Mit Verstand und Gefühl noch nicht erfasst

Unsere Welt, die infolge der technischen Erfindungen wie Flugwesen, drahtlose Telegraphie, Radio usw. eine innige Verbindung der Länder und Völker haben müsste, zeigt das Gegenteil, die totale Zerissenheit, die sich in der Seele jedes Erdbewohners widerspiegelt und ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Selbst der Kodex einfachster Moral ist verlorengegangen.

Über die Menschen ist eine soziale und technische Entwicklung hinweggegangen, die sie mit ihrem Verstand und Gefühl noch nicht erfasst haben. Sie können es nicht, weil ihnen die dazu notwendigen Formen des Denkens und Fühlens fehlen.

Klingt aktuell, ist aber von 1937.  Das schrieb der Architekt Bruno Taut in seiner Architekturlehre in der Türkei. Der Text zeigt, dass Globalisierung nichts Neues ist, wie man uns heute gerne weismacht, und auch nicht das Problem. Damals wie heute sind wir einerseits mit technologischem Fortschritt und einem Zusammenrücken der Welt konfrontiert, das aber nur noch ungenügend zivilisatorisch abgesichert wird. Statt Zivilisation gebärdet sich das Kapital, die Folge sind faschistische Entwicklungen in allen Teilen der Welt. Und heute die gleiche Merkwürdigkeit wie damals: Auf Zumutungen des Kapitals hin wird gefordert, die Zumutungen zu verschärfen. In Brasilien will der neue Präsident den Regenwald schneller zerstören. Favelabewohner stimmen zu, weil man ihnen offenbar weisgemacht hat, sie hätten etwas davon.

Das Probem ist also nicht das Zusammenrücken, sondern die Haltung, dass dies nur mit einem Abbau von Zivilität machbar sei. Diese Argumentation vertritt das sogenannte Establishment, es vertreten die üblichen Parteien und jemand wie der neue Shootingstar, der Grüne Roland Haferbeck (oder so ähnlich), fordert auf rein theoretischer Ebene die Handlungsfähigkeit der Politik zurück, ohne irgendeinen ernsthaften Ansatz zu präsentieren. Aber das erwartet man von den Grünen auch nicht mehr.

Es bräuchte naturgemäß eine Entmachtung von google und weiterer schätzungsweise 100 großer Konzerne wie es das Einziehen des Stiftungsvermögens von Bill Gates bräuchte, das aus legal geklautem Geld besteht. Statt diese notwendigen Schritte anzugehen, macht man die Genannten stärker so wie der Alkoholiker die Dosis erhöht.

Globalisierung ist, damals wie heute, von neoliberaler Politik gekennzeichnet. Es geht einzig darum, dem Kapital immer weitere Verwertungsquellen zu erschließen. Das funktioniert gut, indem einerseits man Nationalstaaten faktisch entmachtet, indem man dem Kapital anbietet, möglichst steuerfrei dorthin zu gehen, wo die Rendite am höchsten scheint. Und andererseits, indem man dem Kapital innerstaatlich diese Verwertungsquellen schafft. Das nennt man euphemistisch Privatisierung, und die Entwicklung im Gesundheitssektor veranschaulicht beispielhaft, wie der Staat im Kapitalismus einzig die Aufgabe hat, diese Verwertungsquellen zu generieren.

Die taz schreibt:

In den Gesundheitssektor hat unsere Gesellschaft bislang einen Teil ihres Reichtums investiert, zum Wohle aller. Das Gesundheitswesen war ein wichtiger Teil des Sozialsystems. Nun zieht sich der Staat zurück und macht Platz für Investoren. Das Gesundheitswesen wird zu einem Wirtschaftszweig, in dem ganz andere Gesetze gelten als in einem Sozialsystem. Die Gesundheitswirtschaft wird zur Quelle neuen Reichtums für Investoren, die dorthin gelockt werden durch hohe Renditen von mehr als 10 Prozent, wie sie zurzeit in keinem anderen Wirtschaftszweig auch nur annähernd winken. Die Marktwirtschaft verliert hier ihr soziales Mäntelchen.

