Das asoziale Deutschland und die Zimtbrötchen

Berliner kennen die Biobäckerkette Beumer und Lutum. Die suchen des öfteren Bäckereifachverkäufer. Zum Gehalt der auf ein Jahr befristeten Stelle steht in einer Online-Anzeige von Beumer und Lutum:

Der Stundenlohn bewegt sich je nach Erfahrung im Verkaufsbereich zwischen 9,15 und 10,20 Euro.

Das bedeutet bei einer avisierten 35-Stundenwoche einen Bruttolohn von 1.450 Euro pro Monat, wovon netto 1.085 Euro übrig bleiben. Fairerweise erwähne ich die Zuschläge:

Sonn- und Feiertagszuschläge werden bei sozialverischerungspflichtigen Arbeitsverhältnissen gewährt, sowie Urlaubs- und Weihnachtsgeld ab dem zweiten Jahr

Nehmen wir also großzügig an, dass die Fachverkäuferin öfter sonntags arbeitet und auf netto 1.150 Euro kommt.

In Frankreich liegt der Mindestlohn übrigens bei 9,88 Euro. Das ist ein Grund neben anderen, der zu den aktuellen Aufständen führt. Hierzulande ist man naturgemäß devot und führeraffin.

In dem mir bekannten Filialen von Beumer und Lutum finde ich die Arbeitsplätze unangenehm: Ein enger Raum hinter der Verkaufstheke, wo man kaum aneinander vorbeikommt, es werden die Laufkunden bedient, zusätzlich die Gäste des angeschlossenen Cafés und außerdem kocht man noch das Mittagessen. Sozialstress. Alles recht hochpreisig, ein Brötchen in Zimtausführung beispielsweise kostet einen Euro. Aber für Bio zahlt man, wie man sagt, ja gerne mehr.

Die Beumer-und-Lutum-Bäckereien sind teilweise in EG-Ladengeschäften in schönen Altbauten in günstigen Kreuzberger Lagen angesiedelt. Man kann über die Mietpreise nur spekulieren, aber die Annahme von 25 Euro kalt für einen Quadratmeter dürfte nicht unrealistisch sein.

Die Mieten in der Gegend und in den weitesten Teilen Berlins liegen so, dass die Verkäuferinnen und Verkäufer für eine angenommene Wohnung mit 40 Quadratmetern bei Neuvermietung warm mit 800 Euro rechnen müssen. Nicht für etwas Luxuriöses, sondern standardsaniertes. Blieben also 350 Euro zum Leben, aber auch nur bei Sonntagsarbeit. Diese Verkäufer wären nicht einmal aufstockerberechtigt, denn dem Amt wäre die Wohnung zu teuer. Man bekäme vermutlich mitgeteilt, dass man sich eine billigere Wohnung suchen solle. In Frankfurt an der Oder gebe es sicher noch etwas.

Es gibt in diesem Modell also eine Person, die viel Geld verdient. Und das ist exakt die eine Person, die nicht arbeitet: Der Ladenbesitzer. Warum das Zimtbrötchen einen Euro kostet, wissen wir jetzt auch.

So geht Kapitalismus, so geht Ausbeutung. Wer andere für sich arbeitet lässt, kommt zu einem Vermögen. Die Arbeitenden finden keine Wohnung.

Wie asozial die Verhältnisse in Deutschland sind, kann man also beim Gang zum Bäcker feststellen. Wie erfolgreich die neoliberale Gehirnwäsche funktioniert, daran, dass wir diese Verhältnisse beim Gang zum Bäcker für nicht änderbar halten.

(Foto: genova 2017)

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