Von der Negation des wirklichen Lebens und dem Zweifel

„Das Spektakel ist die Ideologie schlechthin, weil es das Wesen jedes ideologischen Systems in seiner Fülle darstellt und zum Ausdruck bringt: Die Verarmung, die Unterjochung und die Negation des wirklichen Lebens.“

Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels

Eine Arte-Dokumentation über die Alpen als Ort des Spektakels. Das Filmchen macht zwar den peinlichen Versuch, zwischen gutem Spektakel in Orten wie Ischgl und Laax einerseits und den Retortenorten in den französischen Alpen wie Lac de Tignes und Val Thorens („nicht nachhaltig“) zu unterscheiden, ist aber dennoch sehenswert. Ischgl als Paradeort für ideologisches Spektakel, bei dem einem spontan das Debord-Zitat einfällt.

Natur wird über hunderte von Kilometern angesteuert, nur um ihr zu entfliehen. Berge werden abgeflacht, Schnee künstlich produziert, Lawinen ausgelöst, denn der Berg muss funkionieren. Die kürzesten Dirndls der Welt und affirmative Unterhaltung total. Alkohol als Entgrenzungsmittel, um inmitten dieser Künstlichkeit etwas zu spüren, was als das wahre Leben gilt. Ein Protagonist hebt im Filmchen die Wichtigkeit des Springens hervor: auf Skiern, in der Hüpfburg. Springen als Mittel des konkreten Fühlens, der bewussten Körperlichkeit. Praktiker einer Geschäftsidee machen es möglich.

Andererseits: So simpel, wie Debord – und auch Adorno – sich im Wissen um das wahre Leben wähnten, ist es eben heute nicht mehr. Im Zeichen der totalen Unterdrückung, die – aber nur dann – als totale Freiheit erfahren wird, sind eindeutige Urteile nur noch unterm Signum der Ignoranz möglich.

Vielleicht sind heute die Gelbwesten das wahre Leben. Luxusgüter auf den Champs Elysées kaputthauen als Mittel des Sich-selbst-spürens. Ideologiefreie Zonen, die Unmittelbarkeit zählt. Diese Unmittelbarkeit hat etwas sehr sympathisches. Ferraris werden angezündet, Bullen verprügelt, man ist ganz bei sich. Wer kann das schon verurteilen? Oder eben Kümmerling kippen und Dirndls besteigen. Es ist egal. Vielleicht fährt so mancher Gelbwestler in den Weihnachtsferien nach Ischgl.

Machen wir also beides. Fahren wir am Wochenende nach Ischgl und zünden auf der Rückfahrt die Prinzregentenstraße in München an. Diese Unvorher- und Unkontrollierbarkeit ist vielleicht das probateste Mittel des Widerstandes. Überhaupt lustig: Diese Spießerwarnweste als Symbol der Auflehnung.

Natürlich stimmt man Debord zu. Die Bilder aus Ischgl als Verarmung, Unterjochung und Negation des wirklichen Lebens. Katastrophale Zustände. Die Entfremdung hat gesiegt, weil wir sie anstreben. Da das wirkliche Leben aber nur mit Zweifel zu haben ist, zweifeln wir auch an diesem unserem (H. Kohl) Urteil. Es geht nicht anders.

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