Zehn Prozent, die die Kranken bezahlen. Einen Teil des Reichtums zum Wohle aller investieren, das ist von gestern. Die Perversion des Systems ist damit ganz gut beschrieben. Es ist aus ideologischen Gründen nicht möglich, Geld verwertungsfrei zu investieren. Der Grund, dass es gut für Menschen wäre, ist ein renditefreier, insofern nicht Ernst zu nehmen. Geld wird entweder für einen Ferrari ausgegeben oder es wird zu Kapital. Alles andere ist aus dem Denken gestrichen. Geld als Fetisch.

Und die taz berichtet im selben Artikel über die Privatisierungswelle bei Krankenhäusern,

die inzwischen solche Ausmaße angenommen hat, dass Deutschland heute mit der Zahl der privatisierten Krankenhausbetten an der Spitze in der Welt steht, noch vor den USA.

Die Deutschen machen naturgemäß alles gründlich.

Der Artikel, von Bernd Hontschik geschrieben und sehr lesenswert, bringt am Ende das Problem auf den Punkt:

Dieser Deformationsprozess hat Ursachen, die außerhalb des Gesundheitswesens und außerhalb der Humanmedizin gesucht werden müssen und zu finden sind. Er ist Teil einer Umwälzung, von der ausnahmslos alle Sozialsysteme in unserer Gesellschaft betroffen sind.

In einfachen Worten kann man das so dechiffrieren: Nicht mehr der Kranke ist Gegenstand der Medizin, der Heilkunst, sondern die Krankheit ist Gegenstand eines Programms; um es genau zu sagen: eines profitablen Wirtschaftsprogramms. Das ist die Konkretion der Verwandlung des Gesundheitswesens in eine Gesundheitswirtschaft.

Das Krankenhaus dient nicht der Gesundung, sondern der Rendite, wie auch die Wohnung nicht dem Wohnen dient, sondern der Rendite. Das gleiche gilt für jeden privatisierten Bereich. Es ist die völlige Perversion des Sozialen. Da helfen keine Argumente, es ist strukturell ähnlich wie bei Nazis 1944. Dass der Kamerad Friedrich Merz wieder aufgetaucht ist, zeigt, wie sehr man sich dieser Perversion verschrieben hat. Bei Merz wird die totale Rendite von der deutschen Leitkultur flankiert. Die braucht man, um das Unwohlsein, das bei der Praxis der Renditemaximierung zwangsläufig entsteht, in Bahnen zu lenken.

Erfolgreich sind heute Parteien, die entweder sich ins faschistische Fahrwasser begeben und dahin den autoritären Typus mitnehmen oder die, die Wähler anziehen, die auf ein gutes Gewissen wertlegen, wobei sich aber real nichts ändern darf. Auf keinen Fall ernsthaft das Problem angehen. Das wäre der Todesstoß, der nicht von geheimen Diensten vorgenommen werden müsste, sondern den die Masse freiwillig erledigte. Je absurder die Situation, desto klammaffenartiger hält man daran fest.

Der Kodex einfachster Moral ist verlorengegangen: Wer würde das bestreiten, wenn er die Nichtsteuerzahlungen der Konzerne in Europa betrachtet. Oder das 150-Milliarden-Dollar-Vermögen von Jeff Bezos mit den Zuständen in seinen Lagerhallen vergleicht? Von Wohnungen als Spekulationsobjekt ganz zu schweigen. Und die Menschen können das nicht erfassen, weil ihnen die notwendigen Formen fehlen, was ich heute als Produkt neoliberaler Gehirnwäsche interpretieren würde.

