An anderer Stelle redete er von der Stoa und der Agora als Plätze, „wo immer etwas geschah“.

Auch Architektenvereinigungen wie Team Ten oder früher noch teilweise Le Corbusier (La Sainte Baume, 1948) zeigen modernismuskritische Ansätze weit vor der Postmoderne.

Die Postmoderne nahm diese Gedanken kaum auf, auch einflussreiche Bücher wie von Jane Jacobs wurden eher instrumentalisiert als ernstgenommen. Der Focus verschob sich weg vom Inhalt hin zur Oberfläche, zur Fassade ohne Verbindung zum Inhalt, zum Spiel, zur Tändelei.

Strukturalistische Architektur löste schon früh theoretisch das ein, was Postmodernisten auf der falschen Ebene, nämlich der Fassade, forderten:

Einfühlungsvermögen in menschliche Situationen, Nuanciertheit und Klarheit.

wie Arnulf Lüchinger schreibt.

Auch der so fabelhafte wie vergessene Architekt Lucien Kroll erkannte 1982:

Der postmoderne Überdruss sucht aggressiv die direktstesn Wege, um so schnell wie möglich den Verdacht, modern zu sein, loszuwerden. Die schnellsten Wege sind natürlich stilistische Imitationen, das Verspielte, vorgetäuschte Verrücktheiten, mathematische Spielereien, alle Äußerungen des „Sich in seiner Haut unwohl Fühlens“. (Freibeuter 12, S. 81)

Kritik am Strukturalismus könnte an einem Punkt ansetzen, an dem Strukturalisten zwar entgegengesetzt zu den Postmodernisten arbeiteten, aber damit auch falsch lagen:

In der klassischen Moderne konnte noch die moderne Idee

mit einer sauber gelösten Gebäudeecke demonstriert werden, wie z.B. bei der Fagus-Fabrik von Walter Gropius. Im Strukturalismus verschiebt sich der Blickpunkt, die Gesamtansicht von oben wird aktuell.

Das stimmt. Die üblichen Publikationen zur strukturalistischen Architektur zeigen die Gebäude aus der Vogelperspektive, und in der Tat sieht man von oben die Gestaltungsabsicht am klarsten. Nur: Die Nutzer der Architektur nehmen diese Perspektive nie ein, insofern ist das ein unzulässiges Hilfsmittel. Darin könnte ein grundsätzliches Problem strukturalistischer Architektur zutage treten: Man erkennt ihren Vorteil nur aus einem Blick, der praktisch nicht erfahrbar ist. Die Gesamtansicht von oben ist eine, die dem Strukturalismus am entferntesten liegen sollte. Die Struktur muss im kleinen erfahrbar sein. Erkenn man sie nur von oben, ist sie totalitär.

Vielleicht ist das aber auch nur der mangelnden Kreativität des fotografischen Blicks geschuldet.

Erkenntnis gewänne man hier erst, wenn man das täte, was selbstverständlich sein sollte: Die Betroffenen fragen. Mit dem Schlagwort der Partizipation zeigt sich deutlich, dass die Strukturalisten dieses Problem gesehen haben.

fade out

(Foto: genova 2015)

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