Der Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer sagte kürzlich zum Thema:

Der Glaube an den selbstverständlichen dauerhaften Bestand liberaler Demokratiemodelle war schon seit Langem ein Irrtum. So wie Fukuyamas These vom Ende der Geschichte ein Irrtum war. Das habe ich 2001 schon geschrieben und mich vor allem auf meinen Kollegen Ralf Dahrendorf bezogen. Der hat schon 1997 gesagt: Wir stehen wahrscheinlich am Beginn eines autoritären Jahrhunderts. Er hat das mit dem Bild der Quadratur des Kreises sehr anschaulich beschrieben: Man müsse die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit erhalten, soziale Integration sichern und die politische Beteiligung in freien Institutionen ermöglichen. Seine These war: Alles drei zusammen geht nicht. Es war die Frage: An welcher Stelle wird es gefährlich? Meine These war 2001: Bei sozialen Desintegrationsprozessen, Kontrollverlusten und Demokratieentleerung. Das Kapital setzt sich durch und erzeugt riesige politische Folgeprobleme, die gegen die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie gerichtet werden.

Demzufolge schafft sich eine liberale Demokratie, die die Übermacht des Kapitals zulässt, selbst ab.

Wir haben die Wahl: Konservative Revolution auf der einen und Simulation einer besseren Welt auf der anderen Seite.

Taut war, als er das obige 1937 schrieb, schon im Exil. Wir haben noch ein wenig Zeit.

(Foto: genova 2010)

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5 Antworten zu Mit Verstand und Gefühl noch nicht erfasst

  1. ebversum schreibt:

    Wir haben die Wahl: Konservative Revolution auf der einen und Simulation einer besseren Welt auf der anderen Seite.
    Keine andere Wahl? Ich glaubte an den Weg der Aufklärung und der Erkenntnis, doch das Meer des Blutes und das Meer der Lüge, waren schneller, als sie sich mischten und über dieses letzte trockene Land hinwegfegten?

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  2. krisenblogger schreibt:

    „Taut war, als er das obige 1937 schrieb, schon im Exil. Wir haben noch ein wenig Zeit.“
    Leider falsch. Weder haben wir irgendwelche Zeit übrig, noch gibt es irgendein Exil, in welches man vor den allgegenwärtigen und weiterhin grassierenden Verheerungen des Kapitals flüchten könnte.
    Eine klassische Tautologie, wenn man so will

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  3. genova68 schreibt:

    eb,
    Aufklärung und Erkenntnis klingen gut, aber in der Geschichte läuft das nicht so clean. In der Praxis läuft das eher über Wut, mit viel Irrationalem, siehe aktuell Frankreich. Es ist ganz interessant, dass da alle möglichen Leute zusammenkommen, auch solche, die man nicht dabeihaben will, Homophobe, Rassisten. Aber die Praxis ist wohl naturgemäß nicht kontrollierbar, es ist der Ausfluss der herrschenden Verhältnisse, und die bringen Homophobe und Rassisten hervor.

    krisenblogger,
    ja, eine Tautologie :-) Dass ich da nicht selbst draufgekommen bin…

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  4. Jakobiner schreibt:

    Aufforderung an Genova auf Leo Bux Blog doch einmal die Thesen von der HUmanistischen Partei von Frank Berhhaus zu mommentieren, die durch und durch neoliberal sind:

    Hier würde ich mir wünschen, dass Genova mal einen Kommentar zu Frank Berghaus, seinen „Humanisten“ und der Gottgewolltheit von kapitalistischen Gesetzen und dem Neoliberlaismus schreibt, die er ja immer treffend auf seinem eigenen Blog zerbröselt und dekonstruiert.

    http://migrationsblog.de/2018/12/10/gelbwesten-querfront-anarchie/#comment-68643

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  5. genova68 schreibt:

    Kein Interesse. Diskussionen im Internet sind sinnlos. Ich diskutiere nur noch mit Leuten, die meiner Meinung sind.

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